Weihnachtsfeiertage : Frühlingsluft und Tannenduft

26.12.2012 22:15 Uhrvon und
Weihnachtswetter sieht normalerweise anders aus. In Brandenburg konnte man am Himmel sogar Regenbogen beobachten. Foto: dpa
Weihnachtswetter sieht normalerweise anders aus. In Brandenburg konnte man am Himmel sogar Regenbogen beobachten. - Foto: dpa

Es war der wärmste erste Weihnachtsfeiertag seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Die einen lutschen am Eis, die anderen laufen Eis. Auch Silvester soll einen Wetter-Ausnahmezustand bieten.

Am Morgen des zweiten Weihnachtsfeiertags glitt der riesige glutorangerot beschienene Mond langsam am Horizont herab – und als sich die Sonne kurz danach am Himmel aufschwang, kamen die Vögel sogleich in Stimmung und zwitscherten ihre Großstadtkonzerte. Bereits am 25. Dezember hatte der Deutsche Wetterdienst (DWD) an seiner Station in Tegel 12,6 Grad gemessen; damit wurde der bisherige höchste Wert seit Beginn der Wetteraufzeichnungen, der 1980 mit 11 Grad erzielt wurde, weit übertroffen.

Und es soll zum Jahreswechsel zu warm warm bleiben. In der Silvesternacht sollen Wolken über der Stadt liegen, warme Luft kann nicht nach oben abziehen, nachts könnte es laut Wetterdienst Meteogroup fast wie tagsüber sieben, acht Grad warm bleiben. Aber es kann nieseln und windig sein – die Raketen sollte man also windgeschützt aufstellen. Nur am Freitag sinken die Temperaturen auf zwei Grad, dann strömt milde Meeresluft ein.

Für Silvester erwartet die Feuerwehr den Ausnahmezustand – den erleben derzeit auch die Meteorologen. Neun Grad plus wurden am gestrigen zweiten Weihnachtsfeiertag in der Stadt gemessen; am Heiligen Abend war es mit 8,4 Grad nur unwesentlich kühler. Den wärmsten Heiligen Abend der vergangenen 100 Jahre erlebten die Berliner laut DWD im Jahr 1977, bei 15,7 Grad an der Station in Dahlem. Für die BSR war das Wetter auch so ein Segen: Während der Feiertage musste nicht geräumt werden.

Und nun zu den Aussichten. Mensch und Tier – ob groß, ob klein – staunen. Foto: DAVIDS
Und nun zu den Aussichten. Mensch und Tier – ob groß, ob klein – staunen. - Foto: DAVIDS

Schon fast einsam wirkte der mit Splitt versetzte Schneehaufen, der gestern noch vor dem Brandenburger Tor lag. Doch gerade das milde Wetter lockte die Berliner aus den Häusern. Gestern war auf den Weihnachtsmärkten der Stadt ein letztes Mal viel Betrieb. So auch in der „Weihnachtsterrasse“, einem beheizten Glühweinstand an der Gedächtniskirche. Auch wenn draußen die Sonne schien – viele wollten Feuerzangenbowle und Punsch dennoch drinnen am Ofen trinken. „Is’ halt Feiertag“, sagte eine Kellnerin lakonisch, „da hat man keine Wahl.“ Will meinen: Weihnachtsstimmung geht auch bei Frühlingstemperaturen.

Auch auf dem Wintermarkt am Potsdamer Platz ließen sich Rodelbegeisterte nicht vom Tauwetter beeindrucken. Auf der dortigen 70 Meter langen Schneerutsche herrschte gestern viel Betrieb. Wie auch die ganzen Feiertage über, sagt der Betreiber, auf ein bisschen Schnee wolle eben keiner verzichten. Vor allem Kinder stellten sich mit den großen Gummireifen an, um den Eisberg herabzurodeln.

Draußen nur Kännchen? Aber gerne doch! Foto: DAVIDS
Draußen nur Kännchen? Aber gerne doch! - Foto: DAVIDS

Der Schnee für die Rutschbahn wird täglich mit dem LKW angeliefert – aus der 140 Kilometer entfernten Indoor-Skihalle Snowtropolis in Senftenberg. Damit der Schnee nicht wegtaut, ist die Rutsche mit Schneekanonen ausgestattet. Doch die konnten gestern nicht verhindern, dass die Rutschenden am Fuß der Bahn in Pfützen zum Stehen kamen.

Freunde wärmerer Jahreszeiten kamen aber auch auf ihre Kosten. Zahlreiche Besucher konnte gestern der Zoo begrüßen: Während die Lamas ihr Winterfell hatten und die Dickhäuter, nun ja, ihre dicke Haut, gingen Familien und Touristen mit Schal und Mütze auf Winter-Entdeckungstour durch den Zoo. Die Vögel würden nun aber nicht etwa gleich Nester bauen, beruhigt Zoo-Mitarbeiter Heiner Klös: „Die kommen erst in Stimmung, wenn auch wieder genügend Insekten als Futter durch die Luft fliegen.“

Auch im Tiergarten, auf dem Ku’damm und Unter den Linden spazierten Fußgänger mit Waffeleis in den Händen. Einige setzten sich auf die ersten Stühle, die Café-Besitzer nach draußen gestellt hatten. In Rudow wünschten Berliner ihren Verwandten in Bayern ein frohes Fest, die bei mehr als 20 Grad im Garten grillten.

In Prenzlauer Berg nutzte ein findiger Eisverkäufer den Spagat zwischen Kalenderblatt und Frühlingswetter: Beim Eiscafé „Kauf-dich-glücklich“ an der Oderberger Straße gingen gestern die Wintereissorten „Marzipan“ und „Lebkucheneis“ besonders gut, war vom Eisverkäufer des Szenegeschäfts zu erfahren.

Ein Angebot, dass auch den vielen Touristen gefallen dürfte, die nun über Silvester in die Hauptstadt kommen. Vanessa, 27, ist mit ihren drei Freunden am Ersten Weihnachtsfeiertag aus Süditalien nach Berlin gekommen. Die Gruppe hat sich mit Kaffee und Kuchen nach draußen gesetzt – aber umklammert die Becher mit dicken Handschuhen. Es sei hier immer noch viel kälter als daheim, sagt Vanessa. Aber genau deshalb wären sie ja auch in Berlin: Auf der Suche nach der echten „German Weihnacht“. (mit jmm)

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