Wie Modenschauen funktionieren : Inszenierung ist alles

Die Kulturwissenschaftlerin Alicia Kühl hält den Laufsteg für den Kern der Mode – und nicht die Entwürfe.

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Meine kleine Farm im Grand Palais: Für die Frühling-Sommer-Kollektion 2010 von Chanel verwandelte Karl Lagerfeld die Halle in einen Bauernhof und lieferte passende Entwürfe.
Meine kleine Farm im Grand Palais: Für die Frühling-Sommer-Kollektion 2010 von Chanel verwandelte Karl Lagerfeld die Halle in...Foto: dpa

Frau Kühl, Sie behaupten, dass Modenschauen das eigentlich Innovative an der Mode sind. Ziemlich provokant.

Das gefällt auch nicht allen Designern, denen ich meine These präsentiert habe. Aber die Zeiten, in denen genuin neue Mode gezeigt wurde, sind lange vorbei. Ab den sechziger Jahren kam bereits eine Phase, in der modische Zitate betont wurden – damit konnte man die Menschen zunächst überraschen, aber das ging auch vorüber. Man hatte alles schon einmal gesehen, wie es so schön heißt. Und seitdem wird eben versucht, über andere Wege etwas Neues zu gestalten und um die Mode herum zu kreieren. Mit speziell inszenierten Modenschauen etwa.

Was müssen Designer heute leisten?
Entweder sie sind selbst kreativ genug oder sie engagieren Modenschauproduzenten. Die hören sich dann an, was die Idee hinter der Kollektion ist und bauen darauf auf. Manchmal gibt es aber noch keinen einzigen Entwurf, und man erschafft zunächst ein stimmiges Gesamtkonzept mit einer Geschichte, einer Atmosphäre und Gefühlen, dann erst entstehen die Entwürfe. Man munkelt, dass das auch bei Michael Michalskys legendärer Schau vor sechs Jahren in der Zionskirche so war. Die Kollektion enthielt Kirchenfensterprints und Priesterkollare, die strengen Pferdeschwänze der Models pendelten im Takt von „Personal Jesus”, es roch nach Weihrauch. Das war wie ein Ritual. Man könnte auch sagen: Modenschauen müssen Instagram-Material produzieren. Und das ist genau, was die Labels wollen. Natürlich sollen auch Einkäufer die Kollektion sehen, aber im Grunde geht es um ein bestimmtes Bewusstsein für die Kollektion, um Erinnerungsbilder und Botschaften. Die Teile einer Haute-Couture-Schau kann man sowieso nicht tragen. Es ist ein effektheischendes Moment, und da sind Instagram, Facebook und Livestreams Mittel zum Zweck.

Wenn es nur noch um Effekte geht – ist das nicht eigentlich schlecht für die Mode?
Ich glaube, es ist sogar gut, denn die Mode braucht vermutlich mal eine Pause. Sie ist nicht tot, wenn man so will, sondern schläft und wird irgendwann mit einem lauten Knall erwachen. Ich bin davon überzeugt, dass aufwendig inszenierte Modenschauen nicht die letzte Lösung sind, es wird wieder eine neue Phase geben. Tech-Materialien könnten das auslösen – Pullover, die ihre Träger über jede Entfernung miteinander verbinden, etwa Umarmungen spürbar werden lassen. Das ist noch Zukunftsmusik und momentan nicht erschwinglich für die Designer, aber es könnte in diese Richtung gehen.

Alicia Kühl hat an der Universität Potsdam über Modenschauen promoviert.
Alicia Kühl hat an der Universität Potsdam über Modenschauen promoviert.Foto: Privat

Im Vergleich zu Paris oder New York sind die Berliner Schauen ja sehr einfach gehalten. Ist das ein Nachteil für die Designer?
Zunächst einmal ist so eine Schau ein riesiger Kostenfaktor, für eine Modenschau im Zelt am Brandenburger Tor ist man unter 10 000 oder 20 000 Euro gar nicht dabei. Das können sich aber längst nicht alle Berliner Designer leisten. Hier zählt also nicht die Schau, sondern die Party danach und das spezifische Lebensgefühl – nach dem Motto: Zieh’ an, was du willst, und später feiern wir im Berghain. Es ist aber so, dass ohne großen Pomp mehr auf die Kleider geschaut wird, und dann fällt die Kritik oft größer aus, denn viel Show lenkt ja auch schön ab. Vielleicht ist das der Grund, warum die Modestadt Berlin international nicht so anerkannt ist. Man sieht deutlicher, dass das Gezeigte nicht so bahnbrechend ist. In Paris ist das nicht anders, aber die inszenieren das Drumherum besser.

Sie haben sich mit unzähligen Modenschauen beschäftigt. Welche hat Sie besonders fasziniert?
Karl Lagerfeld hat für die Herbst-Winter-Kollektion 2010/2011 von Chanel einen Eisberg aus der Antarktis in den Pariser Grand Palais bringen und dort zurechtschnitzen lassen. Die Models liefen dann durch den Eistunnel, die Entwürfe beinhalteten passenderweise viel Fell. Da sieht man ganz deutlich: Die Atmosphäre beherrscht die Kollektion. Als die Modenschau vorbei war, wurde der verbliebene Rest des Eisklotzes dann im Sinne der Nachhaltigkeit wieder zurückgebracht. Die ganze Idee ist Lagerfeld angeblich im Traum gekommen, quasi als Vision.

Wenn man so etwas hört, kann man sich fragen: Geht’s noch? Was hat das mit Mode zu tun?
Einige Modetheoretiker beschäftigen sich in der Tat damit, welche Schnittmengen mit Kunst oder Theater existieren. Immerhin hat Lagerfeld auch schon einen Supermarkt und eine Bar für seine Schauen erschaffen. Künftig könnten die Zuschauer noch stärker eingebunden werden, wie etwa 2009 bei der Schau von Sonia Rykiel und H&M. Ein Kleinparis wurde nachgebaut, man konnte Zuckerwatte kaufen und Karussell fahren. Das ist zwar ein ganz anderes Erleben, aber immer mehr geht dann auch der Sinn der Sache verloren. Die Frage ist, wie weit es gehen kann, bevor man sagt: Da kann ich auch auf den Rummel gehen. Doch momentan sucht man noch nach Spaß und Unterhaltung – und das ist ja nicht nur in der Mode so.

Alicia Kühl, 30, arbeitet für ein Berliner Modelabel. Ihr Buch „Modenschauen. Die Behauptung des Neuen in der Mode“ (transcript Verlag, 334 Seiten) kostet 32,99 Euro.

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