Berlin : Wir Mauerkinder

In der DDR-Exklave Klein-Glienicke war Grenze, wohin man blickte. Hier konnte man nicht anders als behütet aufwachsen

Michael Zajonz

Wer hier rein wollte, musste mehr tun, als nur am Tor zu rütteln. Er musste vor allem eines sein: unverdächtig. Manche zahlten für ein paar unbedachte Schritte in die falsche Richtung mit ihrer Gesundheit, andere – wenn auch nicht an dieser Stelle – mit dem Leben. Genau genommen war es auch gar kein Tor, das uns vom Rest der DDR trennte, sondern ein Schlagbaum. Rot-weiß gestreift, quietschend, von Grenzsoldaten mit geladener Maschinenpistole bewacht.

Klein-Glienicke liegt an der Nahtstelle zwischen Berlin und Potsdam. Zwischen 1961 und 1989 bauten es die Grenztruppen der Nationalen Volksarmee zu einer Art Festung aus. Wie ein stecken gebliebener Bumerang ragte es in West-Berliner Gebiet, bis auf den Durchlass am Teltowkanal vollständig von der Mauer umschlossen. Die DDR schien alles daranzusetzen, ihren „Antifaschistischen Schutzwall“ auf diesen Kilometern besonders sicher zu machen.

Nur, zwischen den Mauern lebten Menschen. Solche wie wir: Großeltern, Eltern, ein Kind. Die Familie meiner Mutter saß seit dem 17. Jahrhundert dort, hütete ein zwar längst nicht so altes, dafür einigermaßen baufälliges Haus, ein randvoll mit Trödel gefülltes Nebengebäude und den, so schien es mir damals, riesigen Garten. Da geht man nicht so leicht.

In Klein-Glienicke verbrachte ich die ersten sieben Jahre meiner Kindheit. Im Herbst 1973 zogen meine Eltern in ein neues Hochhaus am anderen Ende von Babelsberg. Endlich konnten sie Gäste empfangen, ohne Wochen vorher Passierscheine beantragen zu müssen. Die Kehrseite der „Platte“: Zu dritt mussten wir mit 52 Quadratmetern auskommen. Ich passte mich an. Aber ich trauerte.

Klein-Glienicke ist ein Kunstprodukt des 19. Jahrhunderts, ein romantischer Traum vom Glück im Winkel. Bis auf das Jagdschloss des Großen Kurfürsten ist dort kaum etwas älter als 200 Jahre. Das Schloss, sein Park und der Böttcherberg gehören seit 1939 zu Zehlendorf, Klein-Glienicke blieb beim Kreis Teltow. So wurde damals unsichtbar geteilt, was historisch zusammengehört.

Im Windschatten der Mauer fanden wir Kinder unsere kleinen Paradiese. Zum Beispiel die Abrisshäuser. Was einem gebürtigen Glienicker wie Großvater schmerzen musste: 38 Häuser, so rechnete er mir vor, waren seit 1961 enteignet und abgerissen worden, weil sie zu nahe an den Grenzanlagen standen.

Wir stiegen durch die Kellerfenster, zerschlugen Scheiben und waren erst zufrieden, wenn wir auf dem Dach standen. Wir, das waren vier bis sechs Jungen und Mädchen aus der Nachbarschaft. Kinder aus Familien, gegen die auch meine Eltern nichts einzuwenden hatten. Lediglich der Vater meines Freundes Enrico war Polizist. In allen Familien, denen in den Siebzigerjahren Wohnungen in Glienicke zugewiesen wurden, arbeitete mindestens ein Elternteil bei den „Staatsorganen“. Polizisten und Feuerwehrleute schienen zu den Harmloseren zu gehören. Unter uns Kindern spielte das Misstrauen der Erwachsenen ohnehin keine Rolle.

Ebenso wenig wie die Mauer, die eben schon immer da gewesen war. Ich wusste: Den wenige Meter entfernten Wald würde ich, wenn überhaupt, erst als alter Mann betreten dürfen. Die Mauer grenzte an zwei Seiten an unser Grundstück, besetzte das Land, wo vorher Straßen verlaufen waren. Als Ersatz hatten die Grenztruppen 1968 eine Stichstraße mitten durch die Gärten bauen lassen. Doch Autos gab es kaum.

Die Mauer wuchs mit mir. Anfangs bestand die höchstens 2,50 Meter hohe Barriere aus zwei Lagen grauer Leichtbetonplatten. Irgendwann erhielt sie einen Gitteraufsatz aus Streckmetallfeldern, wenig später stellten die Grenzsoldaten davor einen Maschendrahtzaun auf und legten im Zwischenraum einen Fahrweg für ihre knatternden Trabant-Jeeps an. Schließlich wurde anstelle des Zaunes eine zweite Betonmauer errichtet.

Fluchtversuche gab es dennoch immer wieder. Besonders die geglückten bestimmten wochenlang das Ortsgespräch. Etwa im August 1973, als gleich neun Menschen durch einen Tunnel flüchteten, den sie vom Keller eines grenznahen Hauses aus gegraben hatten. Das anfallende Erdreich soll per PKW hinausgeschmuggelt worden sein. Wochenlang mussten daraufhin alle Autofahrer am Schlagbaum ihren Kofferraum öffnen.

Als ich im Novemberjubel 1989 über die Glienicker Brücke ging, war ich vom Schauplatz einstiger Spiele und erster Blessuren wenige Meter entfernt. Das Verständnis dafür, wie nah dies alles beieinander liegt, stellte sich erst nach und nach ein. Seit zwei Jahren wohnen meine Eltern wieder in unserem Haus. Eine glückliche Ausnahme. Wer sich heute dort niederlassen will, braucht vor allem eines: Geld. Der Ort meiner Kindheit ist kaum wiederzuerkennen.

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