Wedding-Buch "Großer Bruder Zorn" : Die Ruhe vor dem Kampf

Von Boxern, Netto-Kassiererinnen und Flaschenfaschos: Am Freitag erscheint Johannes Ehrmanns Wedding-Roman „Großer Bruder Zorn“. Wir veröffentlichen exklusiv eine Leseprobe.

von
Foto: William Veder
Foto: William Veder

Bevor es losgeht.

Glaub nicht, dass es hier was zu sehen gibt.

Mach dich klein, wenn du schon hier rumhängen musst. Beweg dich langsam. Fang nicht an zu rennen. Kein Fahrrad. Schon mal einen von uns auf dem Fahrrad gesehen? Stell dich am besten hinter den Baum. Tu, als wärst du nicht da. Halt den Mund. Fass nichts an.

Wenn du glaubst, das hier ist ein Zoo, kriegst du eine.

Wenn du glaubst, du bist die Heilsarmee, kriegst du eine.

Wenn du glaubst, du bist Gandhi, gibt’s richtig.

Wir sind, wer wir sind. Normale Leute. Nichts Besonderes. Was soll schon sein.

Is was?

War was?

Was, was?

Glaub nicht, dass es hier was zu holen gibt. Gibt hier nichts. Du brauchst hier nicht viel. Ordentliches Shirt, paar Nike-Treter, Original-Kopie vom Vietnamesenmarkt, und die Assis erkennst du an den Victorys von Deichmann.

Wenn du was hast, dann zeig’s nicht, ist besser so. Und den Jungs mit den Camp-David-Hemden in den dicken Karren nimmst du besser nichts weg, eh klar.

Die Dinge sind hier was anderes wert, verstehst du. Döner zweifünfzig, Tee ein Euro, die Pornos gebrannt, die Pall Mall aus Polen, die BVG für umme, wenn du schnell genug bist. Und wer ist nicht schneller als die Scheiß-BVG.

Jeder ist sein eigenes Krickelmännlein. Ein hingewichstes Graffiti an der nächstbesten Mauer. Schnell weiter. Die Grenzen unsichtbar, aber unübersehbar, und die großen Linien gibt’s nur hinten im Klo. Also lass die Schablonen mal schön im Malkasten. Und das ist der letzte Tipp für heute.

Ist nicht alles gut hier, aber zeig mir ein Viertel, wo alles gut ist und man leben kann, ohne sich tot zu fühlen.

Und wenn du echt nicht anders kannst, wenn du’s wirklich nicht lassen kannst, dann, Meister, chill halt noch kurz.

Aber geh uns nicht auf den Sack. Halt die Füße still. Guck ein bisschen zu. Versuch nicht, uns zu verstehen.

Und dann Abflug.

Sonst, wie gesagt, Maul.

1: Im Späti

Foto: William Veder
Foto: William Veder

Serdar steht unten im Späti und fragt sich, was los ist. Schon ein bisschen bescheuert, weil das ja genau die Frage ist, mit der alles losgegangen ist. Der Tag. Die Woche. Das Drama.

Was ist los?, sagt Serdar in den leeren Laden. Was ist eigentlich los? Was?

Die Antwort ist ein höllisch lautes Piepen, draußen vor der Tür. Serdar schaut hoch und sieht, wie Getränke-Tommy seinen Transporter zurücksetzt. Nachschub für die Durstigen vom Bellermannplatz.

Wobei, ein Kunde hat sich in der letzten halben Stunde eher nicht blicken lassen. Montag, halb elf, da ist es ruhig im Späti. Die Arbeitstätigen sind schon durch und die Assis kommen erst später. Müssen sich erst mal irgendwo was pumpen. Das Wochenende ist teuer, und am teuersten ist es eh immer für die, die nichts haben.

Serdar geht um die Verkaufstheke, schnappt sich den Holzkeil aus dem Regal und klemmt ihn unter die Eingangstür.

Hey, Tommy.

Tag schön, Schrödi.

Getränke-Tommy, ein Marzahner Riese mit tätowierten Waden, ist allgemein ein okayer Kerl. Hat im Prinzip nur eine ungute Angewohnheit. Er will und muss und wird dir auf den Sack gehen, permanent, von A bis Z. Fängt schon mit der Begrüßung an. Je nach Tageszeit: Morgen schön, Tag schön, Abend schön.

Wer bitte redet so?, denkt Serdar, als ihm Tommy den Lieferschein rübergibt.

Alles dagehabt, Schrödi, sagt Getränke-Tommy und trägt drei gestapelte Beck’s-Kisten in den Laden, als wären es Styropor-Kartons. Alles da, brauchst nicht checken.

Natürlich muss Tommy ihn auch unbedingt mit seinem Nachnamen anreden, Schrödi, Schröder, obwohl er genau weiß, wie sehr er das hasst. Serdar Schröder. Wie das schon klingt. Scheiße klingt das. Und wer in dieser Welt findet schon den Nachnamen von seinem Stiefvater cool? Da muss der gar nicht mal so ein Idiot sein wie Uwe Schröder, Lord Wichtig von Spätkaufs Gnaden, der wahrscheinlich gerade zuhause bei einem Käffchen noch mal die Beine hochlegt. Die faule Sau.

Serdar geht langsam raus zum Wagen. Es ist jetzt klar, und Tommy ist der letzte Beweis. Die neue Woche ist unterwegs.

Und nichts, um sie aufzuhalten.

Serdar schnappt sich eine einzelne Sterni-Kiste und wuchtet sie Richtung Eingang. Es ist Montag, okay, aber das ist es nicht. Mit den Frühstartern wird er fertig und mit den paar Abgebrannten, für die hat er ja extra die offenen Camel neben der Kasse liegen, 20 Cent das Stück oder auch mal 20 weniger, danke, Meister, biste heut Abend noch hier?, dann hab ich wieder, dann kriegste, weißt ja, komm doch immer her.

Serdar fängt an, die Sternis in den Kühlschrank zu sortieren. Der Kühlschrank brummt, viel zu laut, ist das Ding jetzt auch noch kaputt oder was?, denkt Serdar, und dann kracht es schon und Serdar sieht die Splitter auf dem Boden, und es sprudelt.

Bierbrunnen auf den Fliesen. Tommy glotzt durch die offene Kühlschranktür.

Montag, hm?

Ja, sagt Serdar. Montag.

Ist aber nicht das Problem. Wie gesagt.

Getränke-Tommy ist fertig. Er schmeißt die Transportertür zu und haut zum Abschied noch ein paar Mal auf die Hupe.

Ist gut, Tommy. Ist ja gut.

Serdar zieht den Keil aus der Tür und lässt sich auf den Bürostuhl hinter der Theke fallen.

Mach mal schön ruhig jetzt.

Aber ruhig ist anders.

Serdar denkt an Ella.

An ihre Worte.

Ihre letzten drei Worte.

2: Im Netto

Foto: William Veder
Foto: William Veder

Jessi sitzt an der Drei und will keine Pause.

Seit vier Stunden haben sie offen, ein Morgen auf Autopilot. Tschüss, schönen Tag noch. Hallo. Die Kunden fließen ineinander. Geht alles wie von selbst: die linke Hand vor zum Band, Artikel greifen, Artikel drehen, Artikel mit dem Code nach unten über den Scanner ziehen, pibb, Artikel mit der Rechten rüberschieben, während die andere Hand schon nach dem nächsten greift. Pibb, pibb, pibb. Dreizehn einundfünfzig, bitte. Fünfzig, danke. Und sechsunddreißig neunundvierzig zurück. Tschüss, schönen Tag noch. Hallo.

Die Bewegung ist immer die gleiche, der Text auch und das Blickfeld an der Drei auch.

90 Grad, so in etwa.

Links die Kunden mit ihren Einkaufswagen, das Warenband, die Last-Minute-Auslagen: CD-Rohlinge, 700MB, Brillenputztücher, Fünferpack, Lesehilfe, 1 bis 3,5 Dioptrien, Zigarettenfilter, Power 200 Kingsize. Das Fach mit den Hausfrauen-Postillen: Meine Familie und ICH. Lust auf GENUSS.

Ich. Genuss. Haha.

Das Ich ist der Kunde, und Jessi sieht aus wie alle Kollegen. Sie zieht die Ärmel ihres Polo-Shirts ein Stückchen hoch. Langarm in Netto-Rot, Einheitskluft. Jessis Netto ist ein roter Netto, kein gelber Netto. Der gelbe Netto ist der mit dem Scottie. Wie oft die Kunden einen da wohl nach Hundefutter fragen, aber gut.

Das Namensschild trägt Jessi oben links über der Brust, und die zwei Kragenknöpfe, die hat sie immer zu, so wie sie die Haare immer oben trägt, wie sieht das sonst aus, klar, ein bisschen ordentlich präsentieren musst du dich schon. Sind ja eigentlich auch okay die Shirts, könnte alles schlimmer sein, überleg mal, die hellblauen Aldi-Kittel, mein Gott.

So sitzt sie da, rotes Shirt, blonder Dutt, und in Sitzrichtung kommt die Zwei, an der normal die Müllersche sitzt, und dahinter kommt die Eins, logisch, aber die ist jetzt noch unbesetzt. Dann die Recycling-Boxen und dahinter der Eingangsbereich, ein durchsichtiger Glaskorridor. Rechts ist nur die Wand.

Wo bleibt der?

Jessi hat ein Auge auf den nächsten Kunden und ein Auge auf den Eingang. Der Rest geht von alleine, erst mal.

Die Ersten sind wie immer schon um viertel vor sieben da gewesen, haben schon gewartet, die Nase an der Schiebetür, die Rentner und die Rastlosen. Das sind eher noch die Normalen. Kurz danach sind die anderen gekommen, die Hängemäuler, so nennt Jessi die, die den Hass haben und den Hass mitbringen, Dauerhass, und wer weiß schon warum, Frau weg oder Job, Kater oder Charakter. Oder alles auf einmal.

Du erkennst sie an den Mundwinkeln. Die hängen auf halb acht. Und so kommen sie dann an, jeden Tag, irgendwann kommen sie und treten in Aktion. Heute hat einer drei Tüten voll in den Leergutautomaten gestopft, gab Stau, klar, rotes Lämpchen. Und dann wie immer das Gezeter, hallo, he, könnse ma, na Sie ham ja die Ruhe weg, watn Drecksladen. Dann knallt es hinten an der Aktions-Insel, ein Penner mit Hose in den Kniekehlen zupft sich zitternd am Bart, Frau Müller kommt mit dem Kehrblech, es riecht bis vor zur Drei. Royal Prima Sprit, 69,5 Prozent, 9,99 Euro. Der absolute Renner, seit sich das rumgesprochen hat, draußen am Platz.

Günstiger wird’s nicht, klar. Aber genug Power, um die Pulle aus dem Regal zu nehmen, brauchst du schon noch.

Tschüss, schönen Tag noch. Hallo. Jessi denkt an Line und ans Wochenende, das eigentlich nur ein Tag gewesen ist, mal wieder, ein mickriger Tag. Nur der Sonntag, um genau zu sein. Willkommen bei Netto, Ihrem Marken-Discount am Bellermannplatz, immer zu Ihren Diensten, Montag bis Samstag von 7 bis 22 Uhr.

Morgens haben sie das neue Malbuch ausprobiert, dazu ein paar alte Folgen Benjamin Blümchen gehört. Kassette, was ist das, Mama? Dann eine Runde auf dem Spielplatz gedreht, hinterher zwei Kugeln bei Janny’s, Erdbeer-Vanille mit Schokostreuseln. Abends dann Fischstäbchen mit Ketchup, Lines Lieblingsessen, und dann ist Mama direkt auf der Couch eingeschlafen.

Und jetzt ist der Montag auch schon wieder vier Stunden alt, und die Müllern hat sich eben ziemlich gewundert, dass Jessi sie zuerst in die Pause geschickt hat, kannst gehen, Frau Müller, ich mach nachher kurz, nee, wirklich, geh mal ruhig.

Lange kann es ja nicht mehr dauern.

Wo steckt der bloß?

3: Bei Aris

Foto: William Veder
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Im Bad bindet sich Aris seine paar Haare zusammen und schippt sich eine Handvoll Wasser ins Gesicht. Im Spiegel ein alter Boxer mit Halbglatze, großer Nase und hinten einem Pferdeschwanz. Sieht im gesprungenen Glas fast nach Kunst aus. Picasso-Style. Old boxer in bathroom. Oder so.

Wasser, Sprühdeo, von beidem nicht zu viel. Handtuch. Aris schnüffelt an seinen Achseln. Kann erst mal so durchgehen.

Was folgt, wird sich zeigen, sagt Aris feierlich in den Spiegel. Tha doume, file mou. Jetzt erst mal Hemd drüber, Runde über den Platz, Leergut abgeben und dann ... Na, wie gesagt.

Aris schnappt sich die Tüte mit den leeren Flaschen und macht auf dem Weg nach unten das Handy an. Verpasster Anruf, Achim.

Leck mich, Bruder. Handy auf lautlos.

Vor der Haustür steckt sich Aris eine an und guckt sich um. Außer ihm sind auch sonst schon ein paar wach.

Links buckelt Serdar eine volle Bierkiste in den Späti. Dahinter stellt Hassan vom Anayurt die Plastikstühle raus. Die Klause hat die Läden unten. Vor dem Internet-Café lungern die Rumänen. Am Brunnen hockt eine Mutter mit Kleinkind und atmet Rauch. Ein paar Meter weiter pisst ein Penner gegen den Baum. Im Hintergrund knallt die S-Bahn vorbei.

Schön hier.

Hey, Aris!

Kevin, Junge. Was läuft?

Kevin, der da hinter Aris im Türrahmen aufgetaucht ist, wohnt im Zweiten. Schlaues Kerlchen in Röhrenjeans. Macht grad das Abi nach. Will mal Designer werden. Bis dahin hilft er Aris mit den Plakaten. Ehrenamtlich, versteht sich. Von wegen Referenzen.

Hab die Entwürfe fertig. Willste sehen?

Logo. Zeig her den Scheiß.

Kevin wischt auf seinem iPhone herum.

Wild Wild Wedding?

Klingt doch geil, oder nicht?

Kevin guckt groß.

Klingt eher wie ein Scheiß-Will-Smith-Film.

Hm, macht Kevin. Kann ich nochmal ändern.

Mach mal, bitte. Fight Night. Einfach Fight Night. Fight Night Wedding. Sonst denken die Leute, wir machen Oben-Ohne-Rodeo oder was.

Okay. Kein Ding. Ist easy.

Aber Kevin klingt jetzt ein bisschen down.

Sonst sieht’s echt geil aus, sagt Aris schnell.

Ja?

Ja, sagt Aris und zieht an seiner Kippe.

Kann ich dann heute Nachmittag drucken lassen. 100 Stück?

Mach mal gleich 150, bitte. In A1. Wird groß diesmal.

Kevin zögert.

150 Mal A1? Du weißt, was das kostet?

Logo. Wird groß, wie gesagt.

Aris, Mann ...

Was denn?

Ich kann das nicht alles auslegen.

Hm?

Das Geld für die Druckerei, ich hab nicht so viel.

Ist doch nur bis Freitag.

Kevin sieht nicht happy aus.

Ach, komm, sagt Aris. Kannst du nicht deine Eltern fragen? Ich hab schon die ganzen Gagen an der Hacke, was meinst du, was die alle kosten?

Na ja, ich könnte ...

Siehste. Wird ne gute Sache.

Aris haut Kevin auf den schmalen Rücken. Klatscht ordentlich.

Glaub mir, das wird groß. Und vergiss nicht, alle einzuladen, ja? Deine ganzen Hipster-Kumpels. Sind geile Kämpfe diesmal. Also, reingehauen!

Aris hält die flache Hand hin, Kevin haut rein und schon steuert Aris dem Netto entgegen, Lucky im Mundwinkel, 1,75 Euro Plastikpfand am Handgelenk und die Hoffnung im Bauch, dass er sie gleich sehen wird.

4: An der Flasche

Foto: William Veder
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Der Flaschenfascho ist auch schon fit.

Hat sein Wägelchen die Schulstraße runtergeschoben, einmal quer über den Leopoldplatz, hat den Lausepark abgegrast, die Büsche rings ums Arbeitsamt und dann noch die Bahnhofshalle. Zwanzig Glaspullen und ein paar Plastik. Nicht schlecht für einen Montagmorgen, und an der Panke ist er noch gar nicht gewesen.

Jetzt erst mal Päuschen. Wichtig ist der freie Blick, geradeaus über den Bellermannplatz und linker Hand zum S-Bahn-Ausgang. Da schwärmen sie aus, die Eilfertigen, die Zivilisten-Parade, den ganzen Morgen. Pah.

Der Flaschenfascho setzt sein Berliner an und trinkt – vorsichtig, damit kein Bier auf den Kragen seiner M44 tropft, für die er sich heute entschieden hat, Feldbluse in Erbsentarn, fünffarbig, zwei praktische Taschen an der Vorderseite, offener Kragen. Es soll warm werden.

Voraussetzung für einen guten äußeren Eindruck ist immer ein ordentlicher Anzug.

Du brauchst Prinzipien im Leben, und der Flaschenfascho hat, beruflich gesehen, vor allem eins: Er achtet die Weddinger Außengrenzen. Plötzensee, Englisches Viertel, Wollank, Bösebrücke, Bernauer, Nordbahnhof, Fennbrücke. Bis dahin wird gesammelt und keinen Meter weiter.

Ist immer noch ein ziemlich großes Gebiet, Prinzenallee, Pankstraße, Sprengelkiez und so weiter. Wenn du zu Fuß unterwegs bist mit einem klapprigen Netto-Einkaufswagen mit der einen oder anderen bunten Tüte dran.

Und du wirst eins schnell merken. Dass nämlich der Weddinger und sein Frauchen, die Weddingerin, sich selbst dann noch für arme Schlucker halten, wenn sie’s längst zu einem 40-Zoll-Plasma und einer Surround-Anlage von Real,- gebracht haben. Und das heißt, dass sie ihr Leergut immer selbst zurück zum Späti tragen, Flasche für Flasche. Und vorher schön austrinken.

Aussichtslos ist es trotzdem nicht, im Gegenteil. Kannst schon was finden, musst nur wissen, wo. Musst eben einen Plan haben.

Und der Flaschenfascho, alter Hase der Kunst, hat einen guten Plan.

Und der basiert dann wieder auf anderen Prinzipien. Ortskenntnis. Disziplin. Hygiene. Das sind schon mal ein paar. Reinigen des gesamten Körpers mindestens einmal täglich. Tägliches Wechseln von Unterwäsche und Strümpfen.

Gib den anderen keinen Anlass, wofür auch immer.

Die richtige Mischung aus Freundlichkeit und Terror, das hat er lange begriffen, die ist der Schlüssel zu diesem Stadtteil. Und ein Alles marsch, zu den Waffen!, in der richtigen Lautstärke, hat noch so manchen Konflikt rund um den Bellermannplatz im Keim erstickt.

Der Flaschenfascho streicht seine Feldjacke glatt, stellt das leere Berliner zu den anderen Pullen in den Wagen und marschiert los, den Spätkauf Schröder im Visier.

Erst mal Kasse machen.

5: Der Kunde

Foto: William Veder
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Tschüss, schönen Tag noch. Hallo.

Die gleichen Worte, aber der Sound ist ein anderer. Ein bisschen lauter, vor allem das TSCHÜSS und der TAG, ein bisschen zu viel Betonung drin, wie wenn der DJ plötzlich den Regler hochreißt. Klingt vielleicht ein bisschen komisch, gut, aber lieber so, als dass dir mitten im Satz die Stimme wegbricht.

Jessi hofft, dass er es nicht merkt.

Den ersten Blick hat er wie immer schon durch die Glastür rübergeworfen, ein schneller Blick über die linke Schulter, schön unauffällig, und Jessi hat wie immer zurückgeguckt, weil sie ihn natürlich schon hat kommen sehen und seinem Gang gefolgt ist, halb durch die Wimpern, und dann hat er schnell wieder weggeguckt und so getan, als ob gar nichts wäre. Und sie hat den Zwanziger genommen, den der Kunde ihr schon ein paar Sekunden hingehalten hatte, und bitte, acht dreizehn zurück, danke, Ihnen auch.

Ein Ritual, kann man es so nennen?

Musst du den anderen nicht gut kennen, damit sich sowas entwickeln kann? Musst du nicht wenigstens mal drüber gesprochen haben? Keine Ahnung.

Jessi sitzt an der Drei, wartet, dass der nächste Kunde seinen PIN-Code eingibt, und fährt sich mit der Hand hinters linke Ohr, unwillkürlich, obwohl die Haare natürlich noch gut sitzen, drei Klammern auf jeder Seite, da passiert nichts.

Gleich ist er dran.

Sie guckt rüber zum Ende des Laufbands, wo das Bitte-nicht-mehr-anstellen-Schild hinter seinen Sachen herfährt, immer ein kleines Stückchen weiter, mit jedem Kunden ein paar Zentimeter in ihre Richtung.

Klar, normalerweise hätte sie die Kasse nicht unbedingt zumachen müssen, aber die Müller ist eh aus der Pause zurück, es ist gerade einigermaßen ruhig, und manchmal, findet Jessi, musst du dem Schicksal eben ein bisschen auf die Sprünge helfen.

Noch zwei vor ihm. Als Jessi eine Küchenrolle über den Scanner zieht, guckt sie schnell mal rüber. Er guckt auch, hat er wohl schon eine Weile, und jetzt kommt ein bisschen Panik in seine Augen, das sieht Jessi, und er guckt schnell runter auf seine Schuhe, zieht sein Handy aus der Hosentasche und fängt an, wild darauf herumzudrücken.

Jessi muss lachen, sie lacht leise, aber sie lacht, und der nächste Kunde, der denkt, dass sie sich irgendwie über seine Anwesenheit freut, lacht auch.

Als sie den zerknitterten Zehner nimmt, den ihr der Kunde hinhält, schaut sie noch mal schräg übers Laufband. Er hat aufgehört zu tippen und starrt immer noch auf sein Handy, die geschwungenen Brauen in der Mitte zusammengezogen, den Mund schmal, die breiten Schultern scheinen sich unter der Trainingsjacke anzuspannen.

Diesen angestrengten Blick hat er schon ziemlich gut drauf.

Jessi gibt Wechselgeld raus, tschüss, schönen Tag noch, der Kunde dreht sich zum Ausgang und stoppt mitten in der Bewegung, oh, Verzeihung, da quetscht sich einer an ihm vorbei, sorry, danke, Pferdeschwanz und Trainingsjacke, er würdigt sie keines Blickes, während er sich an den Kunden und der Kasse vorbeidrängelt , und Jessi starrt ihm nach, wie er mit großen Schritten Richtung Ausgang stapft, den Blick immer noch auf dem Handy, das er in einer Hand vor sich herträgt wie eine matschige Tomate, und dann guckt sie aufs Band zu seinen verlassenen Sachen vor dem Schild.

Eine Packung Golden Toast. Salami. H-Milch.

Bitte nicht mehr anstellen.

Was war das denn?

Der sah ja aus, als hätte er einen Geist gesehen.

Vergiss den mal, sagt Jessi auf dem Weg nach hinten vor sich her, und eine Kundin guckt sie fragend an.

6: Scheiß-News

Foto: William Veder
Foto: William Veder

Es gibt News und es gibt News. Und es gibt Scheiß-News.

So Preisklasse World Trade Center, zweites Flugzeug.

Da kannst du dich noch so gut gefangen haben nach dem Aufstehen, kannst deine Wasserflaschen abgegeben und dir zwei, drei Sachen aus dem Regal geschnappt haben, da kannst du dich angestellt und ein, zwei kleine Blicke riskiert haben, und dann macht sie auch noch die Kasse hinter dir dicht, das nächste gute Zeichen. Jetzt nur ruhig bleiben, easy, Aris, nüchtern und logisch rangehen und nicht zu auffällig rüberglotzen, am besten mal kurz das Handy raus, zur Tarnung, klar. Das alles kannst du machen und innerlich brennen und hoffen, so viel du willst.

Aber das wird dir alles nichts mehr bringen, wenn du kurz vor dem Abkassieren erfährst, dass dir gerade der Hauptkampf weggebrochen ist.

Da lässt du schon mal deinen Montagseinkauf liegen.

Da brauchst du erst mal frische Luft. Frische Luft und guten Empfang.

Aris läuft Slalom um die Baumstämme. Er hat nicht mal dran gedacht, sich eine Kippe anzumachen. Er hält das Handy vor sich wie eine entsicherte Handgranate und wartet darauf, dass was passiert. Dass es knallt. Dass sich die SMS selbst löscht. Oder dass eine hinterherkommt, haha, noch mal Momo hier, warn Witz, natürlich bin ich noch dabei, Freitag um sechs dann, aber gib’s zu, da hatt’ ich dich kurz!

Nur ist Momo jetzt nicht direkt der humorvolle Typ.

Die witzige Art hilft dir auch nicht weiter, wenn du gegen den Wikinger in den Ring steigen willst. Und groß zu spaßen ist mit den Devils eh noch nie gewesen.

Momo gegen den Wikinger, denkt Aris. Das wäre Ihr Match gewesen. Der Mega-Fight.

Gut, Momo hat fünf, acht Kilo Fett um die Hüften, er ist einen Kopf kleiner als der Rocker-Boss und hätte ab der dritten Runde die Backen aufgeblasen wie ein Frosch, aber der Mann kann und will immer noch einen Kampf liefern. Und er weiß auch wie. Nach 181 Amateurkämpfen und noch ein paar hintenraus als Profi macht dem keiner was vor, den hätte der Wikinger sich erst mal zurechtlegen müssen, und das auch noch gegen die komplette Halle, weil Momos Clan ihn dabei eher nicht angefeuert hätte. Und die anderen ohne Kutte auch nicht. Momo ist eine Legende hier.

Und jetzt? Wen zur Hölle sollen die Türken jetzt anfeuern? Wer soll jetzt überhaupt noch kommen am Freitag? Wenn sich das rumspricht, ist das Ding durch, bevor es losgegangen ist.

Es ist ja so: Wenn du schon bei den Vorkämpfen die üblichen Kompromisse eingehen musst, die so genannten Aufbaukämpfe, die Mauscheleien mit den Tschechen, wo dann gerne mal einer im Ring steht, der am Tag vorher noch Tankwart irgendwo hinter der Grenze war, und der sich auch schon beim ersten Körpertreffer hinlegt, dann ist das zwar nicht geil, aber du nimmst es in Kauf. Umso wichtiger ist es, dass du im weiteren Verlauf des Abends noch ein bisschen Action hast. Richtige, harte Action.

Momo-Style.

Und dazu brauchst du einen Hauptkampf, der zieht. Du brauchst Gegensätze. Bullig gegen schlank. Slugger gegen Boxer. Kroate gegen Serbe. Oder eben Rocker gegen Türke. Da ist Stimmung.

Du brauchst ein Match, das elektrisiert. Hat immer schon so funktioniert. Aris denkt an die Plakate, an den Slogan, der draufsteht, KAMPF DER KULTUREN, und dahinter ein fettes Ausrufezeichen, denn du musst ein bisschen auf den Putz hauen, als Box-Promoter sowieso. Das erwarten die Leute.

Die Plakate. Er muss Kevin anrufen.

Nein, stopp, erst muss er Momo anrufen. Das kann doch alles nicht wahr sein.

Tutet sogar.

Momo! Hör zu ... Was? ... Ja, hab ich bekommen. Aber pass auf ... Wie? Ja ... Nein, nein ... Ja, aber Momentchen mal ... Momo, Alter, hör mir mal kurz zu, bitte. Also, ich brauch wirklich ... Bitte? ... Nein, ich brauch jetzt, am Freitag ... Ja, aber wenn du doch heute noch ... Nein, hey, wenn die dich heute noch operieren, dann bist du doch ... Was? Momo, Mann, was ist los mit dir? ... Mir bricht da jetzt echt alles ... Geht doch nur um ein paar ... Ja, Alter, ja ... Ja, ist okay. Wie auch immer, Momo. Tschau. Bin ich eben im Arsch.

Erster Reflex: Das Handy einmal quer über den Platz feuern. Aris holt aus und merkt dann gerade noch rechtzeitig, dass da jetzt auch niemand so richtig was von hat.

Da setzt er sich stattdessen mal auf die nächste Bank, versucht ruhig zu atmen wie in der Rundenpause und guckt sich durch seine Oberschenkel die Pflastersteine an.

Kein Gegner für den Wikinger. Keine Fight Night.

Aris schüttelt den Kopf.

Blinddarm-Entzündung!

Nicht zu fassen.

Es haben schon welche mit gebrochenen Händen geboxt.

7: Beim Boxen

Foto: William Veder
Foto: William Veder

Hey, Trainer.

Manne guckt durch Serdar durch und bellt los.

SOOO, Kinderchens, jeder ein Gerät! Die KLEINEN Handschuhe. Fünf Minuten, locker reinkommen. AKTIVE Pausen, jeder eigenständig.

Manne nimmt die Rundenuhr vor den Bauch und stellt die Zeiger auf null. Die Jungs verteilen sich an den Säcken.

Trainer, kann ich mal kurz mit dir reden?

Ob du kannst, weiß ich nicht. Aber probier mal. UND ... ZEIT!

Die Jungs geben Gas. Die Handschuhe knallen aufs Leder. Die Ketten der Säcke klirren durch die Halle.

Trainer, sagt Serdar, ich wollte dich um was bitten.

Manne dreht minimal den Kopf.

Ich hab einen Kampf am Freitag. Da brauche ich einen guten Cornerman.

Manne zieht die Augenbrauen hoch.

Mensch, und ich dachte, du wolltest dich entschuldigen, dass du zwanzig Minuten zu spät zum Training kommst.

Serdar wartet und hält den Mund. Manchmal sagst du bei Manne besser erst mal gar nichts.

Na ja, sagt Manne nach einer Weile und guckt runter auf die Uhr, vielleicht ist das auch schon zu viel verlangt. EINE MINUTE!

Die Jungs ziehen das Tempo an. Die Säcke wackeln hin und her.

Feste Trainingszeiten, sagt Manne, das ist ja schon allerhand für die jungen Sportsfreunde von heute. Die kommen nur an, wenn sie was von einem wollen.

Serdar hält den Mund, verlagert das Gewicht von einem Bein aufs andere und wartet. Da kommt sicher noch was.

Also, wie war das? Einen für die Ecke brauchst du? Am Freitag? Bei was für einem Kampf überhaupt? Von uns boxt gar keiner am Freitag.

Na ja, sagt Serdar schnell, es hat sich da was ergeben für mich. Eine Riesenchance. Hauptkampf bei Aris. Und wenn ich den gewinne ...

Ach, Gottchen, unterbricht ihn Manne. Aris! Na, da bist du ja in bester Gesellschaft. Der war ja auch so einer wie du. So ein Flausenkalle. Am liebsten einen auf Ali machen, aber unterm Kopfschutz nur Zuckerwatte.

Manne schüttelt den Kopf.

Aris, Aris, der hätte eine richtig gute Amateur-Karriere machen können, bei dem Talent. Berliner Meister, deutscher Meister – ach, der war doch mit einem Bein schon bei Olympia.

Manne knurrt die Worte aus dem Mundwinkel und guckt runter auf den Sekundenzeiger.

Aber nein, der groooße Traum vom Profiboxen.

Aris, sagt Serdar. Ja gut, Aris ist Aris. Und ich bin ich. Ich kann das packen. Ich kann Erfolg haben, als Profi.

Profiboxer, pff, sagt Manne und verzieht den Mund. Weißt du überhaupt, was das ist, ein Profi?

Serdar guckt hoch zur Hallendecke und atmet laut aus. Wahnsinn. Da willst du einfach noch mal ordentlich trainieren und dann schlitterst du volles Brett ins Wort zum Dienstag.

Ein Profi, hört er Manne sagen, das ist einer, der vom Sport leben kann. Weißt du, wie viele Boxer das können in Deutschland? In ganz Deutschland? Die kannst du hier dran abzählen.

Manne hält Serdar die flache rechte Pranke vors Gesicht.

Und weißt du, was der noch macht, der Profi? Der lebt nicht VOM Sport. Der lebt FÜR den Sport. DREISSIG SEKUNDEN! ENDSPURT!

Okay, Trainer, verstanden. Kann ich jetzt ...

Sekunde mal. Eins noch. Gegen wen lässt dich denn unser griechischer Freund da überhaupt antreten am Freitag?

Serdar überlegt kurz. Er könnte sich jetzt irgendwas ausdenken. Aber jetzt ist es auch egal. Jetzt kann er ihm auch alles sagen.

Wikinger, sagt Serdar leise.

Manne guckt, als hätte er sich gerade eine volle Rechte gefangen.

Na, herrlich. Das wird ja eine astreine sportliche Angelegenheit. Da können sich ja ALLE schon mal drauf freuen. Ein ehrlicher Wettkampf. Ganz ohne Mauscheleien. Abgesehen davon, dass der zwei bis drei Gewichtsklassen über dir boxt, der Rocker-König. Glaubst du ernsthaft, die lassen dich da gewinnen? Einfach so?

Na ja. Wenn ich ihn umhaue ...

Pass auf, sagt Manne, lässt die Uhr sinken und macht einen Schritt auf Serdar zu. Pass auf. Ich geb dir einen guten Rat. Weil du einer von uns bist, ein Viktoria-Junge, eigentlich, auch wenn du jetzt gerade denkst, dass du dreieinhalb Meter überm Hallendach schwebst.

Manne macht eine kurze Pause und klopft Serdar mit dem Handrücken auf die Brust.

Mein Rat ist: Hol dir ’ne Zerrung. Meld dich krank. Fang dir irgendwas ein bis Freitag. Aber steig da auf keinen Fall in den Ring. Das ist nicht deine Liga. Und wenn du’s vorher nicht merkst, wirst du’s merken, wenn du aufwachst und dir der Ringarzt in die Äuglein leuchtet. Wenn sie da überhaupt einen haben, einen Arzt ...

Na ja, wie auch immer, sagt Serdar, zieht die Schultern hoch und geht rüber zum Handschuhschrank.

Wenn du kämpfen willst, ruft Manne ihm nach. Da kannst du am Sonntag mit nach Lichtenberg kommen. Da haben wir Ligakampf. Zehn Uhr. UUUUUND ZEIT!

Lichtenberg, denkt Serdar, während er sein Zeug in die Ecke pfeffert und die Bandagen aus der Tasche holt. Lichtenberg. Was für ein Schwachsinn.

L.A., Las Vegas.

Da geht die Reise hin.

Dieser Auszug erschien zunächst in unserer gedruckten Samstagsbeilage Mehr Berlin. Der Autor, Johannes Ehrmann, 33, war von 2013 bis 2015 der Wedding-Blogger des Tagesspiegels. Mit seinem Essay "Wilder, weiter Wedding", der im Herbst 2013 auf der Mehr-Berlin-Doppelseite erschien, gewann er 2014 den Theodor-Wolff-Preis. "Großer Bruder Zorn" ist sein erster Roman - und spielt natürlich im Wedding.

Johannes Ehrmanns Debut "Großer Bruder Zorn" erscheint am 11. März bei Eichborn (400 Seiten, 19,99 Euro) und bei Lübbe Audio (sechs CDs für 19,99 Euro; Download für 13,99 Euro).

Johannes Ehrmann Foto: Manfred Esser
Johannes EhrmannFoto: Manfred Esser
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