Zehn Jahre Easyjetter in Berlin : "Pubcrawler sind eine Belustigung"

Ohne Billigflieger säße so manche Kneipe vermutlich auf dem Trockenen. Denn sogenannte Pubcrawler sichern den Umsatz - und das Einkommen von Stadtführern. Hier spricht eine Insiderin über ihre Erfahrungen.

Katharina Fiedler
Flasche leer. Geführte Kneipentouren sind nach wie vor beliebt bei Berlin-Touristen.
Flasche leer. Geführte Kneipentouren sind nach wie vor beliebt bei Berlin-Touristen.Foto: Imago

Sie kennt Berliner Bars in- und auswendig: Simone Stein, 34, veranstaltet Kiezführungen zu Kneipen, das sogenannte Pubcrawling.

Jeden Abend durch die gleichen Berliner Bars zu ziehen: Macht Ihnen das nach zehn Jahren denn immer noch Spaß, Frau Stein?

Ja, es ist die Lust daran, Leute lächeln zu sehen, Leute zusammenzubringen. Wir Tourguides kümmern uns gern um andere Menschen. Wir sorgen uns um Gäste, die Anschluss suchen oder Liebeskummer haben. Ich würde sagen, unser Job ist eine Mischung aus Barkeeper und Kindergarten.

Was hat sich an den Pubcrawlingtouren durch die Easyjetsetter verändert?

Vor 2004 waren die Pubcrawlgäste so um die 40 bis 50 Jahre alt. Die Tour war ein Spaziergang durch den Kiez mit ein paar Bierchen. Dabei haben die Tourguides die Geschichte des Kiezes und der Kneipen erzählt. Mit den Easyjetsettern haben sich die Touren gewandelt. Das Publikum wurde immer jünger, heute sind die meisten um die 20 Jahre alt. Außerdem hat sich das Interesse verlagert: Heute ist Pubcrawling eine Feiertour. Geschichten über den Kiez werden nicht mehr erzählt. Früher hatten wir Gruppen von 20 Leuten. Heute kommen an einem Abend schon mal 60 bis 80 Gäste zusammen.

Kneipenkennerin. Simone Stein veranstaltet Pubcrawling-Touren.
Kneipenkennerin. Simone Stein veranstaltet Pubcrawling-Touren.Foto: promo

Und welche Nationalitäten laufen bei Ihnen mit?

Viele Gäste kommen aus den USA, Australien und Großbritannien. In den Herbst- und Wintermonaten sind viele Südamerikaner hier. Italiener, Spanier und Franzosen begleiten uns eher selten.

Was gefällt den Gästen an Berlin?

Sie mögen das Abgewrackte an Berlin, die Graffiti und das Gefühl von Freiheit, das Berlin ausstrahlt. Wenn ich Amis oder Briten zu Beginn der Tour ein Bier in die Hand drücke, gucken die gleich nach links und rechts, ob die Polizei kommt.

Gab es auch Veränderungen in der Gästestruktur, als Easyjet neue Linien eröffnet hat?

Könnte man so sagen. Als die Linie zwischen Dublin und Berlin eröffnet wurde, hatten wir von einem Tag auf den anderen sehr viele Iren bei unserer Kneipentour dabei. Ohne Easyjet wären die wahrscheinlich ausgeblieben.

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Haben Sie sich schon einmal für Ihre Gäste geschämt?

Neee!

Noch nie?

Nein, ich schäme mich für niemanden. Die Leute wollen Spaß haben und feiern gehen. Das mache ich im Urlaub ja auch.

Schämen sich die Berliner, die am Nachbartisch in den Kneipen sitzen?

Am Anfang gab es natürlich auch schiefe Blicke, mittlerweile aber nicht mehr. Heute sind die Pubcrawltouristen eine Belustigung für die Gäste.

Kommen auch Berliner bei Ihnen mit?

Ja, ganz viele. Aber ich kann das gar nicht verstehen. Manche sagen, dass sie ihre Stadt gern mal aus touristischer Perspektive kennenlernen wollen. Aber die Berliner sind ganz oft enttäuscht. Vor allem, weil wir nicht so viel Schnaps verteilen. Für die Touristen ist das reichlich.

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