Warschauer Brücke in Berlin : Ärger um Live-Musik an der Partymeile

In Friedrichshain gibt die Band "Hashtag Proberaum" regelmäßig Konzerte unter freiem Himmel. Das Ordnungsamt verhängt ein Bußgeld und erkennt einen typischen Berliner Konflikt - ist aber ansonsten ratlos.

Martin Niewendick
Sängerin Wanja (mitte) und Rapper Simdal (rechts) bei einem Konzert unter der Warschauer Brücke.
Sängerin Wanja (mitte) und Rapper Simdal (rechts) bei einem Konzert unter der Warschauer Brücke.Foto: Alex Lehmann

Der Platz unter der Warschauer Brücke ist ihr natürliches Revier. Wenn sie antreten, recken neugierige Touristen die Köpfe über das Brückengeländer, unten sammelt sich eine Menschentraube. Kameras blitzen, Menschen tanzen zu Soul, Funk und Hip-Hop-Musik. Damit könnte in diesem Jahr Schluss sein. Das Ordnungsamt hat einen Brief verschickt.

Die Berliner Band „Hashtag Proberaum“ gehört in lauschigen Sommernächten zwischen Revaler Straße und Warschauer Straße in Friedrichshain zum Straßenbild von Berlin. Im Epizentrum des Party-Tourismus geben Sängerin Wanja und Rapper Simdal seit 2013 kostenlose Konzerte unter freiem Himmel. Ihr Stammplatz ist eine Betonfläche unterhalb der Warschauer Brücke. Der Strom für Mischpult, Licht und Mikrofone kommt aus dem Generator. Nun allerdings haben sie es schriftlich: Ihre Konzerte an der Clubmeile sind „ruhestörende Lärmbelästigung“.

„Ich finde die Reaktion überzogen“

Hashtag-Rapper Jonathan Ghebresellassie alias Simdal wurde vom Ordnungsamt Friedrichshain-Kreuzberg abgemahnt. Mehr als 500 Euro soll er bezahlen. Er habe die beanstandete Lärmbelästigung „verursacht bzw. zumindest zugelassen“, steht in dem Schreiben, das die Band über ihre Facebook-Seite veröffentlicht hat. Dabei führt das Ordnungsamt verschiedene Paragraphen aus dem Landes-Immissionsschutzgesetz an. Darin ist etwa der Schutz der Nachtruhe zwischen 22 Uhr und 6 Uhr geregelt, aber auch: „Tonwiedergabegeräte und Musikinstrumente dürfen nicht in einer Lautstärke benutzt werden, durch die jemand erheblich gestört wird.“ Wann genau eine erhebliche Störung vorliegt, ist nicht näher definiert.

„Ich finde die Reaktion überzogen“, sagt Simdal dem Tagesspiegel. Schon rund 15 Mal habe die Band unter der Brücke gespielt, bis auf ein Mal sei nie ein Bußgeld fällig gewesen. Dass er ausgerechnet dort Ruhestörung begangenen haben soll, findet er merkwürdig. "Wir spielen zwischen Partymeile, S-Bahn und O2-Gelände, wen sollen wir da stören?“

Bezirksamt-Sprecher Sascha Langenbach sagt: „Wir haben hier einen klassischen Nutzungskonflikt.“ Einerseits gebe es dort regelmäßig Anwohnerbeschwerden. Andererseits ist die Stelle gerade für Musiker wegen der Touristenmassen sehr attraktiv. Eine Musterlösung hat auch er nicht parat: „Man muss das halt so regeln, dass möglichst niemand gestört wird.“

Straßenmusiker gehören gerade in Kreuzberg und Friedrichshain zum Stadtbild. In U-Bahnhöfen, auf Plätzen und in Parks wird vor allem an Wochenenden geklampft, getrommelt und gesungen was das Zeug hält. Nicht alle nutzen dabei allerdings Mikrofone, Verstärker und Boxen.

Das Bauamt blockt ab

Schon mehrmals hat sich der Musiker um eine Genehmigung für die umstrittene Stelle bemüht. Die müsste das Umweltamt erteilen, wegen der Lautstärke. Und um Musik-Boxen aufstellen zu dürfen, muss das Bauamt zustimmen. Das Umweltamt habe Zustimmung signalisiert, sagt Simdal. Nur das Bauamt blockt ab. „Die haben mir geraten, mir die Boxen auf den Rücken zu schnallen. Dann sei das okay.“

Im Juni geht für die Band eigentlich die Saison wieder los. Auf weitere Konzerte unter der Brücke verzichtet sie erst einmal. Wanja und Simdal bemühen sich derzeit um ein Privatgelände auf dem sie im Sommer ungestört spielen können. Bei ihren Gigs unter der Warschauer Brücke lässt die Band lediglich einen Hut herum gehen. Eine feste Gage bekommen sie dafür nicht. Um das Bußgeld zu stemmen will Simdal bald eine Solidaritäts-Party veranstalten. Wo, weiß er noch nicht. Nicht auf der Straße jedenfalls.

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