Berlin : Zorro von Rixdorf

Auch das noch: Comedian Murat Topal hat ein Buch über Neukölln geschrieben Darin räumt er mit beliebten, teils nie gehörten Klischees über den Bezirk auf

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Neuköllnisch by nature. Murat Topal, geboren und wohnhaft im gleichnamigen Bezirk, hat beim Schreiben seines Buchs allerlei Neues über die Heimat gelernt. Foto: Thilo Rückeis
Neuköllnisch by nature. Murat Topal, geboren und wohnhaft im gleichnamigen Bezirk, hat beim Schreiben seines Buchs allerlei Neues...

Der Ort: Heimathafen Neukölln im Saalbau in der Karl-Marx-Straße, das Getränk: Rixdorfer Fassbrause, die Kleidung: T-Shirt mit Aufdruck „Neukölln 44“. Ist ja voll krass „Corporate Identity“, was Murat Topal zur Vorstellung seines neuen Buchs veranstaltet. Im Gegensatz zu seinem letzten Buch „Der Bülle von Kreuzberg“ hat der deutschtürkische Comedian, der früher mal Streifenpolizist auf den rauen Straßen von Kreuzberg und Neukölln war, diesmal nicht nur Witze, sondern auch Wahrheiten aufgeschrieben. Das in kreischendem Neonpink nicht eben subtil eingekleidete Werk heißt: „Neukölln – Endlich die Wahrheit von A–Z“. Die Signalfarbe solle ein Eyecatcher sein, der zum schrillen Neukölln-Image passt, erläutert der 1975 hier als Sohn einer Berlinerin und eines Türken geborene und in der Sanderstraße aufgewachsene Komiker. Drinnen sind dafür alle Fotos in beruhigendem Schwarz-Weiß.

In 64 Kapiteln von „Architektur: Alles hässlich in Neukölln“ bis „48 Stunden Neukölln: In Neukölln gibt es keine kulturellen Veranstaltungen“ arbeitet sich Topal an beliebten Vorurteilen und Irrtümern aus Deutschlands angesagtestem Problembezirk ab. Einige davon sind allerdings selbst Einheimischen komplett neu. Oder haben Sie schon mal gehört, dass in Neuköllns Bädern angeblich Männer und Frauen getrennt schwimmen oder die Amis zu Spionagezwecken den Britzer Tunnel gegraben haben? Eben.

Murat Topals Verleger, Ulrich Hopp vom be.bra-Verlag, hat trotzdem volles Vertrauen zu seinem aus Funk und Fernsehen bekannten Starschreiber, der Neukölln als Stoff sowieso in jedem seiner Bühnenprogramme beackert. „Als ehemaliger Stuntman verfügt er über das entsprechende Standing als Autor“, flachst Hopp. Das war der muskulöse Glatzkopf Topal nämlich vor seiner Karriere als Comedian auch mal. Ob die vom Dauerfeuer der Neukölln-Berichterstattung als Brennpunktkiez und Hipsterzone gebeutelte Menschheit nun ausgerechnet auf sein Neukölln-Buch gewartet hat, weiß er nicht zu sagen. „Aber den Bezirk in positivem Licht zu zeigen war mir ein persönliches Anliegen.“ Auch als Antwort auf die ausländerfeindlichen Tiraden von Thilo Sarrazin, so irgendwie jedenfalls.

Als Kämpfer für die Wahrheit über Neukölln stellt er sich im Vorwort in die Tradition von Zorro, dem Rächer der Entrechteten. Zweifellos ein Amt, das die Bezirkslobbyisten Bürgermeister Buschkowsky und Komiker-Kollege Krömer nicht auch noch übernehmen können.

In einer vom Verlag recherchemäßig unterstützten, aber sicher trotzdem mühevollen Kleinarbeit hat Topal einen bunten Strauß von mal mehr, mal weniger überraschenden Fakten über Architektur, Kultur, Statistik und Geschichte von Rixdorf bis Britz zusammengetragen. Im Kapitel über Berühmtheiten, die diese Gegend angeblich nicht hervorbringe, steht, dass Inge Meysel gebürtige Neuköllnerin war. Huch! Und in den Kapiteln über Ausländer und Religion weist der Spaßmacher ganz ernsthaft nach, dass das Bild vom „überfremdeten“ Bezirk nicht stimmt. Neukölln rangiere hinter Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg nur auf Platz drei der Ausländer-Charts, schreibt er. Auch könne es bei geschätzten 75 000 Muslimen im 300 000 Einwohner starken Bezirk wohl kaum stimmen, dass die meisten Neuköllner angeblich Muslime seien. Das kann man sich gut mal für den nächsten Stammtischstreit merken.

Durchgehend rosig ist Topals Neukölln-Bild nicht. Obwohl er die Polizeiuniform 2007 endgültig an den Nagel gehängt hat, engagiert er sich weiter gegen Gewalt an den Schulen. Er selber ist mit der Familie längst den Eltern hinterhergezogen, als Häuslebauer ins beschauliche Britz. „Geflohen bin ich aber nicht“, beteuert er. Sonst ginge ja auch die ganze Zorro-Nummer nicht. Gunda Bartels

Murat Topal: „Neukölln – Endlich die Wahrheit von A–Z“, be.bra-Verlag Berlin 240 Seiten, 14,95 Euro

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