Webdoku über Massaker an Italienern von 1945 : Das Kriegsverbrechen von Treuenbrietzen

Ein Film, der im Internet abrufbar ist, erinnert ab sofort und jederzeit an einen schwarzen Moment in der Geschichte. Gut so!, sagt Gianfranco Ceccanei aus Berlin, der mithalf, die Ereignisse des 23. April 1945 an die Öffentlichkeit zu bringen: Damit die Toten nicht "einfach vergessen" werden.

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Ort der Trauer. Die Toten wurden umgebettet auf den Waldfriedhof Zehlendorf. Der Sohn eines der Ermordeten kommt jedes Jahr am 23. April hierher, um den Vater zu ehren.
Ort der Trauer. Die Toten wurden umgebettet auf den Waldfriedhof Zehlendorf. Der Sohn eines der Ermordeten kommt jedes Jahr am 23....Foto: "Im märkischen Sand"

Irgendwann hatte er ihn am Telefon. „Sind Sie Edo Magnalardo?“ „Ja.“

„Waren Sie im Zweiten Weltkrieg in Deutschland?“ „Ja.“

„Sind Sie einer der Überlebenden des Massakers von Treuenbrietzen?“ „Ja.“

Dann war erst mal Schweigen.

„Ziemlich reserviert“ sei die erste Reaktion von Edo Magnalardo gewesen, sagt Gianfranco Ceccanei, Politologe, Volkshochschullehrer, Hobbyhistoriker, und schaut auf die Unterlagen, die auf dem Tisch in seiner Berliner Wohnung ausgebreitet sind. Bücher über italienische Kriegsinternierte in Deutschland, die Liste mit den Namen der in Treuenbrietzen Ermordeten, die kopierten Memorien von Edo Magnalardo.

127 Italiener wurden am 23. April 1945 zu einer Sandgrube im nahen Kiefernwäldchen geführt und erschossen. Es waren Zwangsarbeiter aus dem Lager „Sebaldushof“ der Treuenbrietzener Rüstungsfirma Kopp & Co. Nur Magnalardo und drei weitere Männer überlebten, versteckt unter den Leichen. Sie konnten fliehen und publik machen, was geschehen war. Sie sorgten auch dafür, dass die Toten geborgen und auf dem Waldfriedhof Zehlendorf bestattet wurden.

Geheim ist das Verbrechen nicht, aber auch nicht bekannt

Geheim ist es also nicht, das Massaker von Treuenbrietzen, „aber auch nicht bekannt“, sagt Gianfranco Ceccanei. Das wollte er so nicht lassen. Gemeinsam mit seinem Berliner Freund und Kollegen Bodo Förster recherchierte er in Italien und Deutschland, unterstützt vom Heimatverein in Treuenbrietzen. Sie fanden die Überlebenden, schufen Öffentlichkeit für das ungesühnte Kriegsverbrechen. Wer die Täter damals waren? „Man weiß es nicht“, sagt Ceccanei.

Aber trotzdem sei viel passiert. Es gibt seit 2002 eine Städtepartnerschaft zwischen Magnalardos Heimatort Chiaravalle und Treuenbrietzen, es gibt einen gemeinsamen Gedenktag, den 23. April, zu dem Angehörige der Ermordeten nach Brandenburg kommen, und an diesem Wochenende wird in Kinos in Berlin und Treuenbrietzen der außergewöhnliche Webdoku-Film „Im märkischen Sand“ vorgestellt, der das Verbrechen und seine Aufklärung nachzeichnet – und ab sofort im Internet abrufbar ist.

Nachzeichnung. Den 23. April 1945 zeichnet die Webdoku im Stil einer Graphic Novel auf sehr kunstvolle Weise nach. Fotos: Im Märkischen Sand/Cosimo Miorelli
Nachzeichnung. Den 23. April 1945 zeichnet die Webdoku im Stil einer Graphic Novel auf sehr kunstvolle Weise nach. Fotos: Im...Foto: "Im märkischen Sand"/Cosimo Miorelli

„Damit nicht alles einfach vergessen wird“, sagt Ceccanei. Dafür sei das gut: das Treffen, das Sich-Erinnern, das Miteinandersprechen, das gemeinsame Filmanschauen. Es gibt Jugendliche in Treuenbrietzen, die die Namen der Toten auf Steine gemalt haben. Ceccanei hat Italienischkurse in der kleinen Stadt angeboten, man hat sich kennengelernt. Das wird immer wichtiger, denn von den vier Zeitzeugen lebt nur noch Antonio Cesari.

Er ist inzwischen 92 Jahre alt und nach einem Sturz nicht reisefähig, so dass er in diesem Jahr nicht nach Treuenbrietzen kommen wird. Im Film aber kann man ihn sehen. Er erzählt dort auch, wieso er angefangen hat, über das Massaker zu schweigen: Als er – zurück in Italien – bei den Behörden Meldung machen wollte über den Mord an mehr als 120 Männern, da habe der Sachbearbeiter das resigniert abgewehrt: Es seien so viele Menschen gestorben in dem Krieg, was machten da 100 Tote mehr oder weniger? Welche Toten welche Bedeutung haben, die Frage gibt es auch in Treuenbrietzen, wo auf den 23. April 1945 auch ein Massaker von Soldaten der Roten Armee an deutschen Zivilisten datiert. Auch das ein ungesühntes Kriegsverbrechen. Zu den Opferzahlen gibt es unterschiedliche Angaben.

Wolfgang Ucksche vom Heimatverein spricht von 1000 Menschen, die getötet worden seien. Das sei manchem Treuenbrietzener näher als die toten Italiener, sagt er. Wie auch nicht, wenn sich einige noch erinnern können, wie die russischen Soldaten ins Haus kamen und die Eltern erschossen? Die Sandgrube, die Rüstungsfabrik, die Italiener seien da vergleichsweise weit weg, sagt Ucksche.

Und doch wird an diesem Sonntag nach dem Kinobesuch gemeinsam gedacht. Aller Toten: der italienischen, der deutschen und der russischen Soldaten. „Opfer und Täter gleichermaßen ehren“, sagt Ucksche. Im Sinne von Edo Magnalardo ist das sicher. Kurz vor seinem Tod hat er gesagt, dass er dem Hauptmann, der das Massaker befahl, keine Vorwürfe mache, auch wenn das Geschehene „unauslöschlich“ in seinem Gedächtnis sei. Er wollte Versöhnung, wie wohl alle, die erleben mussten, zu was Unversöhnlichkeit führen kann.

- Die Webdoku läuft am 30. April auch im RBB unter dem Titel „Das dunkle Geheimnis von Treuenbrietzen“ (18 Uhr)

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