Wilhelmstraße : Auf verwischten Spuren

In Berlins Mitte ist fast alles geschichtsträchtig, doch oft ist sie nicht auf den ersten Blick erkennbar. So kommt es in der Wilhelmstraße manchmal zu skurrilen Begegnungen: Touristen suchen Hitlers Bunker und landen ratlos vorm China-Restaurant. Ein Spaziergang.

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Schnitt durch die Geschichte. Die Wilhelmstraße (hier Ecke Behrenstraße) war Deutschlands politisches Zentrum, vergleichbar Downing Street oder Quai D’Orsay.
Schnitt durch die Geschichte. Die Wilhelmstraße (hier Ecke Behrenstraße) war Deutschlands politisches Zentrum, vergleichbar...Foto: Mike Wolff

Zuerst spricht Konfuzius in der Speisekarte: „Für die Menschen ist Essen der Himmel.“ Für Mengling Tang und Küchenmeister Cheng ist die „Peking-Ente“ der Himmel auf Erden, jenes Lokal in Berlins Mitte, in dem sich Prominente gern den Bauch vollschlagen, weil es so gut schmeckt. Und weil dem Gast neben dem Lieblingsgericht des Großen Vorsitzenden eine doppelte Portion Historie aufgetischt wird. Da ist zuerst das mehrere Meter lange Foto an der Wand, wo über 500 Mitglieder des Volkskongresses Mao und den jungen Dalai Lama umrahmen. Und wer die Karte zur Hand nimmt, wird sofort aufgeklärt, dass er sich in diesem Gebäude in der Voß-/ Ecke Wilhelmstraße an einem geschichtsträchtigen Ort befindet: Voßstraße 1 war einst die Adresse der Neuen Reichskanzlei. Von Albert Speer entworfen, wurde sie in elf Monaten gebaut und am 7. Januar 1939 eröffnet. Fünf Jahre zuvor hatten die Nazis in der benachbarten Alten Reichskanzlei ihren Sieg gefeiert.

Joseph Goebbels schwärmt in seinem Buch „Vom Kaiserhof zur Reichskanzlei“ über die Machtübernahme am 30. Januar 1933: „Um 19 Uhr gleicht Berlin einem aufgescheuchten Ameisenhaufen. Und dann beginnt der Fackelzug. Endlos, endlos bis 1 Uhr nachts marschieren unten an der Reichskanzlei die Menschen vorbei. SA-Männer, SS-Männer, Hitlerjugend, Zivilisten, Männer, Frauen, Väter, die ihre Kinder auf dem Arm tragen und zum Fenster des Führers emporheben. Es herrscht ein unbeschreiblicher Jubel.“

Betonwüste. An der Niederkirchnerstraße wird die „Topographie des Terrors“ von den durchlöcherten Resten der Berliner Mauer begrenzt.
Betonwüste. An der Niederkirchnerstraße wird die „Topographie des Terrors“ von den durchlöcherten Resten der Berliner Mauer...Foto: Mike Wolff

Zwölf Jahre später herrschen Chaos und Leid: Große Teile der Stadt sind zerstört, die Wilhelmstraße, das politische Zentrum Deutschlands, gleichbedeutend mit dem Kreml, dem Weißen Haus, der Downing Street oder dem Quai D’Orsay, liegt in Trümmern. Der in der Zentrale des Bösen geplante Krieg war zurückgekehrt. Bis heute verdüstern die dunkelroten Marmorplatten aus der Neuen Reichskanzlei die Wände des U-Bahnhofs Mohrenstraße, der, wie vieles hier, auch so seine Geschichte hat. „Kaiserhof“ hieß er früher, nach dem Krieg „Thälmannplatz“, daraus wurde „Otto-Grotewohl-Straße“, und schließlich, als die Wilhelmstraße wieder Wilhelmstraße hieß, „Mohrenstraße“. Heute blickt die Enten-Wirtin Mengling Tang durch ihre Fenster auf den Zietenplatz: „Was für ein eigenartiger Ort!“

Gerne auch süß-sauer. Am Ort des China-Restaurants an der Wilhelm-/Ecke Voßstraße stand die Neue Reichskanzlei.
Gerne auch süß-sauer. Am Ort des China-Restaurants an der Wilhelm-/Ecke Voßstraße stand die Neue Reichskanzlei.Foto: Mike Wolff

In der 1731 angelegten und nach Friedrich Wilhelm I. benannten 2,4 Kilometer langen Straße erinnern nur noch wenige steinerne Zeugnisse an die Vergangenheit, als sich hier wichtige preußische Ministerien ansiedelten. Und dennoch ist das Gestern der einstigen Regierungsmeile immer präsent, fällt wie ein fahles Licht in das Leuchten urbaner Lebendigkeit der Gegenwart. Die historischen Schichten scheinen unauslöschlich, der Nimbus dieser Straße ist zur Touristenattraktion geworden. Tag für Tag kommen internationale Gäste und warten gespannt darauf, dass die Stadtführer die Schleier lüften. Wie Paolo, der einer Gruppe junger Italiener erklärt, was diese Straße so interessant macht. „Sie kommen aus dreierlei Gründen“, sagt er: „Drittes Reich, Teilung/Mauer – und Gegenwart.“ Dann erklärt er seinen Gästen unter der Profilplastik von Georg Elser, dass dieser am 8. November 1939 in München eine Bombe hochgehen ließ, um Hitler zu töten. „Die Verhältnisse in Deutschland können nur durch die Beseitigung der augenblicklichen Führung geändert werden“, bekannte Elser, dessen Anschlag misslang, später im Verhör. 1945 wurde er in Dachau getötet. Allen Touristen, die zum nahen (unter einem Parkplatz in Trümmer liegenden) Führerbunker und zum Holocaust-Mahnmal gehen, soll sein Denkmal zeigen, dass es damals nicht nur Nazis gab. Der Verein Berliner Unterwelten hat eine Informationstafel am einstigen Bunkergelände aufgestellt.

Erinnerung im Profil. Diese Skulptur ehrt den Hitler-Attentäter Georg Elser, der 1945 hingerichtet wurde.
Erinnerung im Profil. Diese Skulptur ehrt den Hitler-Attentäter Georg Elser, der 1945 hingerichtet wurde.Foto: Mike Wolff

Am Schluss der Führung weiß jeder, dass in dieser Straße auch heute wieder Politik gemacht wird: in den neuen Bundestagsbauten im nördlichen Teil, in der britischen, französischen, tschechischen und ungarischen Botschaft, in zwei Ministerien und am südlichen Ende, wo die SPD-Fahne auf der Zentrale der Partei Willy Brandts weht. Zwischen diesem Ende der Wilhelmstraße und ihrem nördlichen Anfang am ARD-Hauptstadtstudio erzählen noch mehr markante Orte von deutscher Geschichte: Das einzige noch erhaltene Gebäude aus dem vorigen Jahrhundert trägt die Nummer 64 und ist heute die Berliner Außenstelle des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Zwischen 1900 und 1918 wickelte hier das Geheime Zivilkabinett den Geschäftsverkehr zwischen Kaiser und Regierung ab. Von 1922 bis 1932 bewohnte Preußens Ministerpräsident Otto Braun (SPD) das Palais. Von 1932 bis 1933 ließ sich der Präsident des Preußischen Staatsrates Konrad Adenauer hierher seinen Wein liefern. Dann kamen die Nazis: Erst Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß, dann Außenminister Joachim von Ribbentrop und 1941 Heß-Nachfolger Martin Bormann. Nach 1945 ragte das Gebäude als Solitär und architektonischer Dinosaurier aus der enttrümmerten Landschaft. „Staatsverlag der DDR“ stand über der Fassade. Gegenüber: ein großes Nichts.

Historisch gewachsen. Das Gebäude Wilhelmstraße 64 hat alle Wechselfälle der Geschichte überdauert.
Historisch gewachsen. Das Gebäude Wilhelmstraße 64 hat alle Wechselfälle der Geschichte überdauert.Foto: Mike Wolff

Das sollte sich 1988 ändern. Bis dahin war die Fläche zwischen Wilhelm- und Ebertstraße Grenzgebiet: Betreten verboten! Die Ministergärten waren zum Todesstreifen geworden, hinten stand die Mauer. „Dies war ja kein Gelände wie jedes andere, und wir waren der Auffassung, dass mit dem Wohnungsbau eine völlige Umfunktionierung stattfindet“, sagte der damalige Architekt Helmut Stingl, der das nach der Stalinallee mit fast 1000 Wohnungen zweitgrößte zusammenhängende Wohngebiet in Ost-Berlin entwarf. „Schöner Wohnen!“, schien die Devise, wiewohl Stingls Phantasie wegen der Lage des Ensembles Grenzen gesetzt waren: Bäume durften nur 14 Meter hoch sein, eine Staffelung der Geschosse mit Terrassen war nicht möglich, und manche Treppenhäuser erhielten Milchglasscheiben, damit niemand nach Westen winken konnte. In den letzten Plattenbauten der DDR gab sich bald die Prominenz die Ehre: Erst Kurt Hager, Günter Schabowski, Gerhard Schürer, Kati Witt, dann Angela Merkel, Birgit Breuel, Rita Süssmuth, Franz Müntefering, ein reges Kommen und Gehen. Nur der Dichter Rolf Hochhuth hält die Stellung und kämpft gegen die Poller vor der Britischen Botschaft, die die Wilhelmstraße für den Verkehr teilen wie früher die Mauer an der Ecke Niederkirchnerstraße.

Dort haben wir die ganze Geschichte beisammen: Das Gelände der Topographie des Terrors, wo sich Gestapo, SS, SD und das Reichssicherheitshauptamt befanden. Nebenan die originale Mauer. Und dann das Finanzministerium, in dem zu Nazi-Zeiten Hermann Göring saß und später DDR-Ministerien unterkamen, wo Ulbricht log und wo am 17. Juni das Volk aufstand, bis die Sowjetpanzer rollten. „Welche Straße in dieser Stadt hat mehr erlebt?“, fragt Paolo seine Italiener. Und antwortet gleich selber: „Keine!“

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