• Zuflucht in Berlin: Die Ewige Flamme auf dem Theodor-Heuss-Platz mahnt seit 60 Jahren gegen Vertreibung

Zuflucht in Berlin : Die Ewige Flamme auf dem Theodor-Heuss-Platz mahnt seit 60 Jahren gegen Vertreibung

Das Mahnmal war eine Initiative der deutschen Vertriebenenverbände, ist aber aktuell wie lange nicht mehr

von
Insellage. Seit 1955 brennt die Ewige Flamme auf dem Theodor-Heuss-Platz, der damals noch Reichskanzlerplatz hieß. Der Blaue Obelisk von Hella Santarossa steht seit 1995 dort.
Insellage. Seit 1955 brennt die Ewige Flamme auf dem Theodor-Heuss-Platz, der damals noch Reichskanzlerplatz hieß. Der Blaue...Foto: Kai-Uwe Heinrich

Nachts ist solch eine Ewige Flamme sicher eindrucksvoller als bei Sonnenschein, selbst in verkehrsumtoster Insellage. Aber es ist nun mal ihr Wesen, zu allen Tageszeiten zu flackern und zu mahnen. 60 Jahre erfüllt das Gaslicht auf dem Charlottenburger Theodor-Heuss-Platz schon diese Aufgabe, ist nicht ganz so berühmt wie das unter dem Arc de Triomphe in Paris, aber ebenso beharrlich.
In bronzenen Lettern werden „Freiheit – Recht – Friede“ auf der östlichen Seite des Quadersockels unter der Flammenschale angemahnt, und aus Bronze ist auch die Schrifttafel auf der entgegengesetzten Seite: „Diese Flamme mahnt: Nie wieder Vertreibung!“ Das klingt, so lange Jahre die Flamme auch schon leuchtet, hochaktuell, sind doch Europa, Deutschland, Berlin gerade wieder Ziel hunderttausender Menschen, die von Krieg, Flucht, Vertreibung betroffen sind – wie zu den dunklen Zeiten, an die die Ewige Flamme erinnert.
Entzündet wurde sie im September 1955 von Bundespräsident Theodor Heuss. Das Mahnmal ging auf eine Initiative der Landsmannschaften der deutschen Heimatvertriebenen zurück, die Flamme sollte erst am Tag der Wiedervereinigung erlöschen – aber wer weiß das heute schon noch. Der Gedenkquader, das darf man wohl behaupten, steht nicht im Mittelpunkt des kollektiven Bewusstseins der Stadt, darauf deutet schon die gewisse, sicher nur rein pekuniären Zwängen geschuldete Vernachlässigung. Eine Kunststeinplatte, Verkleidung des Fundaments, ist geborsten und zur Hälfte verschwunden, dafür sprießt es aus den Ritzen des den Sockel umgebenden Pflasters um so grüner.

Die Bronzetafel wurde 1992 erneuert. "Diese Flamme mahnt: Nie wieder Vertreibung!" heißt es dort.
Die Bronzetafel wurde 1992 erneuert. "Diese Flamme mahnt: Nie wieder Vertreibung!" heißt es dort.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Eine kleine, nicht repräsentative, doch vielsagende Umfrage also unter den Menschen auf den nahen Bänken. Fehlanzeige gleich bei Nr. 1: Nein, die junge Frau, eher noch ein Mädchen, weiß wirklich nicht, was diese Flamme da bedeuten soll. Auch die zweite, die in der Nähe arbeitet, weiß von nichts, hat auf die bronzenen Worte nie geachtet, kommt immer nur zur Pause her. Der mit drei Bierflaschen bewaffnete Mann auf der nächsten Bank scheint was zu wissen, vermag dies jedoch nicht mehr zu formulieren, aber Nr. 4 ist fast ein Treffer: Eine Art „Freiheitssymbol“, tippt die junge Frau und liegt damit fast richtig, ebenso wie ein Junge aus einer Schülergruppe, die sich bei dem blauen Obelisken auf der anderen Platzseite, 1995 von der Künstlerin Hella Santarossa aufgestellt, herumlümmelt: „Ein Holocaust-Mahnmal.“
Nur ein mittelalter Herr, der kurz vor dem Quader verweilt und in sein Rosinenbrötchen beißt, weiß es genau. Für ihn sei das seit jeher das Vertriebenendenkmal. Er habe ja auch einen persönlichen Bezug dazu, sei doch sein Vater 1945 aus Ostpreußen vertrieben worden.
Das Mahnmal, anfangs ein Provisorium, hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Die Bronzetafel hatte ursprünglich einen anderen Text, eindeutig bezogen auf die deutschen Heimatvertriebenen und die Teilung. Sie wurde Anfang Oktober 1990 gestohlen, kurz nachdem wie geplant die Flamme am 3. Oktober, Tag der Wiedervereinigung, erloschen war. Der Landesverband der Vertriebenen übergab damals das Mahnmal der Stadt, und es war geplant, die Flamme am 10. Dezember 1990 erneut zu entzünden, nunmehr als Mahnung zur Verwirklichung der Menschenrechte, für das Recht auf Heimat und gegen Vertreibung. So geschah es auch, nur auf eine neue Texttafel konnte man sich zwischen Bezirk und Senat anfangs nicht einigen. Erst 1992 wurde die heutige Tafel angebracht.
Doch auch dies gehört zur Geschichte des Mahnmals auf dem Theodor-Heuss-Platz in Westend. 1982 hatte die Polizei dort einen österreichischen Stadtstreicher festgenommen: Er hatte sich zweimal auf der Ewigen Flamme sein Essen gekocht.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben