Berlin : Wenn nichts mehr hilft – ab ins Drill-Camp

Wie das Jobcenter Neukölln problematischen arbeitslosen Jugendlichen Disziplin beibringt – und notfalls das Waschen

Sigrid Kneist

Die Ansage ist klar: Mützen vom Kopf, Essen und Trinken weg vom Tisch, Handys aus. Murrend räumen die jungen Männer und Frauen Flaschen und Brötchentüten weg. Es ist 9 Uhr 20, die zweite Unterrichtseinheit soll beginnen; kontrolliert werden die Namen zu jeder Stunde. Es dauert, bis alle sitzen. Ruhig ist es dann noch lange nicht.

Die Teilnehmer am Projekt „Päd-Camp“ kommen nicht freiwillig in das Bürogebäude in der Lahnstraße, sie sind vom Jobcenter Neukölln dazu aufgefordert worden. Sie gelten als die schwersten Problemfälle unter den rund 3600 jungen Arbeitslosen unter 25 Jahren im Bezirk. Heute werden sie in politischer Allgemeinbildung unterrichtet. Thema: Wer gehört zur Bundesregierung?

Etliche Stühle sind leer geblieben. 95 Teilnehmer sollten am „ Päd-Camp“ teilnehmen, doch nur 32 sind gekommen. 42 fehlen unentschuldigt, die übrigen sind krank oder im Praktikum. Dabei wird die Teilnahme wie beim Ein-Euro-Job mit 1, 50 Euro die Stunde bezahlt. Wer pünktlich kommt, mitmacht und dies jeden Tag durchhält, kann monatlich 195 Euro zum Arbeitslosengeld II hinzuverdienen. Das schafft aber so gut wie niemand.

Im „Päd-Camp“ landen jene, die nicht in die Berufsqualifizierung oder einen Ein-Euro-Job vermittelt werden können, geschweige denn auf einen regulären Arbeitsplatz. Wegen ihrer „multiplen Vermittlungshemmnisse“, wie es im Branchenjargon heißt. „Die absoluten Null-Bock-Fälle“ nennt sie Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD). Sie haben weder Schulabschluss noch Berufsausbildung, sprechen schlecht Deutsch, haben Schulden oder familiäre Probleme. Einen Alltag mit festen Aufstehzeiten kennen viele nicht. Manche kommen aus Familien, die in der dritten Generation von staatlicher Unterstützung leben. Ein gutes Drittel ist vorbestraft, etliche wegen Körperverletzung. Jetzt sollen sie lernen, was Tugenden wie Pünktlichkeit, Höflichkeit oder Zuverlässigkeit bedeuten. 400 Jugendliche haben die Maßnahme bereits angefangen, die Abbrecherquote ist hoch, die Erfolgsquote gering: Nur zehn Prozent haben einen Job oder eine Lehrstelle bekommen.

„Viele sind lebensuntüchtig“, sagt Thomas Fiedler, der das Projekt beim Bildungsträger BBG leitet. „Um alles, was unangenehm ist, kümmern sie sich nicht.“ Arbeitssuche gehört dazu. Die Jugendlichen können die notwendigen Unterlagen nicht beibringen, eine vernünftige Bewerbung schreiben schon gar nicht. Das wird nun regelmäßig geübt, gemeinsam werden Stellenanzeigen in Zeitungen oder im Internet ausgewertet. Fiedler zeigt auf die Mappe, in der die Teilnehmer ihre Bemühungen um einen Job dokumentieren sollen. Sie ist sehr dünn. Dafür gibt es einen großen Schrank mit den dicken Akten der Abbrecher. Bei manchen muss man mit den ganz grundlegenden Dingen des Lebens beginnen. Jobcenter-Chef Dietmar Jarkow erzählt von einem jungen Mann, dem die Dozenten erst einmal die Grundlagen der Körperpflege beigebracht und an einer Puppe gezeigt haben, wie man sich wäscht: „Der hat so gestunken, dass niemand neben ihm sitzen wollte.“

Die Jugendlichen tragen meist Jeans und Kapuzenpulli, die Männer arabischer oder türkischer Herkunft haben ihre schwarzen Kurzhaarfrisuren mit reichlich Gel in Form gebracht, einige der wenigen Frauen sind akkurat geschminkt und haben sorgfältig manikürte lange, glitzernde Fingernägel, auf die sie bestimmt eine Menge Zeit verwandt haben. Ein Punk sitzt müde in der dritten Reihe. Fast seit Beginn des Projekts vor anderthalb Jahren ist Murat (19) dabei. Er fläzt sich in einer der letzten Reihen hin, mal hat er die Stöpsel des MP3-Players im Ohr, mal schimpft er vor sich hin. Als es darum geht, die einzelnen Minister zu benennen, pöbelt er: „Ich scheiß auf die Leute, die machen eh nichts für mich.“ Als er einen Bogen zur Führerscheintheorie bearbeiten soll, tönt er zwar: „Scheiß Theorie, schon mal durchgefallen.“ Aber dann beugt er sich über das Blatt und müht sich. Zum ersten Mal herrscht wenigstens für ein, zwei Minuten Stille. Den Führerschein würden einige schon gerne machen.

Zum Projekt gehört ein einwöchiges „Erlebniscamp“ in Brandenburg. An dem hat Murat teilgenommen. War anstrengend, sagt er. Aufstehen 6 Uhr 30, Sport, Waldlauf, Schwimmen, Krafttraining, abends Lagerfeuer, 23 Uhr Bettruhe. Nach anderthalb Jahren „Päd-Camp“ ist für Murat kein Arbeitsplatz in Sicht; dazu reicht die Disziplin nicht. Er äußert vage den Wunsch, Kfz-Mechaniker werden zu wollen. Auch Gebäudereiniger war mal im Gespräch. Das Praktikum hat er nach drei Tagen abgebrochen – zu langweilig. Er wird noch lange kommen müssen. Das Jobcenter will ihn nicht in Ruhe lassen.

Gegen Mittag steht meist das „Reisebüro“ auf dem Programm, eine Exkursion in den Bezirk. Die Jugendlichen erhalten den Auftrag, zu einer Neuköllner Geschäftsstraße zu fahren, Läden und Betriebe zu notieren und sich nach Praktikumsplätzen zu erkundigen. Die Projektmitarbeiter machen sich keine Illusionen; sie wissen, dass für etliche der Weg ins nächste Internetcafé führt, wo man sich im Branchenverzeichnis die nötigsten Infos besorgt. Am Vortag ist ein gutes Drittel anschließend nicht mehr zurückgekommen. Deswegen fällt das „Reisebüro“ an diesem Tag aus.

Jeder Regelverstoß hat Konsequenzen. Das kann bis zur Kürzung des Arbeitslosengeldes II gehen. Das sei das Einzige, was hilft, haben die Betreuer erfahren. Zwei junge Frauen maulen; der 23-jährige Salih zuckt nur mit den Schultern. „Es ist voll peinlich, da rumzulaufen und alles aufzuschreiben“, sagt er. Salih ist relativ neu im „Päd-Camp“. Er sagt, er träume von einem festen Arbeitsplatz, und bereut, bisher nichts aus seinem Leben gemacht und Chancen versäumt zu haben. Woran es gelegen hat, kann er nicht erklären. Vielleicht falsche Freunde oder so.

Solche Sätze hört Jobcenter-Fallmanagerin Yvonne Penkuhn oft. Erfahrungen macht sie andere. „Pfiffig sind sie, wenn es darum geht, Arbeit nicht zu machen“, sagt sie. „Manche verweigern sich komplett. Trotzdem können wir es uns nicht leisten, diese Leute aufzugeben.“ Penkuhn vermittelt die Jugendlichen ins „Päd-Camp“. An diesem Morgen wartet sie vergeblich auf einen jungen Mann. Sie hat ihn einbestellt, weil er nur Kritzeleien auf ein Blatt gemalt hat, als die Gruppe einen Aufsatz schreiben sollte. Aufgebracht zeigt Penkuhn das Blatt; nun wird er mit Sanktionen rechnen müssen.

Manchmal gibt es trotzdem Hoffnungsschimmer. Für Gjelal (23) oder Besem (25) etwa. Beide sollen am nächsten Tag ein zweiwöchiges Praktikum bei einer Baufirma beginnen. Mit der Aussicht auf einen festen Arbeitsplatz. Aber erst einmal müssen sie dort erscheinen. Pünktlich. Sie haben es sich zumindest vorgenommen.

Zum Thema problematische Jugendliche gibt es, ausgelöst durch die gestrige Reportage „Junge Haie“ auf der Seite Drei, im Internet eine lebhafte Debatte: www.tagesspiegel.de/kommentare

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