Wehrmachtsakte : Der unterhaltsame Herr v. B.

Bevor er Millionen zum Lachen bringen konnte, kam der Zweite Weltkrieg samt Russlandfeldzug. Helmut Schümann beschreibt, was eine Wehrmachtsakte über den späteren Werdegang des großen Loriot aussagt.

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Ein bisschen wie Wahlkampf. Aber nur ein bisschen. Grünen-Chefin Claudia Roth sagt: "Wir trauern um Vicco von Bülow, der als Loriot zu den bekanntesten und beliebtesten Künstlern unseres Landes zählte, ein unvergleichlicher Meister der Ironie, der liebevoll und augenzwinkernd die Alltagsschrulligkeiten dieser Republik enttarnte. Seine Arbeit aus Jahrzehnten ist längst ein Stück "Welthumorerbe" und steht in einer Reihe mit dem Schaffen der anderen ganz großen Humoristen dieser Erde. Ohne Loriots Freundlichkeit und Leichtigkeit sind wir alle ein Stück ärmer."
Ein bisschen wie Wahlkampf. Aber nur ein bisschen. Grünen-Chefin Claudia Roth sagt: "Wir trauern um Vicco von Bülow, der als...Foto: dapd

Aus einer Personalakte der Wehrmacht, frisch herausgegeben von der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit des Bundesarchivs: „v. B. ist (ein) charakterlich nur schwer erkennbarer Mensch. Er ist leicht verschlossen. Dabei ist er im Wesen sehr lebhaft und temperamentvoll. Er ist leicht überheblich, übt gern Kritik, auch an Vorgesetzten. Dabei ist das Gefühl für Takt bei ihm noch nicht ausgeprägt. Bei seiner sehr guten geistigen Veranlagung, kann er dem Dienst spielend folgen, ohne dabei immer voll bei der Sache sein. Bestimmend für sein Wesen ist seine ausgesprochene mimische und darstellerische Begabung. Er zeigt Energie und hat gute, entwicklungsfähige Führungseigenschaften, bedarf aber noch sehr straffer, beaufsichtigender Führung. Bei vollem Einsatz könnte er im Dienst mehr erreichen.“

Und weiter: „Er ist geistig beweglich und verfügt über eine gute Auffassungsgabe. Schlank und groß. Zäh.“

Und noch weiter: „Im Kameradenkreis ist er sehr beliebt. Allgemein schließt er sich wenig an und beansprucht, etwas darzustellen. Er ist ein hervorragender Unterhalter.“

Die Beurteilung wurde verfasst nach Abschluss des Offizierslehrgangs für Schnelle Truppen in Zossen, und zwar am 5. April 1943. Der Mann, der solcherart eingestuft wurde, war Leutnant und zu dem Zeitpunkt 19 Jahre alt.

Die Abteilung Öffentlichkeitsarbeit des Bundesarchivs merkt zusätzlich an, dass in der Akte eine standardmäßige Floskel fehlt, die Offizierspersonalakten aus dieser Zeit in der Regel enthalten, unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt. Es fehlt eine Floskel nach Art von „steht auf dem Boden des Nationalsozialismus“. Solche Formulierungen seien, so das Bundesarchiv, sehr häufig „Gefälligkeitseinschätzungen der beurteilenden Vorgesetzten, die vergeben wurden, sofern dem nichts entgegenstand“. Aus dem Fehlen in dieser Akte sei zu schließen, dass der junge Leutnant in der Wahrnehmung seiner Vorgesetzten so deutlich kein Nazi war, dass er ihnen nicht einmal die Standardfloskel wert war. Der junge Mann musste in seiner Zeit bei der Wehrmacht mit auf den Russlandfeldzug. Später bezeichnete er den Krieg als „scheußliches Stück, dessen Regisseur ich nicht nennen möchte“. Er war, wie der Akte zu entnehmen ist, schon damals bei den Guten. Die Anlagen, auch dies steht in der Akte, um ein ganz Großer zu werden, waren schon sichtbar. V. B. ist das militärisch knappe Kürzel für von Bülow, mit Vornamen Vicco, später Loriot.

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