Winterbesuch auf dem Campingplatz : Ein Leben im Wohnwagen

Andere kehren ihrem Wohnwagen im Winter den Rücken. Die Gerickes leben das ganze Jahr in einem Caravan am Stadtrand - und wollen nie mehr weg. Ein Januarbesuch bei Hannelore und Heinz.

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Das Rentner-Ehepaar Gericke steht im Schnee vor seinem Wohnwagen.
Wetterfest. Hannelore und Heinz Gericke halten im Winter die Stellung auf dem Campingplatz in Kladow.Foto: Axel Völcker

Die Luft ist klar, das Thermometer zeigt knapp über null Grad, Nebel liegt über den Baumkronen. Die hindurchfallenden Sonnenstrahlen lassen den Morgentau auf den Wiesen glitzern. Kaum jemand ist an diesem Januarvormittag in Berlin-Kladow unterwegs. Die Menschen sind in ihren Häusern. Nur eine Frau kratzt die Eisschicht des Nachtfrostes von den Autoscheiben. In den kahlen Heckenzäunen der Eigenheime, die den Krampnitzer Weg hinab zum Campingplatz säumen, zwitschern Amseln.

Am Ende der Straße liegt er da. Still und leer jetzt, ohne Badehosenträger, Musik aus kleinen Radiolautsprechern, dem Duft von Gegrilltem. Ein Briefkasten, eine Telefonzelle und ein Schild mit Willkommensgruß des Deutschen Campingclubs. Die Kaufhalle und das Restaurant im Eingangsbereich des Campingplatzes sind geschlossen. Die Rezeption ist nicht besetzt, aber "in Bereitschaft", wie der an die Scheibe geklebte Zettel verrät. Trotzdem hinein, wie sieht es hier aus, jetzt, mitten in der Wintersaison? Einige Wohnwagen und Reisemobile wurden mit Kälteschutzfolie in den Fenstern präpariert, andere sind komplett mit Winterplane überzogen. Zu dieser Jahreszeit ist hier niemand, oder?

"Hannelore u. Heinz" steht auf dem gerahmten Schild mit der Stellplatznummer 222/223. Der Stellplatz: ein quadratisches Stück Wiese, auf dem ein graublaues Vorzelt aus PVC-Plane mit langen Gardinen hinter den Folienfenstern, ein überdachter Wohnwagen und eine ältere Mercedes-Benz-Limousine stehen. Vor dem Zelt: eine wadenhohe Wildsau mit Stoßzähnen aus Plastik. Steht da wie ein Platzhirsch und markiert das Revier. Vermeintlich verlassene Camperidylle. Aber ist da nicht Licht im Vorzelt?

Ein Blick in den Wohnwagen: Zwei Betten mit lila Kopfkissen, auf beiden Betten sitzen Stoffteddybären.
Kleines Zuhause. Das Leben auf engem Raum stört die Gerickes nicht.Foto: Axel Völker

Ein Idyll auf zehn Quadratmetern

Vierzehn Winter haben Hannelore und Heinz Gericke nun schon in ihrem Wohnwagen in Kladow verbracht. Und zwar nicht, weil sie die Miete nicht zahlen konnten oder der Nachbar tagsüber Posaune übte. Ihre Eineinhalb-Zimmerwohnung in Spandau, knapp elf Kilometer vom Campingplatz entfernt, nutzt das Rentnerehepaar nur als Trockenboden für die frisch gewaschene Wäsche und als Postadresse - obwohl sie mit ihrem Standwagen per Berliner Meldegesetz eigentlich darauf verzichten könnten. Der Wohnwagen ist ihr Zuhause, mehr noch: Er ist ihr Leben. Aber warum eigentlich? Und vor allem: Warum gerade jetzt, bei Kälte und Schnee? Was ist das hier für eine Welt, am Rande Berlins?

Im Vorzelt begrüßt Hannelore Gericke, eine kleine drahtige Frau mit kurzem rotbraunem Haar, lilafarbener Fleece-Weste und Freizeithose den Besucher mit festem Händedruck. "Kommen Sie herein! Da auf dem Stuhl können Sie Ihren Mantel ablegen!" Vor dem Fernseher - Vormittagsprogramm, Serie, heile Welt - sitzt ihr "Dicker", ein Mann von ebenfalls kleiner Statur mit weichen Gesichtszügen, das Haar weißgrau und zurückgekämmt. Hallo. Guten Tag!

Gemütlich warm ist es im Vorzelt, einem mit Holzpaneelen vertäfelten Idyll auf etwa zehn Quadratmetern. Der Eingangsbereich ist Küche zugleich und mit zwei Kühlschränken, einem Gasherd, einer Induktionsherdplatte und Geschirrschrank eingerichtet. Eine Stufe daneben führt in den Wohnwagen, in Gerickes Schlafzimmer, das jetzt zur kalten Jahreszeit bis auf die Heizdecken in den Betten gar nicht beheizt wird. Der Wohnwagen selbst, das lässt sich hier im kalten Winter gleich mal feststellen, ist also gar nicht das Zentrum des Lebens der Dauercamper. Und trotzdem: liebevoll gestaltet. Auf den mit weißen Tagesdecken akkurat gemachten Betten sitzen Teddybären. Mit Platzdeckchen, Blumentöpfen, Kerzen und Lichtern dekoriert sind auch die Schubladenschränke und Kommoden, die entlang der Vorzeltwände stehen. Gleich dahinter befindet sich eine kleine Essecke mit blauem Stoffüberzug und gemusterter Wachstuchdecke auf dem Tisch. An den Wänden: Gerahmte Fotos, auf denen Heinz am Grill oder auf einem Elektromobil sitzend abgebildet ist. Camping, das ist auch: auf engstem Raum alles zu haben, was einem wichtig ist. Aber was ist das für den Einzelnen?

Augewachsen in Kreuzberg

Das Leben im Wohnwagen - vielleicht werden die Voraussetzungen dafür schon in der Kindheit gelegt. Hannelore und Heinz Gericke erleben sie in der Manteuffelstraße 89 in Kreuzberg, wo Hannelore mit Mutter und Vater in einer Wohnung im dritten Stock aufwächst. Heinz wohnt mit Geschwistern und Eltern im Parterre. Vor allem bei den Gerickes in der Ladenraumwohnung ist es zuallererst einmal: eng. Heinz wird 1935 geboren. Der leibliche Vater verlässt die Familie früh, der neue Mann der Mutter bringt weitere Geschwister in die Familie. Zuletzt teilen sich elf Personen die schlichte Einraumwohnung mit Ofen, in der sich im Kältewinter 1947 dickes Eis an der Innenholzverkleidung bildet. Im Alter von sieben Jahren beginnt Heinz Gericke für seine Geschwister und Eltern zu kochen. Der Älteste versorgt die Kleinsten, wechselt Windeln, pudert. Nach der Volksschule erlernt er das Handwerk des Werkzeughärters, arbeitet später in verschiedenen Anstellungen als Hauswart ("Treppenterrier"), Chauffeur, Gabelstaplerführer, Kraftfahrer - insgesamt 45 Jahre lang.

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