• Zahl der Rotlichtsünder steigt stark: Ampeln in Berlin werden millionenfach ignoriert

Zahl der Rotlichtsünder steigt stark : Ampeln in Berlin werden millionenfach ignoriert

Es ist lebensgefährlich, aber immer alltäglicher: Fahren bei roter Ampel. Nach Jahren soll nun die Zahl der Blitzer steigen. Auch der Große Stern ist dafür im Gespräch - wobei sich ein Problem abzeichnet.

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Elses Elend. Der Große Stern zählt zu den schlimmsten Unfallschwerpunkten der Stadt. Die Polizei hätte hier gern Rotlichtblitzer – aber der Denkmalschutz spricht dagegen. Foto: Kai-Uwe Heinrich
Elses Elend. Der Große Stern zählt zu den schlimmsten Unfallschwerpunkten der Stadt. Die Polizei hätte hier gern Rotlichtblitzer –...Foto: Kai-Uwe Heinrich

Die Zahl der Rotlichtfahrer ist im vergangenen Jahr drastisch angestiegen. Die Polizei registrierte ein Plus von 13 Prozent auf 52 352. Tatsächlich wird das Delikt wohl millionenfach von Autofahrern begangen, denn nicht einmal ein Prozent der Berliner Ampeln ist mit Blitzern ausgestattet. Doch allein die 17 fest installierten Überwachungsanlagen an Kreuzungen erfassten rund die Hälfte (25 431) der Verstöße; die andere Hälfte beruht auf mobilen Kontrollen. Die Zahl der stationären Anlagen stagniert seit Jahren, zuletzt waren im Jahr 2007 dank eines Sonderprogramms des Landes drei hinzugekommen. Dabei blieb es bis heute. Und für mehr mobile Kontrollen fehlt der Polizei das Personal.

2008 war ein Vorstoß der Grünen nach weiteren Blitzanlagen noch von allen anderen im Abgeordnetenhaus vertretenen Parteien abgelehnt worden – niemand wollte sich dem Autofahrer-Vorwurf der Abzocke aussetzen. Doch die Lage hat sich geändert. Der Vorsitzende des Innenausschusses, Peter Trapp, sagte am Sonntag, dass es vermutlich Geld für neue Anlagen geben werde. Da die Polizei 22 Millionen Euro zusätzliche Investitionsmittel erhalte, „sollte der eine oder andere Euro dafür übrig sein“. Der CDU-Abgeordnete fordert an Unfallschwerpunkten mehr stationäre Blitzer. Vorteil der fest installierten Geräte sei, dass sie kein Personal benötigen und sich rasch selbst finanzieren. Auch der erzieherische Wert sei enorm, sagt der CDU-Mann: „Wer ein paar Mal geblitzt wurde, geht mit dem Tempo runter.“ Vor zwei Jahren hatte sich bereits der SPD-Abgeordnete Frank Zimmermann für mehr Kontrollen angesichts der sinkenden Akzeptanz von Verkehrsregeln ausgesprochen.

Eine neue Anlage hätte die Polizei nach Informationen des Tagesspiegels gern am Großen Stern in Tiergarten. Doch das Projekt kommt seit Monaten nicht voran – es scheitert am Denkmalschutz. Der Kreisverkehr ist regelmäßig auf der Liste der zehn gefährlichsten Kreuzungen zu finden, die die Polizei jährlich veröffentlicht. Mit 225 Unfällen lag der Kreisel 2013 auf dem dritten Platz, Zahlen für 2014 liegen noch nicht vor.

Am Donnerstag wird die Unfallbilanz für 2014 präsentiert - mit schlechten Nachrichten

Der für den Denkmalschutz im Bezirk Mitte zuständige Stadtrat Carsten Spallek (CDU) bestätigte, dass der Große Stern insgesamt ein Gartendenkmal sei und die Siegessäule zudem ein Baudenkmal. Eine Anlage der Polizei bedürfe deshalb einer denkmalrechtlichen Genehmigung, weil sie „auf das Denkmal wirke“. Zum Stand der Dinge konnte Spallek am Sonntag nichts sagen.

Scharf geschaltet wurde mittlerweile die neue Kombi-Säule am Innsbrucker Platz, die im vergangenen Jahr aufgestellt wurde. Auch dieser Standort wurde gewählt, weil dort nach Beobachtungen der Polizei besonders häufig bei Rot gefahren wird. Zudem gehört der unübersichtliche Schöneberger Platz mit seiner Autobahnzufahrt ebenfalls zu den zehn unfallträchtigsten Kreuzungen der Stadt: 2013 krachte es dort 137 Mal. Für einen neuen Standort ist die Zahl der Unfälle entscheidend. So hat die Kreuzung Bundesallee / Hohenzollerndamm / Nachodstraße in Wilmersdorf seit kurzem eine Blitzersäule. Die Ecke war zuletzt berlinweiter Spitzenreiter bei Rotlichtunfällen.

Am Donnerstag werden Polizeipräsident Klaus Kandt, sowie die Staatssekretäre Bernd Krömer (CDU, Inneres) und Christian Gaebler (SPD, Verkehr) die Unfallbilanz 2014 vorstellen. Ein leichter Anstieg der Unfallzahlen ist zu befürchten, da in den ersten elf Monaten schon 121 500 Unfälle gezählt wurden. Im gesamten Jahr 2013 waren es rund 130 000 Unfälle. Wegen Missachtung der roter Ampeln wurden 433 Menschen verletzt.

In den vergangenen Jahren wurden die Berliner Blitzer nur modernisiert. Die aus der Steinzeit der Fototechnik stammenden analogen Rotlichtblitzer werden nach und nach durch moderne digitale Anlagen – teils an anderen Standorten – ersetzt. Das wird auch Zeit, da es nur noch einen Hersteller für die speziellen Schwarz-Weiß-Filme gibt – und der sitzt in China. Die Kombisäulen erfassen zudem auch das Tempo des Autos. „Alle, die bei Gelb durchhuschen wollen, erwischen wir nun auch“, hatte der Chef der Verkehrspolizei bei der Installation der ersten Säule gesagt. Denn viele Fahrer treten bei Gelb aufs Gas statt auf die Bremse – die Quittung kommt nun per Post. In den Messstrahl der 14 Berliner Tempoblitzer gerieten insgesamt 256 123 Autos.

Finanziell spricht alles für die Anschaffung neuer Blitzer

Am Geld kann es kaum liegen, dass es in Berlin nicht mehr Anlagen gibt. 2014 wurden zwei moderne „Poliscan“-Säulen aufgestellt, zwei ältere Anlagen aber abgeschaltet. Die Säule kostete am Mehringdamm Ecke Bergmannstraße 120 000 und am Innsbrucker Platz 130 000 Euro. Diese Kosten spielen die Geräte in kurzer Zeit wieder ein. Spitzenreiter ist die 2013 aufgestellte Säule am Siemensdamm Ecke Nikolaus-Groß-Weg in Charlottenburg-Nord: 51 000 Tempoverstöße und 7000 Rotlichtfahrten hielt das Gerät 2014 fest. Insgesamt kassierte das Land berlinweit fast fünf Millionen Euro aus Geschwindigkeitsübertretungen, hinzu kommt eine bislang unbekannte Summe aus Rotlichtfahrten.

Gegner der stationären Anlagen behaupten, dass sich die Standorte herumsprechen, und sich deshalb schnell nicht mehr „lohnen“. Doch das Argument ist oft falsch. Der mittlerweile bundesweit bekannte „Schwarzlichtblitzer“ im Britzer Autobahntunnel erwischte 2014 fast 107 000 Raser – zehn Prozent mehr als im Vorjahr. Und an der Schildhornstraße sind es jährlich um die 30 000 – der Standort gehört zu den ältesten in der Stadt. Alle 2000 Berliner Ampeln dürfe man aber nicht überwachen, sagte Trapp: Das wäre dann wirklich Abzocke.

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