Wohnen im Alter : Gefragt: die flexible Architektur

Planer stellen sich auf Seniorenbedürfnisse ein

Ferda AtamanD

Wo Menschen immer älter werden, kommt dem Wohnen eine besondere Bedeutung zu. Wollen wir ein Haus mit tollem Design oder zweckmäßig geplante vier Wände? Architekten müssen hier abwägen, was die Kunden von morgen brauchen. „Ziel sollte dabei sein, einen Wohnraum zu schaffen, der es nicht erfordert, in jeder Lebensphase neu umzuziehen“, sagt Paul Kahlfeldt, Berliner Architekt und Professor für Baukonstruktion. „Lange an einem Ort wohnen ist wichtig für die soziale Verhaftung“, erklärt er.

Wenn Hausplaner bestimmte Aspekte jedoch nicht berücksichtigen, sind in späteren Jahren Alltagsprobleme programmiert: Ächzen beim unkomfortablen Duscheinstieg, über Türschwellen stolpern, wenn der Gang weniger leichtfüßig wird, atemlos oben ankommen, wenn die Treppenstufen nicht mehr schwungvoll genommen werden können – viele Menschen kennen das.

Wie aber muss das Haus von morgen aussehen, um den Ansprüchen älterer Bewohner zu genügen? „Gute Architektur zeichnet sich durch Belastbarkeit aus“, sagt Kahlfeldt. „Sie muss Veränderungen einplanen“, im Leben wie im Wohnraum. Funktional vorgegebene Räume wie große Wohnzimmer und kleine Schlafzimmer seien dabei ein Hindernis. Besser sei ein Grundriss mit vielen gleich großen Zimmern, in denen Wände flexibel eingezogen und abgerissen werden können – je nach Bedarf. Der klassische Berliner Altbau sei laut Kahlfeldt ein gutes Beispiel dafür: Er ist flexibel und hält Veränderungen aus. Darin könnten Arztpraxen unterkommen, große Familien wohnen, aber auch Penthouses auf dem Dach für Wohlhabende entstehen. Sozialistische Planwohnungen dagegen würden heute reihenweise abgerissen, weil sie nicht nur unschön, sondern auch unflexibel seien.

An vielen Hochschulen werden derzeit spezielle Lehrstühle für altersgerechte Architektur eingerichtet. Doch Wissenschaftler Kahlfeldt hält das für eine überflüssige Modeerscheinung. „Das ist wie mit der Energieeffizienz: Ein guter Architekt hat das schon immer beachtet.“ Er würde automatisch Häuser entwickeln, die das Altern ihrer Bewohner schon in der Planung berücksichtigen. Technische Neuerungen sollten Standard sein, wie etwa ein integrierter Aufzug – „eine wirkliche Errungenschaft fürs Wohnen im Alter“. Natürlich geht das nur, wenn Kunden sich das leisten können. Wenn nicht, plane Kahlfeldt einen Schacht ein – der koste nichts und könne so lange als Abstellkammer dienen, bis ein Lift nötig wird.

Auch Wohnsiedlungen von Rentnern, wie sie in den USA häufig vorkommen, hält Kahlfeldt für ungünstig. „Soziale Mischung ist einer der wichtigsten Punkte“, sagt der Architekt. Alles andere sei „Ghettoisierung“. Dennoch erwartet der Wissenschaftler, dass diese Form des Wohnens auch in Deutschland kommt, „vor allem in Regionen, aus denen Jüngere wegziehen“. Für Berlin macht er sich in dieser Hinsicht keine Sorgen. „Hier ziehen die jungen Leute her.“ Das sei gut so. Es mache das Leben außerhalb der eigenen vier Wände bunter – und davon profitierten auch die Älteren. Ferda Ataman

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