Berlin : „Wir brauchten Geld, da sind wir rein in die Wohnung“

Jugendliche überfielen zweimal einen Behinderten in dem Haus, in dem sie selbst in einem Sozialprojekt wohnen

Thomas Loy

Dilek (Name von der Redaktion geändert9 fragt runter in den Hof, ob sie die Hip-Hop-Musik leiser drehen soll. Immerhin ist ja das Fenster auf, und sie will ja nicht stören. Sie sei überhaupt ein nettes Mädchen, sagt die 14-jährige Türkin. Alle Freunde können bei ihr schlafen, wenn sie wollen. Ob sie die Sache mit dem Überfall am Samstag erzählt? Na, klar, warum nicht. „Also wir brauchten Geld. Dann sind wir da rein in die Wohnung. Dachten, die steht leer. War aber dieser behinderte Rentner drin.“ Den versorgten sie in der Küche mit Mandarinen und suchten die Zimmer nach Wertgegenständen ab. „Wir haben den gar nicht angefasst.“ Weil nicht viel zu holen war, kamen sie abends nochmal wieder und nahmen ihm sein Geld ab: 85 Euro.

Das Außergewöhnliche der Tat ist weniger, dass sie einem wehrlosen Rentner galt. Der Überfall spielte sich in einem Haus ab, das zu einem sozialen Wohnprojekt umgebaut wurde. Vier Wohnungen sind vom Verein „Pro Max“ angemietet, der wiederum das Projekt „Bude ohne Betreuung – BOB“ betreibt. Zielgruppe sind Jugendliche, die auf der Straße leben, oft mit Drogen und Prostitution zu tun haben und jede staatliche Hilfe ablehnen. Eine Betreuung findet nur statt, wenn die Jugendlichen auf ihren „Ansprechpartner“ zugehen. Ansonsten leben sie unbehelligt in kleinen 12,5 Quadratmeter-Wohnungen, gesichert mit Stahltüren, wegen der häufigen Einbrüche im Haus. Die kleinen Wohnungen sollen verhindern, dass zu oft Freunde beziehungsweise Freier hier übernachten. Dilek ist seit zwei Wochen in dem Wohnprojekt. Sie wurde vom Bezirksamt vermittelt. Aus dem Amt gab es dazu keine Stellungnahme.

Die Nacht haben Dilek und ihre Freundinnen im Polizeigewahrsam verbracht. „Zwei Jahre kriege ich“, brüstet sich Dilek. Ihr Freund Yascha, der bei der Polizei als Intensivstraftäter geführt wird, gilt als Anstifter und wurde gleich in U-Haft genommen. Er wohnt nicht bei BOB, kommt aber aus dem gleichen Kiez. „Yascha soll vier Jahre kriegen. Wenn das passiert, besorge ich mir eine 9-Millimeter und bum, bum, bum.“ Dilek ist sehr aufgeregt. Alle Zeitungen schreiben über den Fall. Für die Sozialarbeiter von BOB ist der Vorfall eine mittlere Katastrophe. Schlechte Schlagzeilen in Zeiten knapper Kassen kann sich niemand leisten. Hans Podzwadowski, Vorsitzender des Trägervereins Pro Max, verteidigt das Projekt. „In sechs Jahren, die es jetzt besteht, ist noch nichts vorgefallen. Wir sind hier eine kleine Insel in einem sehr schwierigen Kiez. Um uns herum wachsen scharenweise Intensivtäter heran. Die machen Brüche und verkaufen die Sachen an die Gebrauchtwarenhändler in der Gegend. An diese Intensivtäter wollen wir auch herankommen. Das hat aber nichts mit BOB zu tun.“ Die Begegnungen mit den Straßenkids aus der Umgebung sind bislang eher unfreiwillig. Auch in die Räume des Vereins wird immer wieder eingebrochen. Als mutmaßlichen Täter haben die Sozialarbeiter auch Yascha kennen gelernt. Beweisen konnten sie ihm bisher nichts. „Unser Angebot sieht so aus: Wir geben den Jugendlichen ein Bett und Essensgeld, damit sie nicht mehr gezwungen sind zu klauen oder eine Oma zu schubsen.“ Nach drei Monaten läuft das Angebot aus. Entweder gehen sie dann wieder auf die Straße oder akzeptieren eine betreute Wohnform.

„Die Erfolgsquote liegt bei 95 Prozent“, sagt Angelika Schoettler, Sozialstadträtin von Tempelhof-Schöneberg. Hier wurde das Projekt BOB vor sechs Jahren gestartet. Erst vor kurzem wurden vier weitere Plätze geschaffen – insgesamt gibt es jetzt acht. Für die gesamte Stadt ist das sehr wenig. Viele der rund 3000 Berliner Trebegänger lehnen auch dieses so genannte niedrigschwellige Angebot ab.

Was Dilek veranlasste, bei BOB mitzumachen, bleibt unklar. Ihre Eltern hätten sie rausgeschmissen, sagt sie. Von ihrer Mutter bekomme sie dennoch öfters 1000 Euro – das gebe sie dann für Drogen und andere Sachen aus. Ihr Vater sei ein „reicher Pinkel mit Mercedes“. Mehr will sie nicht erzählen – sie muss jetzt dringend weg.

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