Berlin : Wessis, hört die Signale

Axel Bahr

Nach ihren jüngsten Erfolgen will Gregor Gysi mit seiner Partei auch in Berlin zweitstärkste Kraft werden. Dafür muss die PDS auch im Westteil Fuß fassenAxel Bahr

Es-E-Dist!" "Stasi-Sau!" "Bleibe bloß im Osten!" Der kleine Mann kann die ihm geltenden Schmähungen nicht hören. Zu breit, zu hoch ist die Menschenmauer, die ihn umschließt. Die wenigen, die ihm beleidigende Worte zuzischen, sind jenseits der 50 und gehen mit schnellen Schritten an dem Pulk vorbei. Sich auf eine Diskussion einzulassen, dazu fehlt ihnen der Mut. Oder ist es die Angst vor der eigenen Emotion? Ihre Blicke haben etwas von ohnmächtigem Unverständnis. Beistand können sie aus der Menge nicht erwarten. Die etwa einhundert Zuhörer saugen andächtig die Worte des kleinen Mannes auf und betteln im Anschluss um Autogramme. Breitscheidplatz, am frühen Nachmittag. Am Wasserklops, zwischen Gedächtniskirche und Europa-Center, ist Berlin noch West-Berlin. Hier hält Gregor Gysi Hof.

Neun Jahre, elf Monate und ein paar Tage ist es her, dass Eberhard Diepgen und die Berliner CDU wenige Meter entfernt, am Wittenbergplatz, den Niedergang der DDR, die Maueröffnung und sich selbst als die Gewinner des Kalten Krieges feierten. Zum Ende des Jahrzehnts ist die PDS mitten im Landeanflug auf das, was einmal West-Berlin war. Die Ergebnisse der jüngsten Landtagswahlen beflügeln die PDS. Schon orakeln die Genossen, sie wollten auch in Berlin die SPD als zweitstärkste Kraft ablösen. Dafür brauchen sie einen starken Westen, vier Prozent mindestens. Seit den Wahlen 1995, als sie erste Achtungserfolge im traditionell linken Kreuzberg erringen konnte, dreht die PDS ihre Warteschleifen. Bei den Wahlen zum Abgeordnetenhaus und zu den Bezirksverordnetenversammlungen am 10. Oktober wird sie voraussichtlich den Sprung in mehrere Kommunalvertretungen schaffen. Mit dem Wegfall der Fünf-Prozent-Hürde ist es für die PDS nicht mehr ausgeschlossen, vom Spätherbst an sogar in allen Bezirksversammlungen vertreten zu sein. Drei Prozent ist im Schnitt für die Entsendung eines Verordneten notwendig. 3,1 Prozent erreichte die PDS bei der Europawahl im vergangenen Juni in Charlottenburg, 9,7 Prozent in Kreuzberg, in Zehlendorf immerhin 2,4 Prozent.

Von den rund 16 000 Parteimitgliedern in Berlin wohnen gerade 500 in den westlichen Bezirken, Tendenz nur leicht steigend. Strukturen aufbauen und an Akzeptanz gewinnen kann die PDS im Westen langfristig nur, wenn sie in der Kommunalpolitik verankert ist. Persönlichkeiten mit Profil, die mehr als ein Hinterzimmer in Politbürostärke begeistern können, kann sie im Westen kaum aufbieten. Das wissen die Strategen in der Parteizentrale, das weiß der Mann, den sie auch schon einmal mit dem Computerspiel "Captain Gysi" gefeiert haben. Darum schicken sie in die Diaspora den Populärsten, den sie aufzubieten haben.

Doch Gysi kommt zu spät. Sein Dienst-Audi steckt irgendwo zwischen Reichstag und Budapesterstraße fest. Eine Handvoll Genossen aus der Charlottenburger PDS, die sich "Bezirksorganisation" nennt, hat zwei rote Sonnenschirme und die Lautsprecheranlage aufgebaut. Die Transsexuelle Michaela Lindner, im letzten Jahr unter bundesweiter Anteilnahme als Bürgermeister des sachsen-anhaltinischen Quellendorfs wegen ihrer Veranlagung abgewählt, ist Abgeordnetenhaus-Kandidatin in Charlottenburg. Im schwarzen Kleid verteilt sie ihren Wahlprospekt. Hier ist sie chancenlos, doch in Kreuzberg kandidiert sie für ein sicheres Bezirksmandat. Mangels Kandidaten wurde sie in Charlottenburg platziert. Das brachte Schlagzeilen. Sie tritt gegen CDU-Fraktionschef Klaus Landowsky an. Landowsky steht für West-Berlin wie Jürgen Sparwasser für das 1 : 0 von 1974.

Karl-Heinz Reimann ist seit rund sechzig Jahren Charlottenburger und gehört zu den 30 Mitgliedern der Bezirksorganisation. Früher war er Genosse in der SEW, dem West-Berliner Pendant zur SED, die 1990 in der "Sozialistischen Initiative" verschwand. Der Eintritt in die PDS war für ihn zwingend. Jetzt verteilt er die Wahlkampfzeitung neben dem Wasserklops. Pöbeleien, die gebe es kaum. Früher kam das öfter vor. "Ab und zu wird ein PDS-Plakat beschmiert, aber selten. Die Charlottenburger waren schon immer sehr tolerant", sagt er. Eine Parteifreundin mit monotoner Stimme kündigt via Lautsprecher "Gregor Güsi, einen Politiker zum Anfassen" an: "Treten sie mit Gregor Güsi in Kontakt." Doch der Platz bleibt leer. Wenige Minuten später schlängelt sich Gysi zwischen die beiden Sonnenschirme an das Mikrofon. Vor ihm baut sich wie aus dem Nichts eine Menschenmenge auf. Gysi ist ein Star. Er ist der James Last der PDS. Das Orchester kann spielen, wie es will. Richtig begeistern tut nur der Frontmann.

Seine Rede ist ein in den Wahlkämpfen der letzten Monate bis auf die letzte Silbe einstudierter Vortrag. Zwei Stunden später wird er ihn in der Wilmersdorfer Straße noch einmal halten, Wort für Wort, Pointe für Pointe. Gysi ist frisch im Berliner Wahlkampf. Das sagt er auch und widmet sich dem, was seine Zuhörer ohnehin mehr interessiert, der Bundespolitik. Gysi gibt immer nur Ratschläge, belegt sein Anregungen stets mit Beispielen und lächelt. Er lächelt ununterbrochen - wenn nicht mit den Lippen, dann mit den Augen. Er gibt sich nicht die Mühe, seinen Zuhörern zu erzählen, er stehe mit ihnen auf einer Stufe. Oft betont er, dass gerade er als einer der Besserverdienenden von der Steuerpolitik nur profitiere. Gysi ist ein rhetorisches Multitalent, er verknüpft Abschreibungs- und Fördersätze, Rüstungsmilliarden, Steuerquoten und Anekdoten so elegant, dass man sich urplötzlich sattelfest in den Tücken der Volkswirtschaft wähnt und zugleich amüsiert. Das, was war, streift er nur mit einem Satz: "Wir haben uns mit der Vergangenheit auseinandergesetzt - anders als die Blockparteien." Gysi, das sind für die meisten, die sich die halbe Stunde Zeit nehmen, 161 Zentimeter liebenswürdige Glaubwürdigkeit. Patentrezepte, die habe er nicht. Das kommt an. Hinterher gibt Gysi Autogramme.

Glaubwürgkeit, das scheint ein Pfund, das sich auch die zweite Reihe der Partei im Westen langsam erarbeitet. Die Kontakte in die Gewerkschaften hinein hätten sich "außerordentlich gut entwickelt", sagt Wahlkampfleiter Thomas Barthel. Gerechtigkeit und soziale Kompetenz, die würden Gewerkschafter am ehesten bei der PDS und nicht bei der SPD vermuten. Mit eingefädelt haben die guten Kontakte die Ex-West-Gewerkschafter Manfred Müller und Uwe Doering. Müller, früher Chef der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen, sitzt für die PDS im Bundestag. IG-Metaller Doering ist Geschäftsführer der Abgeordnetenhausfraktion. Ein Großteil der 500 PDS-Mitglieder im Westen ist in Gewerkschaften organisiert.

Wie eng der Schulterschluss mit der PDS ist, zeigt sich beim Auftritt Gysis vor den Arbeitern des von Schließung bedrohten Neuköllner Alcatel-Werkes am Montag. Auch dort kommt Gysi zu spät, was der Freude des IG-Metall-Funktionärs über den "ranghöchsten Politiker, der uns hier besucht", keinen Abbruch tut. Familiär ist bei solchen Anlässen die Atmosphäre; wenn die PDS-Landesvorsitzende von den jubelnden Arbeitern mit "Ein herzliches Willkommen für unsere liebe Petra Pau!" begrüßt wird. Gysi verspricht den Arbeitern nichts, will sich aber für sie einsetzen: "Ich fahre nach Paris und rede mit euren Chefs, wenn das was bringt." Natürlich fährt er nicht nach Paris. Aber die Solidaritäts-Sammelbüchse, die er den Arbeitern versprochen hat, die steht Tage später tatsächlich auf dem Wahlkampfstand am Breitscheidplatz.

Von dort ziehen an diesem Nachmittag die PDS-Truppe samt Gysi weiter zur Wilmersdorfer Straße. In der belebten Einkaufsmeile bauen sie sich zwischen Hertie, Drospa, dem türkischen Obsthändler und einem tibetanischem Bettelmönch auf. Kein zehn Meter entfernt hat sich die SPD mit ihrer mobilen "Momper-auf-Touren"-Bühne postiert. Dort sollen am frühen Abend Walter Momper und Bundesminister Walter Riester sprechen. Während Sozialdemokraten vom örtlichen Ortsverein mit einem Glücksrad locken und sich auf der Bühne eine kubanische Combo auf ihr Vorspiel vorbereitet, kündigt auf der anderen Seite die monotone Frauenstimme erneut "Güsi zum Anfassen" an. Wieder steht der kleine Mann wie hingezaubert hinter dem Mikrofon, wieder wird er in wenigen Sekunden von einer Hundertschaft umringt, wieder setzt er Textbaustein an Textbaustein. Wahlkampfleiter Barthel freut sich. Vor der Bundestagswahl seien viel weniger stehen geblieben. Dieses Mal bekommt Gysi Zwischenapplaus. Michaele Lindner wird von Gysi auch diesmal nicht erwähnt. Sie verteilt brav ihre Prospekte. Verbalinjurien aus der Masse, wie sie früher üblich waren, gebe es nicht mehr, bemerkt Barthel. Doch wieder brüllt ein Mann im Vorbeigehen etwas von Stasi und Schweinen. Ein Zuhörer dreht sich um und schleudert beleidigende Vokabeln hinterher. Gysi hört davon nichts. Als er seinen Namen auf Prospekte schreibt, singt die kubanische Combo im SPD-Auftrag etwas von "Commandante Che Guevara".

Als Momper und Riester auftauchen, ist Gysi längst beim nächsten Termin.

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