• Weihnachten 1916: Rüben morgens, mittags, abends … und zwischendurch eine Nebelkrähe

Weihnachten 1916 : Rüben morgens, mittags, abends … und zwischendurch eine Nebelkrähe

Im Steckrübenwinter vor 100 Jahren litt Berlin unter einer Hungersnot. Die Versorgung der Menschen wurde immer schwieriger, der Staat erwies sich als machtlos.

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Winter 1916. Die Berliner haben Hunger. Alle. Gulaschkanonen konnten die Not nur geringfügig lindern.
Winter 1916. Die Berliner haben Hunger. Alle. Gulaschkanonen konnten die Not nur geringfügig lindern.oto: Ullstein Bild

Seit Heiligabend regnete, schneite, stürmte es im wilden Wechsel, und nun, am Abend des ersten Feiertages, tobte sogar ein richtiger Schneesturm durch die Straßen Berlins, der die Stadt in strahlendes, wenn auch bald wieder tauendes Weiß hüllte.

Auf dem Tegeler See versank ein Kohlenkahn in den hohen Wellen, die Mannschaft wurde Gott sei Dank gerettet. Die Feuerwehr war stadtweit im Dauereinsatz, sicherte Schornsteine, Dächer, Firmenschilder, Gesimse, die sich selbstständig zu machen drohten, wenn ihnen dies nicht längst gelungen war. Mit teilweise tragischen Folgen: In der Moabiter Beusselstraße stürzte ein großes Stück Putz auf den Gehweg und traf zwei Schwestern. Der jüngeren, fünf Jahre alt, wurde die Schädeldecke zertrümmert, sie kam ins Urbankrankenhaus, „in hoffnungslosem Zustande“, wie das „Berliner Tageblatt“ in seiner Ausgabe vom 27. Dezember 1916 schrieb. Weiße Weihnacht? Ja gern, aber doch nicht so und nicht jetzt, nicht in diesem ohnehin schon katastrophalen Winter.

Von dem sollte später alle Welt nur noch als dem Steck- oder Kohlrübenwinter sprechen, auch 100 Jahre danach ist er im kollektiven Gedächtnis der Stadt präsent, wissen viele noch von jenem Winter, in dem die Deutschen, und besonders die Berliner, etwas kennenlernten, von dem sie nur aus weit entlegenen Ecken der Erde gehört hatten: bohrenden Hunger, monatelang, gegen den es nur ein, nicht mal immer verfügbares Mittel gab: Steckrüben, allenfalls noch ergänzt durch grobe Graupen, genannt „Kälberzähne“.

Bereits 1915 wurde die Brotkarte eingeführt

„Hunger ist niemals zu besorgen in der Heimat der höchstentwickelten, der leistungsfähigsten Landwirtschaft“, egal wie lange der Krieg dauere,  Nahrungsmittel gebe es genug. So hatte noch im Frühjahr 1916 das Ministerium des Inneren versichert, zu einem Zeitpunkt, als in Berlin Brot längst rationiert war und nur noch auf die Anfang 1915 eingeführte Brotkarte ausgegeben wurde.

Ebenfalls Anfang 1915 hatte es die ersten tumultartigen Szenen vor Verkaufsstellen für Kartoffeln gegeben. Die Festlegung von Höchstpreisen durch die Regierung hatte nur zu vermindertem Lebensmittelangebot geführt, weil die Großgrundbesitzer lieber den Schwarzmarkt belieferten, auch hatte die britische Seeblockade Deutschland von vielen Versorgungsquellen abgeschnitten.

So war das Warenangebot immer armseliger, die Versorgungslage immer schlechter geworden, und nun kam auch noch eine Missernte im Herbst 1916 hinzu, die gerade die Kartoffelvorräte dramatisch schrumpfen ließ. Die Behörden, die selbst den Handel mit gebrauchter Kleidung reglementierten, erwiesen sich trotz aller neugeschaffenen Dienststellen und Verordnungen zur Regulierung des Marktes als weitgehend machtlos, dem Notstand abzuhelfen.

Stück für Stück wurde so das Vertrauen in den vom Kaiser repräsentierten Staat ausgehöhlt. Wenn das amtlich Zugeteilte auf Mikromaße geschrumpft ist, so sehr, dass das Anstellen in den immer längeren Schlangen mit sich abwechselnden Wartenden, „Polonaisen“ genannt, kaum mehr lohnte, wollte ein patriotisches Hurra nur noch schwer über die Lippen kommen.

Die trostlose Lage spiegelte sich in den Tageszeitungen der Stadt. Sie suggerierten einerseits Alltag und Normalität, berichteten von Theaterpremieren, neuen Filmen oder der knappen Heimniederlage von Hertha BSC gegen die Breslauer Sportfreunde am zweiten Feiertag: 1:2. Oder ihre Leser erfuhren über KaDeWe-Anzeigen, dass das Kaufhaus Heiligabend, wohlgemerkt einem Sonntag, von 12 bis 16 Uhr geöffnet habe und noch über einen hinreichenden Vorrat an „Gänsekeulen, Gänsestücken-Fleisch, Gänsebrüsten, Gänseklein, Suppenhühnern, Brathühnern und Mastenten“ verfüge. All das gab es schon, nötiges Kleingeld natürlich vorausgesetzt.

Nur eine Kerze pro Christbaum, empfahlen die Behörden

Doch mehr und mehr sprach die blanke Not der einen wie auch die skrupellose Gier der anderen aus den Zeitungsspalten. Schon Anfang Dezember hatte die „Vossische Zeitung“ eine Empfehlung des Kriegsernährungsamtes abgedruckt, wonach angesichts der Knappheit an Fett, Seife und Lichtern die „freiwillige Einschränkung im Gebrauch von Weihnachtskerzen dringend geboten“ sei. Eine einzige Kerze pro Weihnachtsbaum, das sei doch genug und werde gerade den Kindern „eine wertvolle Erinnerung für ihr ganzes Leben bleiben“.

Das war lediglich eine Empfehlung, doch im öffentlichen Raum wurde es per Anordnung finsterer, verfügte etwa die Eisenbahndirektion Berlin kurz vor Weihnachten, dass bei der Beleuchtung von Bahnhofsvorplätzen, Zufahrtsstraßen, Ladestraßen, Bahnsteigen und Bahnhofshallen „fortan auf größte Sparsamkeit Bedacht genommen werden soll“, wie die „Vossische Zeitung“ schrieb.

Immerhin sollte das Bier nicht teurer werden. Die Preisprüfungsstelle GroßBerlin, so schrieb die „Berliner Morgenpost“, halte den im Jahre 1915/16 festgesetzten Preis von 32 Mark pro Hektoliter für „reichlich hoch, umso mehr, als zugegeben wird, dass eine sehr erhebliche Streckung des Bieres in den Brauereien stattgefunden hat“. Eine weitere Preiserhöhung werde daher für unzulässig erachtet.

Teilweise wurde sogar Bier auf der Basis von Steckrüben gebraut, wie ohnehin die Möglichkeiten zu deren Verwendung fast grenzenlos erschienen. Rüben gab es morgens, mittags, abends, aus ihnen stellte man Suppe, Auflauf, Koteletts her, ja selbst Pudding und Marmelade wurden daraus gezaubert. Wie das geschmeckt hat? Man kann es sich vorstellen.

Ein Kavallerist auf dem Weihnachtsteller der KPM

Da halfen auch patriotisch gemeinte Präsente nicht weiter, wie sie die KPM anbot: Der Weihnachtsteller 1916 zeigte einen frierenden Kavalleristen hoch zu Ross, der sehnsüchtig in ein Fenster auf den dahinter in vollem Lichterglanz strahlenden Christbaum blickt. Nur eine Kerze? Von wegen.

Die Vaterlandsliebe wie auch das Verantwortungsgefühl gegenüber den Kunden stießen allerdings bei manchen Händlern rasch an ihre Grenzen, wenn sich ohne solche Rücksicht viel besser verdienen ließ. Der Krieg hatte ohnehin die Fantasie bezüglich Ersatzstoffen beflügelt. In Kochtöpfen landeten im Winter 1916/17 junge wie alte Saat- und Nebelkrähen, selbst Spatzen wurden nicht verschmäht.

Solch ein Lebensmittelsortiment war halbwegs ehrlich, es gab eben nichts anderes zu bezahlbaren Preisen. Kriminell wurde es, wenn gestreckte Lebensmittel angeboten wurden, etwa ein Salatölersatz, der, wie vom Medizinalamt der Stadt moniert, zu 99,48 Prozent aus Wasser bestand. Das hatte der „Vorwärts“ bereits Ende März 1916 gemeldet, und es war beileibe kein Einzelfall. So war laut dem „Berliner Tageblatt“ ein Molkereibesitzer kurz vor Weihnachten zu 14 Tagen Gefängnis und 1000 Mark Geldstrafe, seine Frau zu 500 Mark verurteilt worden: Die von ihnen verkaufte Milch war zu 40 Prozent mit Wasser gepanscht worden. Wie die Eheleute vorgebracht hatten, wollten sie doch nur möglichst vielen Kunden Milch anbieten können.

Kampf gegen den Wucher: Drei Waggons voller Gänse beschlagnahmt

Zu solchem Betrug kam der Wucher, beispielsweise mit Weihnachtsgänsen: Drei Bahnwaggons voller Gänse im Wert von 180 000 Mark hatten Berliner Großhändler bei einem Mäster im Oderbruch eingekauft, hofften sie mit Riesengewinn in Berlin loszuwerden, wurden aber vom Kriegsamt überführt und vor Gericht gestellt. Im Winter zuvor war es statt der Gänse Kalbfleisch gewesen. Neben dem Federvieh wurden diesmal auch zwei Kähne mit Äpfeln im Wert von einer halben Million Mark wegen Wucherei beschlagnahmt.

All diese Missstände, die im dritten Kriegswinter die Bevölkerung gerade in der Großstadt Berlin, weitaus stärker als in Kleinstädten oder auf dem Lande, trafen, bedeutete nicht nur kaum genießbares Essen und einen knurrenden Magen. Der Berliner Arzt Alfred Grotjahn berichtet in seinem Tagebuch am 20. Februar 1916 von einem Patienten, der 66 Pfund Gewicht verloren hatte.

Der Gesundheitszustand der Bevölkerung verschlechterte sich zusehends, Kindersterblichkeit und Totgeburten nahmen zu, und manch einer ist ganz einfach verhungert. 800 000 Menschen sollen in Deutschland während des Ersten Weltkrieges an Hunger gestorben sein, viele davon in Berlin, dessen Bevölkerung den Mangel auch durch zahllose Hamsterfahrten in die Umgebung nicht ausgleichen konnte.

Schön, wenn man dann einen Verwandten in einer Stadt hatte, der es offenbar besser ging. Wie etwa jener Berliner Sanitätssoldat, der Anfang Januar eine verspätete Weihnachtskarte an den im Festungslazarett Warschau diensttuenden Vater schrieb. Ziemlich standardisierte Grüße aus der Heimatstadt, mit einem davon abweichenden Zusatz, der den Vater über die Ankunft des von ihm übersandten Weihnachtspakets beruhigen sollte: „Auch die Butter ist da.“ Butter! Weihnachten 1916 war das Gold wert.

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