Wohnungsunternehmen wollen billiger bauen : Häuser aus dem Baukasten

Die städtischen Wohnungsunternehmen wollen Häuser in Serie bauen – und BBU-Chefin Kern träumt von Großsiedlungen

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Die Hufeisensiedlung in Neukölln ist Vorbild für einen modernen "Typenbau"
Die Hufeisensiedlung in Neukölln ist Vorbild für einen modernen "Typenbau"Foto: dpa

Billig bauen für kleine Leute – und später Weltkulturerbe werden. Die städtischen Wohnungsbaugesellschaften wünschen sich den Siedlungsbau der 20er Jahre zurück. „Damals entstanden 140 000 Wohnungen innerhalb von sieben Jahren, solche Zahlen erscheinen uns heute unvorstellbar“, sagt Snezana Michaelis von der Gewobag. Die Hufeisensiedlung von Bruno Taut oder die Siemensstadt von Hans Scharoun sind Vorbilder für die neue Kampagne der Städtischen, die unter dem sperrigen Namen „Typenbau“ am Dienstag vorgestellt wurde.

Weil das herkömmliche Bauen immer teurer wird und Mieten nach sich zieht, die nur noch die obere Mittelschicht bezahlen kann, wollen die sechs Wohnungsbaugesellschaften Typenhäuser mit gleichförmigen Bauteilen entwickeln lassen. Das soll Planungs- und Baukosten erheblich reduzieren. So wie man es bei den Modulbauhäusern für Flüchtlinge, den sogenannten MUFs, bereits versucht hat.

Bautypen sollen sich nach außen unterscheiden

Jörg Franzen, Vorstandschef der Gesobau, verspricht, es werde keine „Platte 2.0“ geben. Die großen Siedlungen in Marzahn oder im Märkischen Viertel sind eher das abschreckende Vorbild einer seriellen Bauweise. Die Typisierungen sollen vor allem nach innen gerichtet sein, mit identischen Wohnungsgrundrissen, Küchen und Bädern, während Fassadengestaltung und Fenstergrößen variieren. Das Stichwort lautet: Baukastenprinzip. Bloß keine Monotonie. „Wir wollen nicht erneut in die Falle der 60er und 70er Jahre tappen“, sagt Michaelis.

Ausschreibungen sind bereits unterwegs, ab 2018 könnten die ersten Typenbauten entstehen, als Punkthochhaus, Zeilenblock oder Aufstockung vorhandener Flachbauten. Kleine Reihenhäuser wie bei Taut verbrauchen zu viel Fläche, sind also aus dem Rennen. 60 000 Wohnungen wollen die Städtischen bis 2026 bauen, davon die Hälfte Sozialwohnungen. Insgesamt soll der Bestand städtischer Wohnungen auf 400 000 anwachsen, derzeit sind es rund 310 000. „Wir sind der größte Wohnungsbauentwickler Deutschlands“, sagt Franzen.

Viele Wohnungsunternehmen sind im Baurausch

Auch der Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen (BBU) befindet sich im Baurausch. „Große Siedlungen – große Chancen“, hieß es auf der Jahrespressekonferenz am Dienstag. Obwohl das einzige Großsiedlungsprojekt auf der Elisabeth-Aue in Pankow von Rot-Rot-Grün abgeblasen wurde, hält der BBU am Konzept großer Neubauprojekte fest. In Pankow sollten rund 5000 Wohnungen entstehen, auf einer komplett unerschlossenen Ackerfläche. Der BBU hat mal aufgeschrieben, was man bei neuen Großsiedlungen beachten sollte: „Wiedererkennbarkeit der Quartiere, humane Proportionen, Vermeidung von Angsträumen und einseitiger Belegungsstrukturen, gute Anbindung an die Stadt.“ Also keine Hochhaus-Ghettos an der Peripherie wie in Paris.

Der Wohnungsleerstand in den Mitgliedsunternehmen des BBU ist 2016 auf 1,6 Prozent gesunken, das bedeutet extreme Wohnungsknappheit. Normal sind Quoten von 2 bis 3 Prozent, weil wegen Umzügen und Renovierungen immer Wohnungen einige Wochen oder Monate leerstehen. Zum Vergleich: In der Prignitz stehen 17 Prozent der Wohnungen leer.

Verbandschefin: Tegel sollte schnell schließen

Die BBU-Unternehmen – dazu gehören kirchliche, städtische, private und genossenschaftliche Wohnungsvermieter – wollen in diesem Jahr 4679 neue Wohnungen in Berlin fertigstellen, im nächsten Jahr 6677. Ob das klappt, hängt nicht vom Geld ab, sondern von den Kapazitäten in der Bauwirtschaft und dem Angebot von Bauland.

BBU-Chefin Maren Kern dringt darauf, den Flughafen Tegel so schnell wie möglich zu schließen, um das geplante landeseigene Bauland für 5000 Wohnungen, das Schumacher-Quartier, nicht zu verlieren. In Berlin werde noch zu langsam gebaut, sagt Kern. In Potsdam oder Hamburg entstünden mehr Wohnungen in Relation zur Bevölkerungszahl. Kritisch sieht Kern Pläne von Bausenatorin Katrin Lompscher (Linke), die Förderung von Sozialwohnungen auf Normalverdiener bis 45 000 Euro brutto (2 Personen-Haushalt) auszudehnen. Besser wäre es, das Bauen billiger zu machen.

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