Berlin : Wedding: Die Avenue verschwindet vom Straßenschild

Tobias Arbinger

Die Namen erinnern an ein Stück Berliner Nachkriegsgeschichte. Allée St. Exupéry, Rue Ambroise Paré und Avenue Jean Mermoz sind Straßen der ehemaligen Siedlungen des französischen Militärs wie der Cité Guynemer und der Cité Pasteur am Flughafen Tegel. Nun beginnt die Eindeutschung des Erbes: In der Cité Joffre hat das Bezirksamt Wedding veranlasst, dass Bezeichnungen wie Allée, Rue oder Avenue durch die deutsche Schreibweise ersetzt werden. Man folge damit den Regeln des Berliner Straßengesetzes heißt es im Bezirksamt.

Die Benennung trägt in einigen Fällen auch dem Umstand Rechnung, dass sich so mancher mit der französischen Aussprache schwer tat. Der komplizierte Name Allée Camille St. Saëns, der an den Komponisten erinnerte, wurde ersetzt. Er habe "vielfach zu Missverständnissen" geführt. Die Rue André le Nôtre gehört ebenfalls der Vergangenheit an. Auch in diesen Fällen zitiert das Bezirksamt das Straßengesetz, das besagt, dass Straßennamen "kurz, einprägsam und gut verständlich" sein sollen. Zungenbrecher Straßenname? "Ja", sagte Weddings Baustadtrat Bernd Schimmler (SPD). Bei der Aussprache der französischen Bezeichnung seien "die obskursten Dinger" herausgekommen.

Man habe auf keinen Fall das Andenken an die einst rund 2800 französischen Soldaten und ihre Familien schmälern wollen, sagte Schimmler. Die neuen Straßenbezeichnungen hätten schließlich auch Bezug zu Frankreich: Sie lauten Charles-Corcelle-Ring und Tourcoingstraße. Der Kulturreferent der französischen Militärregierung Corcelle hat beispielsweise das Centre Francais in Wedding initiiert. Tourcoing ist eine französische Partnerstadt des Bezirks. Jean-Marie Weiss vom Förderverein für die Deutsch-Französischen Beziehungen hat deshalb mit den Umbenennungen auch kein Problem: "Ich finde es gut, dass die Straßen weiterhin französische Namen tragen".

Missmut gibt es hingegen bei etlichen Anwohnern. "Wir hatten unheimlich viele Mieterbeschwerden", sagte der Sprecher der Oberfinanzdirektion Berlin (OFD), Helmut John. Die Alliiertensiedlungen fielen nach Abzug der Militärs an den Bund, der die Wohnungen für Bedienstete der Bundesbehörden frei hielt. Die neuen Mieter ärgerten sich nun, dass sie Ausweise, Visitenkarten und Briefköpfen ändern müssten, sagte John. Er sieht zudem kaum Verbesserungen. Die neuen Namen seien "doch noch komplizierter".

Auch in den anderen Ex-Alliiertensiedlungen der Franzosen droht Straßenbezeichnungen wie Rue, Avenue und Allée das Aus. Dann nämlich, wenn die Straßen - wie in Wedding schon geschehen - zu "öffentlichem Straßenland" deklariert werden. Im Augenblick haben die Straßen der Cité Pasteur, der Cité Guynemer und der Cité Foch in Reinickendorf noch Privatstatus. Es laufen Verhandlungen zwischen Oberfinanzdirektion und dem Senat, sie dem Land zu übertragen. An etlichen Kreuzungen stehen sogar noch die blauen Straßenschilder aus Alliiertentagen. Bis alle Namen einheitlich deutsch in schwarzen Lettern auf weiße Schilder geprägt worden sind, wird aber noch einige Zeit vergehen. Die früheren Alliiertenstraßen entsprechen häufig nicht den deutschen Vorschriften. "Leitungen liegen kreuz und quer unter dem Rasen", sagte OFD-Sprecher John. Bürgersteige seien zu schmal, und auch die Beleuchtung entspreche nicht den Bestimmungen. Das Land Berlin will die Straßen nur in saniertem Zustand vom Bund übernehmen. Die Bauarbeiten muss der Bund bezahlen - 100 Millionen Mark, sagte John.

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