Werner Orlowsky : Kreuzberger Legende

Er vermittelte zwischen Hausbesetzern und Senatoren, wurde vom charismatischen Drogeriemarktbesitzer zu Deutschlands erstem grünen Baustadtrat und lagerte wichtige Akten schon mal im Kühlschrank. Heute feiert Werner Orlowsky seinen 80. Geburtstag.

Thomas Loy
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Kumpel im Kiez. In der Dresdner Straße hatte Orlowsky (r.) seine Drogerie. Seine früheren Kunden kennen ihn noch heute. -Foto: Oliver Wolff

Die Sache mit den Bauakten im Kühlschrank. Werner Orlowsky fängt an zu erzählen, schon verheddern sich die vielen Erinnerungsfäden – „Oranienstraße 198, ein besetztes Haus. Plötzlich heißt es: Lummer lässt räumen! Da bin ich dann hin…“ Szenen aus der Vergangenheit, plötzlich wie von einer Leuchtrakete erhellt, dann wieder ins Dunkel sinkend. Also, der Kühlschrank. „Es war so ein heißer Sommer 1981. Und weil ich keine Zeit hatte, in die Kantine zu gehen…“

Werner Orlowsky redet – fast ohne Atem zu holen. Namen, Adressen, Daten, alles noch da. Acht Jahre lang war er Baustadtrat in Kreuzberg, vermittelte zwischen Hausbesetzern und Senatoren, ließ sich nachts aus dem Schlaf klingeln, wenn im Mehringhof wieder eine Polizeirazzia lief, erklärte der erschreckten Nation in Talkshows, was die Straßenkämpfe der „Chaoten“ mit einer verfehlten Stadtplanung zu tun haben. „Ohne ihn sähe nicht nur Kreuzberg heute anders aus“, schreiben die Grünen in einer Würdigung. Werner Orlowsky ist eine Symbolfigur für die Wende von der Abrisspolitik der 70er Jahre hin zur behutsamen Sanierung der Altbau-Quartiere. Heute wird er 80 Jahre alt und als „Deutschlands erster grüner Baustadtrat“ im Kreuzberger Rathaus geehrt. Wobei das nicht ganz stimmt. Parteimitglied war Orlowsky nie.

Orlowsky kämpfte gegen den Abriss Kreuzberger Altbauten

Zum Gespräch sind wir in der Dresdener Straße verabredet. Hier fing der Kleinunternehmer an, politisch zu erwachen, Anfang der 70er Jahre, als andere schon auf den Barrikaden standen. An einem Ende der Straße versperrte eines Morgens ein Bauzaun den Weg. Orlowsky, Besitzer einer florierenden Drogerie und Parfümerie, kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Ohne die Anwohner auch nur zu informieren, war hinter den Kulissen ein gigantisches Bauprojekt geplant worden, das „Neue Kreuzberger Zentrum“.

Dessen Bau war nicht mehr zu verhindern. Seine Wirkung aber war deutlich. „Vor dem Bau des Zentrums gab es 35 Geschäfte in der Straße, danach waren es nur noch drei. Die Straße war tot.“ Orlowsky gründete eine Initiative von Gewerbetreibenden und kämpfte gegen den Abriss weiterer Altbauten in Kreuzberg, die unter anderem einer Autobahn zum Opfer fallen sollten. Richtig Fahrt aber nahm Orlowskys Leben als Basis-Oppositioneller erst im Januar 1981 auf. Er wurde vom „Besetzerrat K 36“ – quasi die oberste Instanz der Hausbesetzer – zum Sprecher bestimmt. Ein halbes Jahr später machte ihn die Alternative Liste zum Baustadtrat. Der Drogist hatte plötzlich einen Stab von 450 Leuten anzuleiten. Die politischen Gegner zählten schon die Tage bis zu seinem Sturz.

Die Drogerie musste er für die Politik aufgeben. Bald darauf machte der Laden zu – es fehlte die charismatische Figur an der Ladenkasse. Orlowsky hatte beste Verbindungen in den Kiez, hatte den türkischen Nachbarn bei Behördenproblemen geholfen und die Familien mit Großpackungen Babynahrung für den Sommerurlaub in der Heimat versorgt. Oder mit Eau de Toilette für den nächsten Flirt. Noch heute schwärmt Orlowsky von den damaligen Gewinnspannen: „40 Prozent bei Lippenstift!“

Erst kürzlich hat er geheiratet - seine Frau ist 22 Jahre jünger

Beim Spaziergang über die Dresdener trifft er immer noch ehemalige Kunden. Ismael, der Cafébesitzer, umarmt ihn. „Die Zeit ist älter geworden, aber du nicht.“ Orlowsky will wissen, was aus Mehmet geworden ist, dem Schneider. „Der hatte einen Herzinfarkt, liegt im Krankenhaus.“

Solche Schicksalsschläge sind Orlowsky bislang erspart geblieben. Er setzt vorsichtig einen Fuß vor den anderen, weil er vor kurzem gestürzt ist, aber sonst ist noch alles intakt. Im Februar hat er seine langjährige Freundin geheiratet. „Die ist 22 Jahre jünger.“ Damit gibt der Polit-Pensionär vor seinen türkischen Freunden gerne ein bisschen an.

Ach ja, die Sache mit dem Kühlschrank im Stadtratsbüro. Da lagerte Orlowsky die Bauanträge zu den besetzten Häusern. Sie waren somit – für jeden nachvollziehbar – auf Eis gelegt.

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