Berlin : Werders neue Weiber

Sie finden, sie seien reif für die Inselstadt. Berliner Frauen ziehen in den Ort an der Havel, eröffnen eigene Läden und fächeln ein wenig West-Luft ins Ostidyll. Hier sind drei von ihnen

Die Nostalgische: Gabriele Wahl-Heidke

Wenn die Sonne scheint auf die Inselstadt Werder, arrangiert Gabriele Wahl-Heidke auf dem Trottoir ein wenig Interieur aus ihrem Laden. Dann kann man sie dort draußen sitzen sehen, stickend vielleicht, auf antiken Stühlen, am verschnörkelten Tischchen, umgeben von rosenbedruckten Kissen, im Rücken das kleine Schaufenster voller Preziosen aus Leinen, Holz und Porzellan. Eine Selbstständige von 67 Jahren, ein freundliches Lächeln in den Augen, eine Frau mit Würde – und Händen, die gern liebevoll über die in vielen Jahren gesammelten Stücke streichen. Wer mit ihr redet, hört gleich, sie ist keine von hier: die leicht schleppende Art zu sprechen, ein kleiner süddeutscher Akzent. Gabriele Wahl-Heidke, gebürtige Breslauerin, wuchs in Stuttgart auf, schwäbelt aber nicht wirklich. 2006 zog sie, als die beiden Töchter flügge waren, mit ihrem Mann aus Berlin nach Werder. Die große Wohnung in Charlottenburg war teuer geworden, und hier, so dicht am Wasser, umgeben von nach und nach hübsch sanierten Fischerhäuschen, gefiel es dem Paar gut. „Bei Wind und Wetter, Schnee und Nebel sind wir zuvor hierhergefahren“, sagt sie. „Man muss es ja später auch aushalten können.“

Der Hausstand wanderte mit auf die Insel und auch das Lager der beiden. Er sammelt Bücher, sie, gelernte Schneiderin, seit ihrer Jugend alles, was mit guten alten Textilien und Aussteuer zu tun hat: Leinen, Spitzen, Schweizer Monogramme, Bettzeug, Servietten, Rolltücher – und mehr: Nähutensilien, Stickbücher, Küchengeschirr, Gewürzgefäße. Das dazu passende, bäuerliche Mobiliar kauft sie an. Dass sie den 78-Quadratmeter-Laden im „schwarzen Haus“, einer restaurierten ehemaligen Fleischerei mit Werder-untypischer dunkler Fassade anmietete, war einerseits die Lösung, um ihr riesiges Lager alter Schätze zu dezimieren. Andererseits wollte Gabriele Wahl-Heidke „was machen“, mehr, als im heimischen Nähatelier Auftragsarbeiten zu erledigen. Mit 62 Jahren eröffnete sie ein Antiquitätengeschäft in der Mühlenstraße – zum Argwohn mancher Nachbarn: Eine jener Wessi-Frauen, die, seit Werder ein pittoresker Ausflugsort ist, einwanderten. „Die macht wat mit Antik“, sagten die Leute vom Ort. Gekauft hat kaum einer, die Kundschaft besteht noch heute überwiegend aus Berlinern und Touristen. Gabriele Wahl-Heidke hielt ihre ganz persönliche Demo ab, wollte zeigen, dass sie kein hochnäsiger Neuzugang ist, setzte sich vor den Laden und machte Handarbeiten. Da kamen die Insulaner nach und nach rüber, sahen zu, hatten Lust auf einen kleinen Tratsch, fingen an, „ihre Geschichten zu erzählen über die DDR-Vergangenheit“. Heute registriert Gabriele Wahl-Heidke „eine gute Akzeptanz“ – auf beiden Seiten. Das gilt, obwohl sie sich in der „Initiative 08“ gegen den Baumblüten-Ballermann positioniert, für ein inselverträgliches Programm ohne großen Rummel. Im Verein mit anderen Zugezogenen, die das alljährliche „kollektive Besäufnis“ nicht mehr aushalten. Da wehte der Wind dann ein wenig schärfer. Aber: Das hält sie aus.

Einmal Laden, immer Laden? „Wer weiß, was kommt“, sagt sie fast spitzbübisch. Vielleicht wird sie irgendwann vom heimischen Atelier und Lager aus weitermachen, mit 68 dann. Und außerdem: Die Malerei, früher eine große Liebe, fehlt ihr. „Ich bin noch immer offen für Neues. Ich will nicht in die Gruft und sagen, hättste bloß!“

Den Wechsel in die neue Heimat Werder hat sie nie bereut. Das hat, wie sie sagt, auch mit der guten Anbindung der Kleinstadt an Berlin und Potsdam zu tun. „Man ist hier ja kein Landei. Und: Man lernt, Dinge anders zu betrachten.“

Antikes im schwarzen Haus, Mühlenstraße 2, Tel. 03327/668350

Die Naturverbundene: Anja Möller

Durch ihren Laden verläuft ein Fluss. Ein Wasserlauf, zu Demonstrationszwecken gebettet in eine Kiesellandschaft in der Kiste. Ineinandergreifende Versatzstücke aus rotbrauner und blauer Keramik ahmen das Geschwungene eines mäandernden Flusses nach. Wenn er verlegt ist, als Wasserlauf im Garten, in einem Wellnessbereich oder Spa, findet das Wasser, ehe es von der Rücklaufpumpe aufgefangen wird, wie in einem natürlichen Flussbett Gleithang und Prallhang. „So bleibt es reiner“, sagt Anja Möller und guckt einen aus klugen Augen an. Was die alles weiß, was die alles macht. „Na ja,“ sagt sie beinahe entschuldigend, „mein Urgroßvater war Strömungswissenschaftler und Deichbauer.“

Anja Möllers Beruf ist vieles. Sie hat Landschaftsarchitektur in Berlin studiert, kann Wege anlegen, pflastern und pflanzen, beschäftigt sich „seit der Kindheit“ mit Bildhauerei, Kunst und Keramik. Die 41-Jährige ist der bislang letzte Neuzugang am Marktplatz. Ihren Atelier-Laden, die „Design-Werkstatt“, hat sie vor eindreiviertel Jahren eröffnet. Ihre Behausung ist alles in einem: Verkaufs- und Ausstellungsraum, Zeichenbüro, die Wohnung liegt übern Flur, die Werkstatt unten im alten Gewölbekeller. Und im Hof umrundet ein sonnenbeschienenes Gärtchen mit restauriertem Waschhaus den vom Vermieter wiederaufgebauten Tiefbrunnen – ein Mädchentraum. Alles hat sich so gefügt: Anja Möllers Mentor, der 2004 verstorbene Maler Siegward Sprotte, den sie in seinen letzten Lebensjahren kennengelernt hatte, bat sie, über seinen in Werder geborenen Lehrmeister zu schreiben, den großen Landschaftsmaler Karl Hagemeister. So fand die Charlottenburgerin bei der Recherche ihren ersten Laden unweit der Heilig-Geist-Kirche: 38 Quadratmeter, ganz nah am Hagemeister-Haus. „Ein alter Mann begrüßte mich wie eine Bekannte, und eine Frau, die auf dem Fahrrad vorbeikam, sagte: ,Versuchen Sie hier ihr Glück!’“ Anja Möller ist schnell heimisch geworden auf Werder. Mit den Nachbarn klappte es gleich gut, mit Alteingesessenen ist sie befreundet und auch mit Zugezogenen. Die würden immer mehr. „Es kommen besondere Menschen.“ Die wissen Anja Möllers Talente offenbar zu schätzen. Für den Hof der Grundschule Karl Hagemeister entwirft sie auf dem Zeichenbrett einen neuen Garten. Einen, dessen Böden die Wellen der Havel imitieren, einen mit Bäumen und einem Labyrinth, in dem man laufen oder zur Musik tanzen kann. Alles in Anja Möllers Werkstatt ist Form gewordene Meditation: Die Teeschalen, die ohne Fuß auf einem Strand im Schichtholzkasten Halt finden. Das tönerne „Gedankengefäß“, in das man durch ein Loch im Boden Ideen pusten kann. Alte Gartengeräte – Schuffel, Pflückekiepe, Dreibockleiter – hat sie, handgeschmiedet, handgedrechselt von örtlichen Handwerkern, neu aufgelegt. „Ich bin froh, dass ich hier bin“, sagt Anja Möller. „In meinem eigenen Kosmos.“

Formkontor, Am Markt 9, Tel. 03327 / 73 17 29, www.formkontor.net

Die Macherin: Editha Stürtz-Frase

Diese Frau kann alles gleichzeitig: ausschenken, die Gemüsequiche mit Salat auf den Teller drapieren, erklären, welcher handgemachte Kuchen in der Vitrine duftet, draußen an den vier Tischen servieren und zwischendurch was aus ihrem Leben erzählen. Im September wird Editha Stürtz-Frase, grauer Kurzhaarschnitt, gut trainiert, 66 Jahre. „Sie müssen jetzt sagen: Das sieht man ja gar nicht.“

Man nennt sie hier „Frau Olive“. Weil ihr echter Name so kompliziert ist und weil sie das „Café Olive“ am Marktplatz betreibt. Ein „ligurisches Café“, in dem sie auch Olivenöl aus der italienischen Provinz verkauft, Pesto, Bruschetta, Olivenpaste, Tomatensugo. Hier schließt sich der Frauen-Kreis: Man findet Kissen von Gabriele Wahl-Heidke auf den Bänken und tönerne Teelichthalter von Anja Möller auf dunklen Holztischen. Im Mai machte Editha Stürtz-Frase ihr drittes Jahr als Inhaberin des Cafés in Werder voll. Die Zehlendorferin, geboren in Gera, kam 2004 mit neuem Lebensgefährten, einem Architekten, auf die Insel. Bei einer Radtour entdeckten sie ein Anwesen, kauften und sanierten es. Und dann? „Ich kann nicht Seidenmalen und nicht töpfern. Ich bin ’ne kleine Organisatorin, ich kann nicht ohne was sein.“

Konnte sie früher schon nicht. Ausbildung als MTA, ein Jahr in der klinischen Forschung, zehn Jahre in der Medizindiagnostik, auch Außendienst, Betriebsrätin, in der BVV für die Wählergemeinschaft Unabhängiger Bürger. Mit siebenundfünfzigeinhalb ging sie in den Vorruhestand. „Ich habe immer gesagt, wenn ich aufhöre zu arbeiten, mach’ ich ein Café auf.“ Erst das „Slatdorp“ in Zehlendorf, zusammen mit 18 Frauen. „Wir haben eigentlich nur fürs Trinkgeld gearbeitet und auch gestritten.“ Sie konnten das Projekt am Ende gut verkaufen. Ein Café im Haus am Waldsee führte Editha Stürtz-Frase dann für einen Förderverein.

Das in Werder übernahm sie, als die Vorbesitzer, ein altes Ehepaar, es aufgaben. „Hier muss man ja was machen, ist ja sonst zu langweilig“, sagt sie. Aber eines war klar: wenn, dann allein. „Ich möchte selber bestimmen können, ob ich Unterschriftenlisten aushänge und mich gegen Rechtsradikale engagiere.“ Vermutlich macht sie mehr als manchem Insulaner lieb ist: gegen den Baumblütenfest-Rummel angehen, für eine Anwohnerparkzone trommeln. Und wenn die Freundin sich zur falschen Zeit zum Abendessen verabreden will, wie eben, sagt sie, nö, morgen hab’ ich Flugrouten-Stammtisch. Manche in Werder grüßen Frau Olive nicht mehr, andere jetzt erst recht.

Im Sommer macht sie von 12 bis 19 Uhr auf, dann bis Dezember von 13 bis 18 Uhr, veranstaltet Lesungen und kleine Ausstellungen. Im dritten Jahr bleibt „ein Taschengeld zur Rente übrig“. Aber sie bekommt beglückendes Feedback von Gästen, und ihre Kinder – zwei Söhne, 40 und 29, und eine Tochter, 31 – finden das Café „total cool“. Nun, im Rentenalter, fühlt sie sich erst richtig frei. „Jetzt darf ich auch Millionärin werden.“

Café Olive, Am Markt 1, Tel. 03327 / 462480, www. cafeolive.de

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