Wohnungsbau in Berlin : "Wir brauchen eine neue Karl-Marx-Allee"

Architekt Hans Kollhoff fordert ein neues nationales Bauprojekt für Berlin – wie einst im Sozialismus. Ein Gastkommentar.

Hans Kollhoff
Vorzeigemeile. Nach dem Zweiten Weltkrieg sollte die einstige Stalin- und heutige Karl-Marx-Allee die Stärke der DDR-Baukunst repräsentieren.
Vorzeigemeile. Nach dem Zweiten Weltkrieg sollte die einstige Stalin- und heutige Karl-Marx-Allee die Stärke der DDR-Baukunst...Foto: Britta Pedersen, dpa

"Einige unserer Architekten wollten die Hauptstadt Deutschlands verniedlichen durch den Bau von niedrigen Häusern und wollten Gebiete der Innenstadt nach den Richtlinien für Stadtrandsiedlungen bebauen. Der grundsätzliche Fehler dieser Architekten besteht darin, dass sie nicht an die Gliederung und Architektur Berlins anknüpfen, und im Glauben, dass man in Berlin Häuser bauen könne, die ebenso gut in die südafrikanische Landschaft passen.“ Walter Ulbricht auf dem III. Parteitag der SED am 22. Juli 1950.

Während die Moderne in London, Paris und Mailand, vor allem aber in New York die wunderbarsten großstädtischen Häuser hervorgebracht hat in den zwanziger und dreißiger Jahren, bürgerliche Häuser von atemberaubender Wohnlichkeit und hinreißender städtebaulicher Präsenz, diente sie hierzulande nahezu ausschließlich der Befriedigung des Existenzminimums, vor allem des Wohnens, zunächst des genossenschaftlichen und am Ende „sozialen“ Wohnungsbaus.

Was heute als Luxus daherkommt im Zentrum deutscher Städte, auch in Berlin, entpuppt sich als ebenso aufgehübschter wie verklemmter sozialer Wohnungsbau, hinter einer bemühten Verpackung aus Science-Fiction-Motiven oder Styroporklassik. Dieses arme Land scheint nichts gelernt zu haben aus Zeilenbau-Banalität und Großsiedlungs- Tristesse. Es ist dabei, wieder schnell und dürftig zu bauen draußen an der Peripherie, wo das Elend niemandem auffällt außer den dorthin Verbannten.

Eine städtebauliche und architektonische Leistung

Es wäre zu einfach, ökonomische Gründe ins Feld zu führen. Es sind fundamentale politische Versäumnisse und zuallererst ideologische Blockaden unseres Berufsstandes, die wir uns nicht länger leisten können. Alles, was von Architektenseite heute wieder hervorgekramt wird zur Lösung der Wohnungsfrage, kommt aus der Werkzeugkiste eines abgehalfterten „sozialen“ Wohnungsbaus, der ja eigentlich mit dem Ende der „Neuen Heimat“ seine Untauglichkeit bewiesen hatte. Nun kommt das alles wieder hoch und die lächerlichen Ideen der Architekten sind letztlich auf Hans Scharouns Obsession zurückzuführen, auf paradiesisch gesäubertem Grund neu anzufangen.

Da stehen sie, die Laubengang-Häuser für das Existenzminimum an der Frankfurter Allee, von der Denkmalpflege ebenso bewacht wie Richard Paulicks Karl-Marx-Allee und das Hochhaus an der Weberwiese von Hermann Henselmann nebenan. Und es fährt einem die Erkenntnis schockartig in die Glieder, welche gewaltige städtebauliche und architektonische Leistung die ehemalige Stalinallee ist, die heutige Karl-Marx-Allee, insbesondere das Frankfurter Tor. Sie ist das einzige Beispiel deutscher Stadtbaukunst und Architektur, die an die große Tradition des 19. Jahrhunderts anknüpfen konnte und den Vergleich nicht zu scheuen brauchte mit den europäischen und amerikanischen Großstädten.

Es bedarf außergewöhnlicher Entscheidungen

Wir sind ein reiches Land und wir werden uns eines Tages zutiefst schämen müssen für die Notunterkünfte, die wir unseren Mitmenschen zumuten. Ein Blick auf „Google Maps“ zeigt uns, wie viel Platz wir in unseren Stadtzentren haben, unwirtliche, von Anspruchsdenken blockierte Flächen, die nach einer weitsichtigen, wenn auch momentan unbequemen Entscheidung schreien.

Hans Kollhoff, 69.
Hans Kollhoff, 69.Foto: picture alliance / dpa

Darf man, heute noch, Aufbau-Pathos wagen? Alle packen an. Ein nationales Projekt, wie einst die Karl-Marx-Allee, gewinnt Gestalt. Eine bauliche Qualität bildet sich heraus, Handwerk, getragen von der Liebe zum Detail, vom Gefühl für Raum und Proportion! Vor allem aber beeindruckt der städtische, großstädtische Habitus. Heute, nicht nur 1950.

Zuallererst fehlt heute, auf geradezu tragische Weise, die Erkenntnis, dass unsere außergewöhnliche Lage außergewöhnlicher Entscheidungen bedarf und dass wir uns nicht wieder mit Scheinlösungen durchlavieren können, die sich als untauglich erwiesen haben: die Billigbauweise am Stadtrand. Wir können uns nicht länger Bebauungspläne leisten, deren Aufstellung drei Jahre dauert. Und auch keinen lähmenden Denkmalschutz, der die Bauherren und Architekten hinaustreibt auf die grüne Wiese, die doch eigentlich unter Landschaftsschutz stehen müsste. Dieser Ruf quer durch die Republik nach Bauland-Ausweisung ist ein Skandal!

Bauen in der Demokratie

Es bedarf offenbar einer heroischen Entscheidung, mitten in der Stadt zu bauen zu vertretbaren Kosten, und dazu müssen lieb gewonnene Standards infrage gestellt werden, angefangen beim Schall-, Wärme- und Brandschutz, die uns zwingen, exorbitante Mittel in konstruktiv zweifelhafte Lösungen zu stecken, die alles andere als nachhaltig sind. Nach zwanzig Jahren muss die gesamte Technik ausgetauscht werden – und nicht selten das Haus dazu.

Vielleicht sollten wir wieder das Fenster aufmachen statt die Klimaanlage an, und sei es mit dem iPhone. Für die 20 Prozent, die das Bauen dann billiger wird, können wir auf „schwierigen“ Grundstücken in der Stadt bauen. Und wenn man die Einsparungen der Infrastruktur, der sozialen und kulturellen Versorgung dazurechnet, dann kann man sogar nachhaltig bauen, Häuser, die den Vergleich zu jenen des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts nicht scheuen müssen, mit allen Annehmlichkeiten, die wir heute erwarten dürfen.

Es soll hier nicht dem Sozialismus das Wort geredet werden, aber das Bauen in der Demokratie muss nicht zwangsläufig provisorisch, ungemütlich und, ja, hässlich daherkommen. Demokratie heißt nicht, verdammt zu sein zum ewigen Durchlavieren. Demokratie verlangt aber gewählten Volksvertretern hin und wieder auch prinzipielle Entscheidungen ab. Ein Paradigmenwechsel steht an.