Wende in Pankow : Bürgermeister für 108 Tage

Wende-Lebensläufe: Nils Busch-Petersen, heute Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes, wurde nach dem Mauerfall Rathaus-Chef in Pankow – zur eigenen Überraschung.

Stefan Jacobs
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Engagiert. Nils Busch-Petersen hat sich als Lobbyist der Händler in der Region einen Namen gemacht. Foto: Mike Wolff

Als Nils Busch-Petersen zum Bürgermeister von Pankow gewählt wurde, war vor allem einer dagegen: Er selbst. Schließlich war er nur zufällig hineingeraten in diese Geschichte, die plötzlich Weltgeschichte geworden war und die ihn wenig später an die Spitze eines der wichtigsten Unternehmerverbände im wiedervereinigten Berlin bringen sollte.

1990, die Mauer war gerade drei Monate offen, warteten seine halb fertige Dissertation und seine Frau mit dem Baby. Die hatte ihn ermahnt, er solle sich bloß nicht bequatschen lassen. Mit diesem Vorsatz verließ er am Morgen des 16. Februar 1990 die Wohnung. Am Abend betrat er sie mit dem Bürgermeisterblumenstrauß in der Hand. Nils Busch-Petersen, Bezirksverordneter für die Freie Deutsche Jugend, kurz FDJ, gerade 26 Jahre alt, war jetzt Rathauschef.

Zwei Jahre vorher war er von seinem Professor an der Humboldt-Uni im Eiltempo durchs juristische Staatsexamen gejagt worden. Der Vater, ein angesehener Arzt, war plötzlich in Ungnade gefallen, und der ebenso fürsorgliche wie informierte Professor wollte seinen Studenten davor bewahren, hineingezogen zu werden. Also zack durchs Examen und ab in die Konsularabteilung nach Moskau – raus aus der Schusslinie in Berlin und hinein ins bröckelnde Riesenreich Gorbatschows.

Busch-Petersen kam viel herum in den vier Monaten Sowjetunion. Das Elend, das er sah, übertraf seine schlimmsten Befürchtungen. Busch-Petersen war durchaus gewillt, sich mit dem Sozialismus im Allgemeinen und der DDR im Besonderen zu arrangieren, aber nun wuchsen Zweifel. „Ich hielt das System für verkorkst, aber nicht für das Falsche“, sagt er jetzt. „Das merkt man erst hinterher.“ Damals jedenfalls – wieder in Berlin, Anfang 1989 – schwärmten ihm zwei Freunde aus der staatlichen Jugendorganisation FDJ von der liberalen Kreischefin vor und von der Idee, das System von innen heraus zu verändern. Als er eine Kandidatur für die Kommunalwahl ablehnte, packten sie ihn bei der Ehre: Wissenschaftler im Elfenbeinturm, Angst vor der Praxis, so in der Art. Also ließ er sich darauf ein. Traf Oppositionelle, fand sie nicht unsympathisch, knüpfte unverbindliche Kontakte.

Nach der Wahl wandte sich eine ältere Frau an den neuen Verordneten Busch- Petersen. Bis ins Detail dokumentierte sie ihm die Wahlfälschung in Pankow. Wütend eilte er ins Rathaus und wandte sich, weil ihm sonst niemand einfiel, an einen Funktionär vom damaligen „Rat des Kreises“. Der verwies ihn auf die offiziellen Zahlen im „Neuen Deutschland“; erst leise, dann laut. Busch-Petersen lacht bei dieser Geschichte. „Ich wollte vom Teufel, dass er den Beelzebub austreibt. Und der dachte, was will denn dieser junge Idiot hier.“ Dass die Zahlen wohl eher hier bei den Funktionären gefälscht wurden als abends in den Wahllokalen, ging ihm erst nach der Brüllerei auf. „Ich war wirklich sehr blauäugig.“

So wurde Busch-Petersen tatsächlich ein politischer Mensch. Vereinte die lokalen FDJler zur Fraktion und bürstete sie auf Opposition: Dem Etat konnten sie leider nicht zustimmen, weil sie ihn zu Sitzungsbeginn noch nicht kannten. So kam ein Funken Demokratie ins System. Eingeführt „in Babyschritten und mit Windeln“, wie Busch-Petersen sagt. Draußen nahm die Revolution ihren Lauf. Runde Tische wurden einberufen. Pfarrer moderierten und brachten die Leute zusammen, die sich gegenseitig ihre Legitimation absprachen. „Bei allem Streit: Der Umgang war gutbürgerlich“, sagt Busch- Petersen. Nächtelang wälzte er Literatur, auf der Suche nach geeigneten Verfassungsentwürfen. Resultat war das „Pankower Modell“, das den Runden Tisch zu einer Art zweiter Kammer der Bezirksverordnetenversammlung machte – Vetorecht inklusive. Prinzipiell waren alle dafür. Als aber der amtierende Bürgermeister seine Wahl nicht durch den Runden Tisch bestätigen lassen wollte, musste er zurücktreten. Und ein neuer her. Es dauerte eine Weile, bis der Ältestenrat Busch-Petersen soweit hatte. Dessen Bedingung: Alle beteiligten Gruppen und Parteien müssten ihn legitimieren. Die SPD tat sich schwer, einen FDJler zu wählen, aber am Ende bekam Busch-Petersen auch von ihr eine Stimme.

Als Bürgermeister hätte er alles Mögliche bei allen möglichen Parteien werden können, sagt er heute. Eher zufällig landete er beim Handelsverband, dessen lokaler Ableger („das Schutz- und Trutz- Bündnis der kleinen Kaufleute“) sich im März 1990 im Pankower Rathaus gründete und auf den der Bürgermeister Busch-Petersen zunächst nur wegen der penetranten Sponsorenwerbung aufmerksam wurde, die ihm ein Dorn im Auge war. Da das Spezialgebiet des jungen Juristen – Konsular- und Reiserecht der DDR – zwischenzeitlich obsolet geworden war, fing er als Lobbyist der kleinen Händler an. Erst stand die Abwehr der Großen im Vordergrund, dann die friedliche Koexistenz.

Nach 19 Jahren beim Gesamtberliner Verband sieht Busch-Petersen auch den Wert seines Studiums: „Völkerrecht kann nicht schaden, wenn man als Lobbyist arbeitet.“ Dass er ausgerechnet die Fahne des Konsums hochhält, ficht ihn nicht an: Persönlich habe er „bis heute keine erotische Beziehung zu matieriellen Dingen.“ Und der Job beim Verband lasse ihm die die Option, „auch mal freundlich Nein zu sagen“. Er ist ein politischer Mensch geblieben. Aber in einem Parteiapparat zu funktionieren, ist ihm noch immer so unvorstellbar wie 1990, als er das Bürgermeisteramt nach dreieinhalb Monaten leichten Herzens an seinen Nachfolger übergab.

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