Was macht die Familie? : Pelze verteilen

Wie ein Vaterdie Stadt erleben kann.

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Als Familienvater macht man sich ständig Gedanken, wie man die Welt etwas besser machen kann. Schon wegen der Kinder. Wenn man schon Auto fahren muss, sollte man wenigstens Biomode tragen. Das sind kompostierbare Textilien, die frei von Chemikalien und Giften hergestellt werden. Sie können Sie nach dem Auftragen bedenkenlos in jeder Grünanlage entsorgen, nur vor den Kontrolleuren des Ordnungsamts sollten Sie sich in Acht nehmen. Die unterscheiden nicht zwischen biodynamischem und umweltschädlichem Abfall. Kostet beides 30 Euro. Also besser in die braune Tonne damit.

Natürlich achten wir zu Hause auf Nachhaltigkeit. Wir tragen keine biologisch abbaubare Kleidung, aber wenn Greta, unsere Jüngste, aus den Jacken oder Hosen ihrer großen Schwester herausgewachsen ist, geben wir die Sachen gerne weiter, solange sie noch tragbar sind. Kinderkleidung kommt bei uns nicht in den Altkleidercontainer. Sorry, Afrika! Die Bedürftigen im Bekanntenkreis sind uns näher. Viele Zeitungsleser (und Google-Nutzer) wollen vom Elend in unserer Branche nichts wissen. Eine ganze Generation junger Leute vergeudet sich heute schlecht bezahlt für „irgendwas mit Medien“. Und in diesen prekären Lebensverhältnissen gibt es auch alleinerziehende Mütter wie Sonja (Name geändert). Unsere Freundin schlägt sich seit Jahren als Kriminalreporterin auf Honorarbasis durch, von Raub zu Raub, von Totschlag zu Totschlag. Unlängst haben wir Sonjas dreijähriger Tochter einen Wintermantel von Greta vermacht. War mal ein Geschenk meiner Schwiegermutter aus Italien, strapazierfähige Ware, gefüttert, tipptopp. Kurz darauf gehen Mutter und Kind in der Hasenheide spazieren und begegnen einer Bekannten, auch Kreativ-Prekariat, freie Fotografin, geschmackssicher in Woolrich-Jacke gekleidet. „Schick, dein Kind. Und die Kapuze mit echtem Pelz!“ Sonja überrascht: „Wie, echter Pelz?“ – „Mensch, sehe ich doch auf 50 Meter Entfernung, dass der echt ist. Da musst du aufpassen in Kreuzberg“, warnt sie. In der Reichenberger sei sie mal von einem Passanten angerempelt worden, als sie ihre Jacke mit Fellbesatz getragen habe. „Verpiss dich hier mit deinem toten Tier“, habe der gebrüllt. Mit Biomode allein ist man als Weltverbesserer in Ökotopia eben längst nicht auf der sicheren Seite. Zieht euch lieber vegan an!Stephan Wiehler

Ökologisch korrekt geht es am Sonntag, 11-18 Uhr, wieder beim „Handmade Supermarket“ in der Markthalle Eisenbahnstraße 44/46 in Kreuzberg zu: Biomode, Schmuck aus fair gehandelten Edelmetallen, Accessoires aus Recyclingmaterialien und vieles mehr, Eintritt frei.

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