Wie sicher ist der neue BER-Termin? : Quälendes Warten

Wenn der neue Flughafen tatsächlich am 17. März öffnet, müssten die Ladenbesitzer schon jetzt ihre Waren ordern, doch sie sind misstrauisch. Zu groß ist die Angst vor einer erneuten Verschiebung. Doch egal, ob der Flughafen pünktlich öffnet oder nicht - es wird teuer für sie.

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Hier wird noch gebaut - und noch lange nichts verkauft. Wie lange noch?
Hier wird noch gebaut - und noch lange nichts verkauft. Wie lange noch?Foto: dapd

Diesmal wird sie nicht wieder den Fehler machen und sich auf das Wort von Politikern und die Aussagen von Experten verlassen. „Nein“, sagt Beatrice Posch, „ich ordere keine Ware. Noch einmal so hohe Stornierungskosten kann ich mir einfach nicht leisten.“ 6000 Euro hat sie für die Abbestellung der für ihr Spielzeuggeschäft „Die kleine Gesellschaft“ bestellten Waren zahlen müssen. Der Laden sollte am 3. Juni dieses Jahres, dem Eröffnungstag des neuen Flughafens BER, das komplette Sortiment anbieten können – doch es kam bekanntlich anders.

„Wenn der Flughafen wie jetzt geplant am 17. März 2013 in Betrieb geht, müsste ich in diesen Tagen schon die Textilkollektion bestellen“, sagt Beatrice Posch: „Doch das Risiko ist mir zu groß. Sollte dieser Termin tatsächlich gehalten werden, muss ich das Sortiment eben nach und nach komplettieren – besser als neue Verluste.“

Zwei Spielzeugläden betreibt Beatrice Posch in Berlin, für die 60 Quadratmeter Ladenfläche am BER hat sie einen Kredit aufgenommen, der zurückgezahlt werden muss – auch wenn es noch keine Gewinne gibt.

Die 40-Jährige muss genau rechnen, und von einer Entschädigung, wie sie Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) einst für Härtefälle versprochen hatte, ist keine Rede mehr. „Jedenfalls nicht von einer finanziellen“, sagt Beatrice Posch: „Über andere Kompensationsmöglichkeiten wird noch verhandelt.“

Am meisten grämt sie aber, dass sie nicht alle fünf Frauen, die sie für das neue Geschäft am Flughafen eingestellt hat, beschäftigen kann. „Das nimmt mich wirklich mit“, sagt sie: „Immerhin konnte ich eine Frau behalten und eine zweite hat gerade eine andere Arbeitsstelle bis zur Flughafeneröffnung gefunden.“ Man merkt ihr die Erleichterung an: „Irgendwie gibt es dafür jetzt ein Portal beim Handelsverband Berlin-Brandenburg.“

Das Portal sei vor etwa zwei Wochen eingerichtet worden, sagt Nils Busch-Petersen, der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Berlin-Brandenburg. „Wir sind durch die Erfahrungen mit den Schlecker-Frauen auf die Idee gekommen und haben unsere Mitglieder mit der Frage angeschrieben, ob sie die künftigen Mitarbeiter der Geschäfte am Flughafen kurzfristig beschäftigen können.“

Die Flughafengesellschaft habe zugleich die Mieter über das Angebot informiert und die wiederum ihre Arbeitnehmer. „Es hat sich gelohnt“, sagt Busch-Petersen: „Wir haben momentan sogar mehr Jobangebote als Nachfragen.“

Bildergalerie: Reaktionen auf das Flughafen-Desaster

Problem-BER: Reaktionen auf das Flughafen-Desaster
Aus Brandenburger Regierungskreisen hieß es, Matthias Platzeck und Klaus Wowereit seien "stinksauer" gewesen, als sie von der Verzögerung erfuhren. Beim Regierenden Bürgermeister machte sich eine gewisse Lynchstimmung breit. "Am besten wär's", sagt er, "wenn man gleich irgend jemanden hängen würde oder so." Zugleich versuchte er, dem Desaster eine positive Seite abzugewinnen: Jetzt bleibe Zeit, um auch den Schallschutz für die Anwohner voranzutreiben.Weitere Bilder anzeigen
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09.05.2012 11:35Aus Brandenburger Regierungskreisen hieß es, Matthias Platzeck und Klaus Wowereit seien "stinksauer" gewesen, als sie von der...

Pia Werner hat von dem Portal noch nichts gehört. „Bisher waren alle Bewerbungen erfolglos“, sagt sie. Es klingt niedergeschlagen. Aber das wird man, sagt sie, wenn man die vielen Antragsseiten für das Arbeitslosengeld ausfüllt und nicht weiß, wie man die neue Wohnung in Oberschöneweide bezahlen soll.

Die hatte sich Pia Werner im Frühling voller Freude ausgesucht, als sie wusste, dass die Stelle als Verkäuferin für Reiseelektronik, die ihr im November 2011 auf einer der großen Jobbörsen für den künftigen Großflughafen angeboten wurde, ihr Traumjob war. „Ich bin in Frankfurt am Main darauf vorbereitet worden“, sagt die 21-Jährige aus Schwedt: „Ich werde bei Flughafeneröffnung auch eingestellt, aber bis dahin muss ich ja irgendwie Geld verdienen.“

Wie Pia Werner geht es momentan wohl hunderten Menschen, die eigentlich seit dem 3. Juni in Lohn und Brot sein sollten. Wie viele es genau sind, weiß niemand, weil sie statistisch nicht erfasst werden. Es seien aber weniger als befürchtet, sagt Clarissa Schmidt von der für den neuen Flughafen zuständigen Arbeitsagentur in Potsdam. Ihre Mitarbeiter waren nach Befragung der betroffenen Unternehmen von mindestens 400 Entlassenen ausgegangen. Zum Glück hätten sich bei der Arbeitsagentur viele Unternehmer gemeldet, die qualifizierte Fachkräfte auch befristet einstellen würden.

Brandenburgs Wirtschaftsminister Ralf Christoffers (Linke) bezifferte dieser Tage die Zahl der Betroffenen unter Berufung auf die Flughafengesellschaft auf 600 neu eingestellte Kräfte. Davon hätten aber lediglich 165 Beschäftigte ihre Arbeitsplätze dauerhaft verloren. Rund 340 seien an den alten Flughäfen Schönefeld und Tegel oder in anderen Unternehmensbereichen beschäftigt.

Diese Zahlen beziehen sich allerdings nur auf die Läden im Terminal. Nicht erfasst werden kooperierende Unternehmen wie beispielsweise die Spandauer Firma Haru-Reisen. Sie wollte seit 3. Juni die Schnellbuslinie vom Steglitzer Kreisel zum Flughafen betreiben, hat dafür drei Busse für rund 800 000 Euro gekauft und sieben neue Mitarbeiter eingestellt.

An eine Entschädigung sei nicht zu denken, sagt Geschäftsführer Hans-Jörg Schulze. Im Gegenteil. In einem Schreiben habe die Rechtsabteilung der Flughafengesellschaft zunächst lapidar mitgeteilt, dass sie nicht der Betreiber der Schnellbuslinie und mithin für nichts verantwortlich sei. „Erst nachdem wir an viele Politiker, auch an Klaus Wowereit und Wirtschaftssenatorin Sybille von Obernitz geschrieben haben, bewegte sich etwas.“

Nun verhandele man über Kompensationsgeschäfte, sagt Schulze. Vorstellbar sei etwa ein Einsatz der Busse für die Flughafengesellschaft oder ein Zusatzvertrag als Werbeträger.

Auch Bruno Pellegrini verhandelt noch mit der Flughafengesellschaft. Beziehungsweise: Er hat die Zusage, dass nach den Sommerferien weiterverhandelt wird. Der 53-Jährige, der seit Jahren das Restaurant „Ana e Bruno“ in Charlottenburg betreibt, hofft auf ein Angebot, das ihn für die entstandenen Kosten entschädigt: eine Vertragsverlängerung vielleicht oder einen Mietnachlass.

Die für sein Restaurant extra angefertigten Möbel lagern in der Toskana. Demnächst werden dafür Gebühren fällig. „Doch wenn ich sie zum Flughafen schaffe, muss ich auch noch einen Bewachungsservice bezahlen“, sagt Pellegrini. Und außerdem geht es ihm, was den neuen Termin am 17. März anbelangt, wie Beatrice Posch: Noch einmal verlässt er sich nicht auf Politiker oder sogenannte Experten.

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