Wie hip ist Berlin noch? : Das Berghain ist wie der Gemüsedöner

Die New York Times behauptet es, der Rolling Stone ebenfalls: Berlins heiße Zeit ist vorbei. Vijay Chatterjee arbeitet seit gut fünfzehn Jahren hauptberuflich als DJ. Hier erzählt er, warum er nicht an das Ende des Berlin-Hypes glaubt.

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Vijay Chatterjee, 32, geboren in Steglitz, legt, seit er 18 ist, in Berliner Clubs auf. Er war früher DJ im 90 Grad in Schöneberg, seit der Eröffnung vor drei Jahren ist er fester DJ im Asphalt am Gendarmenmarkt.
Vijay Chatterjee, 32, geboren in Steglitz, legt, seit er 18 ist, in Berliner Clubs auf. Er war früher DJ im 90 Grad in Schöneberg,...Foto: Gili Shani/promo

In Berlin war es schon immer das Unfertige, was die Leute angezogen hat. Das ist bei den Touristenattraktionen genauso wie in der Clubszene. Läden wie die Bar 25 und das Berghain haben das Clubleben weltweit berühmt gemacht und davon zehren wir noch heute. Aber natürlich verändert sich das. Dieses Underground-Ding funktioniert nicht auf Dauer. Das liegt an den Leuten, die die Läden betreiben genauso wie an denen, die hierherkommen.

Mit dem Berghain ist es so wie mit „Mustafa’s Gemüsekebap“. Irgendwann stand es in jedem Reiseführer und dann spricht sich das rum. Dann will jeder Tourist, der nach Berlin kommt, das ausprobieren. Deswegen gibt es dann diese unglaublichen Schlangen. Nur, dass dann irgendwann von den Leuten, die hier wohnen, da niemand mehr hingeht.

Als ich Anfang des Jahrtausends jede Woche im 90 Grad in Schöneberg aufgelegt habe, gab es auch schon diesen Hype ums Berghain. Damals war es noch richtig schwierig, da reinzukommen, alle rätselten über den Darkroom und so, das interessiert doch heute niemanden mehr. Trotzdem bleibt das Berghain auf der Liste der Party-Touristen immer noch ganz oben. Weltweit heißt es: Das muss man gesehen haben, von Asien bis Nordamerika. Das liegt aber auch an der Architektur und den Musikanlagen, die da verbaut wurden, das sind Dinge, die wenige Clubs in Berlin haben, die kann man nicht so einfach kopieren.

Es gibt ja nicht nur eine Clubszene in Berlin, sondern mehrere, zwischen dem Puro im Europacenter und dem Watergate in Kreuzberg liegen Welten. Aber im Endeffekt kann man momentan fast überall ähnliche Phänomene beobachten. Als ich angefangen habe aufzulegen, vor gut 15 Jahren, war alles viel exklusiver, nicht so massenfixiert. Da ist nicht jeder in jeden Club reingekommen. Wenn es nicht voll war, dann haben die Clubs eben entspannte Wohnzimmerpartys gefeiert. Heute heißt es oft: Alle kommen rein, wir müssen den Laden vollmachen, um jeden Preis. Klick „Gefällt mir“ bei Facebook oder registrier’ dich für den Newsletter, dann stehst du auf der Gästeliste, kommst gratis rein, das ist ganz einfach. Da haben sich viele Clubs verramscht, das kann man nicht mehr rückgängig machen.

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Umfrage: Wie hip ist Berlin tatsächlich noch?
Umfrage: Wie hip ist Berlin tatsächlich noch?

Ich hab’ eine ganze Weile in einem Club in der Invalidenstraße aufgelegt. Das war alles auf schick gemacht, komplett in Weiß, Designermöbel, zwei Restaurants, Dachterasse. Am Anfang kam man nur mit einer Clubkarte rein, an der Tür wurde ganz hart selektiert. Das haben die Betreiber nur ein Jahr lang durchgehalten, der Laden war viel zu groß dafür. Irgendwann haben sie auch angefangen, alle auf die Gästeliste zu schreiben und gar nicht mehr kontrolliert. Da sagst du: Max Müller und gehst einfach durch.

Das ist vielen Clubs passiert. Ist doch klar: Alle haben es schwerer und müssen mehr Geld verdienen als früher, um den Club halten zu können. Das liegt zum einen an den Mieten, aber das allein ist es nicht, die sind immer noch viel billiger als überall sonst. Es liegt auch an den Touristen, weil die Clubs wissen: Die kommen sowieso, egal wie viel Eintritt sie nehmen.

Die Tür im Berghain ist immer noch streng, trotzdem schaffen es die Touristen rein, das sind eben kaum noch Leute aus Berlin. Es klingt vielleicht blöd, aber es ist schlimm für einen Club, wenn jeder reinkommt. Die Tür ist sehr wichtig! Wenn da zu viele Kompromisse gemacht werden, weiß man, dass es dem Club nicht gut geht. Das Publikum muss passen, sonst werden die Clubs irgendwann zu Diskotheken, wo alles läuft und jeder glücklich gemacht werden muss.

In einen Club gehst du eigentlich wegen der Musik, weil dort bestimmte DJs auflegen. In Berlin funktioniert das aber nicht. Die Leute sind auf der Suche nach den angesagtesten Locations, nicht nach den angesagtesten DJs. Hier ging es immer schon eher um die Orte. Im Postfuhramt an der Oranienburger Straße zum Beispiel: Da sind die Leute hingegangen, weil es ein superschöner Laden war, dieser Kuppelsaal war einfach spektakulär. Die Leute kommen nach Berlin wegen des KitKatClubs, wo sie eine bestimmte Fetisch-Geschichte ausleben können. Wegen des Berghain, wegen Ritter Butzke, Magdalena, Chalet oder Watergate. Da finden sie dieses Berlin-Ding, wo sie anziehen können, was sie wollen, wo sie entspannt ausgehen können.

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