Wellness statt Familienurlaub : Luxushotel sperrt Kinder aus - darf es das?

In Bad Saarow gibt es jetzt ein Hotel nur für Erwachsene. Die Aufregung darüber ist groß. Dabei ist das kein Skandal, sondern nur eine weitere unternehmerische Nische. Ein Kommentar.

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Herrliche Ruhe, entspanntes Nichtstun - hoffentlich bleibt das so! Eine Wellnessurlauberin im Sprudelbad. Foto: imago
Herrliche Ruhe, entspanntes Nichtstun - hoffentlich bleibt das so! Eine Wellnessurlauberin im Sprudelbad.Foto: imago

Es gibt im Raum Berlin-Brandenburg seit 1997 einen Radiosender, dessen Slogan lautet: „Nur für Erwachsene“. Hörer und Interviewpartner werden in aller Regel gesiezt, und die Musikprogramme geben Liedern jenseits von Hitlisten Raum. Der Sender fand damit allgemeinen Beifall und ein breites Publikum.

Es gibt im Raum Berlin-Brandenburg auch ein Hotel „nur für Erwachsene“: Seit dem 1. Juli verkündet auf der Homepage eines Hotels in Bad Saarow ein kreisrunder mokkabrauner Button:  „Das Hotel für Gäste ab 16+“. Und nun? Auch hier allgemeiner Beifall?

Nicht wirklich. Schnell wird hier aus „nur für Erwachsene“ ein „Kinder unerwünscht“, was zwar im Grunde derselbe Inhalt ist, aber einen ganz anderen Ton vorlegt. Böses Hotel!

Es ist nicht mehr „für“ jemanden, es ist zuallererst „gegen“ jemanden, die Kinder, vielmehr: die Familien mit Kindern. Einer sozialen Existenzform also, für die auf politischer Ebene unentwegt Anstrengungen unternommen und finanzielle Titel erfunden werden, auf dass ihre Zahl zunehme, auf dass mehr Kinder zur Welt kommen, denn ohne Kinder keine zukünftigen Generationen. Und nun wird ausgerechnet diesem raren Gut der überalternden Gesellschaft derart die Tür vor der Nase zuschlagen – geht das, was soll denn das?

Lieber Arschbomben in den Spa-Pool?

Gesamtdeutsch gesehen ist es vielleicht keine glückliche Entwicklung, wo ja diesem Land ohnehin Kinderfeindlichkeit attestiert wird. Aber muss das den Hotelier kümmern? Im dem Hotel wie beim Gaststätten- und Hotelverband Brandenburg nennt man die Altersbeschränkung eine „unternehmerische Entscheidung“, die frei getroffen werden könne, außerdem gebe es branchenweit den Trend zur Spezialisierung, dem sich keiner entziehen könne – und hier spezialisiere sich ein Betrieb eben auf Ruhesuchende.

Hotel als Gesamtkunstwerk
Jedes Zimmer ist ein kleines Marcel-Wanders-Museum im Andaz Hotel in Amsterdam, dessen Miteigentümer der niederländische Stardesigner ist und für das er fast alles entworfen hat. Hier zu sehen seine Neuinterpretation des traditionellen Delfter Blaus Foto: Marcel WandersWeitere Bilder anzeigen
1 von 22Foto: Marcel Wanders
17.10.2014 16:08Jedes Zimmer ist ein kleines Marcel-Wanders-Museum im Andaz Hotel in Amsterdam, dessen Miteigentümer der niederländische...

Und dann hört man noch von Kindern, die kreischend durchs Restaurant rennen oder mit Anlauf in den Spa-Pool hopsen, dass den anderen darin, den erholungssuchenden Beckenrandhängern, die Lust am Wasserbad vergeht. Man hört von Sauna-Zeiten, die „Kinder erst ab 12 Uhr“ heißen und mit der Begründung ignoriert werden, dass die Kinder schließlich auch zahlende Gäste seien, und von Streitereien zwischen Eltern, die ihre Kinder nicht von Fremden angemeckert haben wollen, und stressgeplagten Kurzurlaubern, die über mangelnde Rücksicht auf ihre Relax-Belange klagen.

Ein Museum ist kein Spielplatz, ein Hotel keine Jugendherberge

Und die mangelnde Rücksicht gehört wohl mindestens mit zur Wahrheit: Kein Mensch beklagt sich über Kinder, die sich benehmen. Und so, wie in einem Museum ein anderes Verhalten erwartet werden kann als auf einem Spielplatz, kann man in einem Wellnesshotel ein anderes Benehmen erwarten als in einer Jugendherberge.

Es sind nicht automatisch diejenigen die Doofen, die sich über Kinderlärm beschweren. Es sind auch manchmal diejenigen die Doofen, die dem Kinderlärm nichts entgegensetzen, sondern finden, dass lieber alle so viel Freude daran haben könnten wie sie selbst, die Eltern nämlich oder sonstige Erziehungsbefugte.

Aber derart grundsätzlich möchte man in dem Hotel keinesfalls werden. Sollen Kinder doch laut sein und herumrennen, so sind sie nun mal, aber bitte sehr nicht in unserer schicken Vier-Sterne-Wellnessoase. Ein verständlicher Wunsch.

Sind Kinder nicht woanders besser aufgehoben?

Unverständlicher ist schon eher, was Eltern mit kleinen Kindern an ausgerechnet diese gediegene, leise vor sich hin plätschernde Adresse zieht. Es kann ihnen doch kaum Spaß machen, zu wissen oder irgendwann mitzubekommen, dass die eigenen Kinder den anderen Leuten auf den Geist gehen. Kindgerechte Umgebung sieht anders aus. Und die gebe es in Bad Saarow, darauf wird mehrfach hingewiesen. Auch das sei eine beliebte Spezialisierung: das Kinderhotel.

Dort würden ja auch keine Erholungsbedürftigen 50+ hinfahren und dann genervt um Ruhe bitten, weil sie sonst nicht entspannen könnten. Das ist sicher richtig. So bekloppt ist hoffentlich niemand. Aber einen entscheidenden Unterschied gibt es dann doch: Sie dürften, wenn sie wollten. Oder?

180 Kilometer nördlich von Bad Saarow gibt es das Familotel Borchard’s Rookhus. Dessen Homepage ziert ebenfalls ein Button, weiß auf rot mit Libelle: „Hier urlauben nur Familien – 100 Prozent“, steht da. Kinderlose können hier zwar zur Not mal übernachten, aber Ferien machen können sie hier nicht. Ein Erholungsurlaub für zwei? Das gehe leider nicht, heißt es nett am Telefon. „Das wird auch nichts. Es ist einfach zu laut.“

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