Zerstörungswut wegen Stolpersteinen : Angriff auf die Erinnerung

In Friedenau stürzten unbekannte Täter eine Infotafel für die in Berlin verbreiteten Stolpersteine zur Erinnerung an Nazi-Opfer um. Als Täter kommen Rechtsextremisten oder Vandalen infrage.

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Gedenken im Pflaster. Die Stolpersteine erinnern an jüdische Nachbarn.
Gedenken im Pflaster. Die Stolpersteine erinnern an jüdische Nachbarn.Foto: M. Thomas

Zerkratzt, mit Farbe übergossen, mit Silikonpaste bestrichen – immer wieder werden die Inschriften von Stolpersteinen in Berlin und Brandenburg oder Infotafeln über die Bedeutung einzelner Stolpersteinprojekte vermutlich von Rechtsextremen beschädigt. Der jüngste Fall ereignete sich in der Nacht zum Mittwoch in der Stierstraße in Friedenau: Dort wurde eine Informationstafel der örtlichen Initiativgruppe Stolpersteine umgestürzt. Die Tafel erinnert an jüdische Bewohner der Stierstraße, die während der Nazizeit deportiert wurden. Vor deren Häusern sind insgesamt 54 Stolpersteine verlegt.

In Cottbus waren Stolpersteine vor zwei Monaten das Ziel von Vandalen: Fünf wurden gestohlen, einer war mit Teer übergossen und mit einem Hakenkreuz beschmiert. Blickt man weiter zurück, so ereigneten sich alle paar Monate ähnliche Fälle – im Oktober 2010 beispielsweise in der Gleditschstraße in Schöneberg, 2008 gleich in mehreren Straßen in Wilmersdorf.

In der Stierstraße deklarierte die Polizei diese Woche die Tat als Sachbeschädigung und leitete die Anzeige wegen des Verdachts eines politischen Hintergrundes an den Staatsschutz weiter. Dieser ist für Taten zuständig, bei denen eine politische Motivation angenommen werden kann. Laut Polizei wurde der Fall aber wieder zurück an den örtlichen Abschnitt gegeben. Es habe keine eindeutigen Hinweise gegeben, „dass hier eine politische Motivation der Hintergrund der Tat ist“, heißt es. Als solche würden beispielsweise aufgeschmierte rechtsextreme Parolen oder ein Hakenkreuz gelten, wie sie im September in Cottbus entdeckt wurden.

Die Initiativgruppe Stolpersteine Stierstraße ist dagegen überzeugt, „dass es sich hier um eine rechtsextreme Tat handelt.“ Schließlich seien direkt danebenstehende Infokästen der Kirche und eines Seniorenclubs nicht geschädigt worden. Dass die Stolpersteine ein Ziel von Neonazis sind, belegten am Donnerstag die Aussagen eines 25-jährigen Rechtsextremen, der wegen etlicher Taten derzeit in Zossen vor Gericht steht. Er gab zu, dass er im Raum Königs Wusterhausen etliche Steine mit Hakenkreuzen beschmiert hat.

Die Stolpersteine sind ein Projekt des Kölner Bildhauers Gunter Demnig. Unterstützt von örtlichen Initiativen wurden seit 2000 europaweit rund 32 000 Steine verlegt, in Berlin sind es bislang etwa 2000 Steine. Bundesweit seien in den vergangenen zehn Jahren rund 700 Steine beschädigt worden, sagt Demnig. Er wolle das aber „gar nicht zu sehr an die große Glocke hängen – aus Furcht vor Nachahmern.“ Christoph Stollowsky

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