Wrestling in Neukölln : Hulk Hogan in der Schulturnhalle

Wrestling, das ist Show, Sport, Schmerz. Schrill kostümierte Männer – und Frauen – verdreschen einander für Geld, Ruhm und fürs eigene Ego. In einer Neuköllner Schulturnhalle arbeiten sie hart, um gesehen zu werden.

Lena Schnabl
Muskelzirkus. Wrestling ist Show, aber komplett durchchoreografiert sind die Kämpfe oft nicht
Muskelzirkus. Wrestling ist Show, aber komplett durchchoreografiert sind die Kämpfe oft nicht. Ob hier jedoch Ivan Kiev gewinnt...Foto: Alice Epp

Hussein träumt nicht mehr von Amerika. Nicht mehr von einer Karriere in der ganz großen Liga dort, der WWE, World Wrestling Entertainment, Umsatz: 604 Millionen US-Dollar. Hussein sitzt an einem Dienstagabend in einer Neuköllner Schulturnhalle und deutet auf eine Ansammlung von Leuten in Sportkleidung. Seine Schüler. Dicke, Dürre, Kleine, Große, Frauen, Jungs. Wrestler, Schaukämpfer, moderne Gladiatoren. Und solche, die davon träumen, es zu werden. Müsste eine Riesensumme sein, dass er das hier aufgeben würde, sagt Hussein, der braun gebrannte Muskelmann, mit rauchiger Stimme. Er will Wrestling in Deutschland wieder groß machen.

Lektion 1: Ein Wrestler muss fit sein
„Die Muskeln sind nicht da, um schön zu sein. Sie schützen die Knochen.“ (Hussein)

Hussein, Kampfname: Crazy Sexy Mike, Verletzungen: hundertfach ausgekugelte Schulter, dreifach gebrochener Unterarm, guckt in die Ferne. Vor ihm stehen 30 Schüler vornübergebeugt, bohren die Köpfe in die blauen Matten, die Arme sind frei, der Nacken hält das Gewicht. Überhaupt, der Nacken! Der Nacken muss gut aufgewärmt werden. Denn wer sich den Nacken bei einem Sturz verletzt, landet vielleicht im Rollstuhl.

Angriff. Der Chef der Berliner Liga GWF, Hussein Chaer, tritt unter seinem Kampfnamen Crazy Sexy Mike auf.
Angriff. Der Chef der Berliner Liga GWF, Hussein Chaer, tritt unter seinem Kampfnamen Crazy Sexy Mike auf.Foto: Alice Epp

Wrestling, dieser Muskelzirkus, bei dem sich Männer und, seltener, Frauen in engen Glitzer-Outfits durch die Luft schleudern und sich gegenseitig Klappstühle über den Kopf ziehen, kam in den 80er Jahren aus den USA nach Deutschland, in den 90ern lief die Show „Wrestle Mania“ nachts auf RTL2. Hulk Hogan wurde mit Solarium-Teint und wasserstoffblondem Schnauzbart zum Aushängeschild der Branche. Merchandising-Artikel wurden produziert, kleine Jungs spielten mit Hulk-Figuren.

Hussein kam 1993 zum Wrestling, da ging der Boom in Deutschland gerade zu Ende. Hulk Hogan verließ die WWF, die Vorgängerserie der WWE, die Actionfiguren verstaubten in den Kellern der Elternhäuser. Hussein und sein Bruder Achmed wollten trotzdem Showkämpfer werden. Sie legten Matratzen aus im Kinderzimmer in Kreuzberg, warfen sich gegenseitig drauf, prügelten sich, ahmten ihre Idole nach. Hulk Hogan, klar. Aber auch Bud Spencer und Terence Hill, das Traumpaar der Siebziger-Actionkomödie. „Jungs halt. Haben uns viel verletzt.“

Der Sport ist im Kommen. Sieht man ja an Tim Wiese

Die Brüder haben keine Wrestling-Körper, sind zu klein, keine Zweimetermänner. Aber der Wille war früh da – „es steckt uns einfach im Blut“. 1995 traten Hussein und Achmed, damals 18 und 16 Jahre alt, in ihrem ersten Ringkampf gegeneinander an. Berlin, hundertfünfzig Zuschauer. „Die sind voll abgegangen!“ Die Brüder wurden wieder gebucht. Hussein, der eine Kindergärtnerausbildung abgebrochen hat, jobbte als Maler, Gärtner, in Restaurants, in einer Autowerkstatt. Fuhr zu Shows, schlief nach dem Auftritt im Kostüm im Auto und fuhr morgens zur nächsten Show. Kämpfte mit gebrochenem Arm, der nicht aufhören wollte zu eitern. Als er sich die linke Schulter irgendwann nicht nur während der Kämpfe auskugelte, sondern auch im Schlaf, bekam er eine Eisenplatte hinein. Aber er bekam auch Respekt, konnte reisen: ganz Europa, Türkei, Libanon, Ägypten, La Réunion. 1995 gründeten die Brüder dann ihre erste Wrestling-Schule in einem kleinen Atelier in Kreuzberg.

Mittlerweile haben Hussein und sein Bruder etwa 30 Schüler, unter ihnen drei Frauen. Seit 1996 kämpfen die in ihrer eigenen Liga, der German Wrestling Federation (GWF). Jeden Monat veranstaltet die GWF eine Show im Zirkuszelt am Ostbahnhof, zu der immer über dreihundert Leute kommen - das nächste Mal am Sonnabend, den 7. Februar im Shake!, Postbahnhof 1, Friedrichshain. Es gibt mehrere solcher Ligen in Deutschland, in Hannover, Oberhausen, Marburg, die jeweils eine oft protzig unübersichtliche Vielzahl eigener Titel mit klingenden Namen vergeben. Aus dem, was in anderen Sportarten Vereinsmeisterschaft heißt, wird so – auch das gehört zur Show – eine bei der GWF einmal im Jahr stattfindende „Champions Night“.

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Das ist natürlich alles nichts, wenn man in die Staaten guckt. Auch heute noch steht die US-Liga WWE an der Spitze des Sports. Wer dort unterkommt, kann berühmt und reich werden, in den USA ist Wrestling unverändert populär. „Über Geld spricht man nicht“, sagt Hussein. Aber Millionär sei schon drin. In Deutschland können nur wenige Wrestler vom Kämpfen leben, 30 sind es vielleicht, Hussein ist einer von ihnen. „In den nächsten Jahren werden es mehr werden“, sagt er. Wrestling sei wieder im Kommen. „Sieht man ja an Wiese. Alle machen sie mit.“ Tim Wiese, ehemaliger Fußball-Nationaltorwart, gab kürzlich bekannt, er sei mit der WWE im Gespräch über eine zweite Karriere als Wrestler. Was ihm Spott einbrachte, aber auch Aufmerksamkeit. Und die ist viel wert in diesem Kampftheater.

Husseins Schüler haben sich wieder aufgerichtet. Jetzt warmlaufen, im Kreis auf dem Holzparkett, die Backsteinwände entlang. Vorwärts. Seitlich. Rückwärts. Sprint. Die Athleten müssen vorbereitet sein. In einem Monat ist die Champions Night, wie jedes Jahr im Dezember.

Pascal, Kampfname: Pascal Spalter, muss dann seinen Titel als Berlin-Champion verteidigen. Außerdem will er Mittelgewichtschampion der Liga werden. Pascal ist 24 Jahre alt, 130 Kilo auf 1,90 Meter, im Leben außerhalb des Rings studiert er Marketingkommunikation. Seit acht Jahren wrestelt er, er ist der Superstar der Schule. Seine Verletzungen: gebrochene Rippen, angebrochenes Schlüsselbein, Schleudertrauma im Nacken. Als Fortgeschrittener hilft er Hussein beim Training. Pascal lässt eine Gruppe Schüler Judorollen machen und aufspringen. Hin und her, runter und wieder hoch, bis die Schüler nicht mehr aussehen, als könnten sie noch geradeaus laufen.

Noch ein Mal Europäischer Mittelgewichtschampion werden

Am Hallenrand läuft Erkan im Kreis. Seinen Kopf sieht man von Weitem, er überragt mit seinen zwei Metern die anderen. Erkan ist 25, wohnt bei seinen Eltern in Reinickendorf, arbeitet als Maler und Lackierer. Kampfname: Cash Money Erkan. Zusammen mit seinem Kollegen Murat AK hält er den Titel Tag Team Champion, also im Kampf zwei gegen zwei. Verletzungen in sechseinhalb Jahren Wrestling: drei Gehirnerschütterungen, verstauchte Hand, angebrochene Nase.

In einer anderen Ecke liegt Claudia auf einer Matte. Wenn der Trainer ruft, springt sie auf, die Knie gebeugt, die Fäuste kampfbereit Richtung imaginärem Gegner. Weiche Figur, das Gesicht hart, wenn sie die Fäuste ballt. Claudia ist 28 Jahre alt, ausgebildete Friseurin und zweifache Mutter. Sie wrestelt seit sechs Jahren, wenn man zwei Jahre Babypause abzieht. Ihr Kampfname: Brenda Star. Verletzungen: verstauchter Fuß, gezerrtes Kreuz. In einem Monat hat sie ihren ersten Titelkampf. Sie will Ladys Champion werden.

Die Luft steht jetzt feucht und dick in der Halle. „Aufstellen!“ Die Schüler bilden eine Reihe, atmen schwer. „Alles klar bei dir?“, fragt Hussein eine Schülerin. „Bist grün im Gesicht.“ Später sagt er, die Leute seien weicher geworden. Wollen viel, tun wenig. Zu faul, den Lottoschein auszufüllen. „Ich musste früher um alles kämpfen.“

Heute, sagt Hussein, 38, sei er nur noch ein alter Mann. Doch auch er wird bei der großen Jahresabschluss-Show antreten. Noch ein Mal Europäischer Mittelgewichtschampion werden.

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