Zukunftsort Schöneweide : Neue Energie für alte Gebäude

Schöneweide hat seinen industriellen Glanz verloren. Was ihm bleibt, ist die Spree - eine gute Voraussetzung, um das Vorhaben des Regionalmanagements voranzubringen: Durch Neuansiedlungen soll ein Zukunftsort entstehen. Aber erstmal braucht der Bezirk ein besseres Image.

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Das historische Industriegebäude von Oberschöneweide, gesehen von der südlichen Spreeseite.
Das historische Industriegebäude von Oberschöneweide, gesehen von der südlichen Spreeseite.Thilo Rückeis

In der Wilhelminenhofstraße ist Berliner Wirtschaftsgeschichte hautnah zu erleben. Nachdem Emil Rathenau 1897 Oberschöneweide zum Hauptstandort seiner Allgemeinen Elektricitäts-Gesellschaft (AEG) gemacht hatte, entwickelte sich Schöneweide binnen weniger Jahre zu einem führenden Industrieareal. Das Kabelwerk Oberspree, die Akkumulatorenwerke Oberschöneweide, die Nationale Automobilgesellschaft – die Liste der Industriebetriebe, die Schöneweide im 20. Jahrhundert prägten, ist lang und beeindruckend.

Viele der historischen Backsteingebäude stehen noch, doch der industrielle Glanz ist längst dahin. Jetzt aber soll Schöneweide wieder zum starken Wirtschaftsstandort werden. „Wir halten das ehemalige AEG-Areal für den Kristallisationskern des Stadtteils“, sagt Thomas Niemeyer, Leiter des Regionalmanagements Berlin-Schöneweide. Das Regionalmanagement, das seine Arbeit im Herbst 2011 aufnahm und sich mit Mitteln der EU, des Landes und privater Unternehmen finanziert, versteht sich laut Niemeyer als „Wirtschaftsförderungs-Taskforce“: Ziel ist es, neue Unternehmen für den Standort an der Spree zu gewinnen.

Platz dafür ist reichlich vorhanden: Etwa 200 000 Quadratmeter Nutzfläche stehen in den zu einem großen Teil denkmalgeschützten Industriegebäuden zur Verfügung. Weitere 20 000 Quadratmeter könnten in Neubauten Platz finden. Doch welche Nutzer sollen sich angesprochen fühlen? „Wir setzen auf dem auf, was schon da ist“, antwortet Niemeyer. Neben großen Firmen wie dem Batteriehersteller BAE und dem Sensorspezialisten First Sensor ist das in erster Linie die Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW), die seit 2006 am ehemaligen Standort des Kabelwerks Oberspree sitzt. Deshalb will Niemeyer insbesondere die „wissensbasierte Industrie“ ansprechen. Unternehmen der Optikbranche und der Elektromobilität zählt er dazu, aber auch Firmen, die technisches Kulturgut restaurieren, und die Games-Industrie – schließlich gibt es an der HTW mit dem Gameslab ein Zentrum für digitale Spiele.

Solche Synergien zwischen Hochschule und Wirtschaft will auch der nur etwa vier Kilometer entfernte Standort Adlershof schaffen – und tatsächlich gibt es hier einen Zusammenhang: Mit der Durchführung des Regionalmanagements Schöneweide ist die Wista-Management GmbH betraut, die Adlershof zu einem erfolgreichen Technologiepark gemacht hat. Auch in Schöneweide sei die Nachfrage groß, sagt Niemeyer. Nach seinen Angaben sind Anfragen für insgesamt 40 000 Quadratmeter Fläche eingegangen. Am Standort umgesehen hat sich beispielsweise TechShop, eine US-amerikanische Firma, die Gründern und Erfindern Zugang zu professionell ausgestatteten Werkstätten ermöglicht, damit die Unternehmer dort an ihren Produkten und Ideen tüfteln können. Eine Entscheidung, ob das Unternehmen nach Schöneweide kommt, ist noch nicht gefallen.

Um die Attraktivität des Stadtteils, der nach der Wiedervereinigung in eine schwere Krise geriet, zu steigern, will das Regionalmanagement die ansässigen Immobilieneigentümer unterstützen. „Es geht darum, Vertrauen zu schaffen zwischen Investoren, Bezirksamt und Senatsverwaltung,“ erläutert Niemeyer. Die Eigentümerstruktur bezeichnet er als „sehr heterogen“: Alteingesessene Industriebetriebe gehören ebenso dazu wie ein Berliner Rechtsanwalt, dessen Plan, mit den Schauhallen ein Kunstzentrum zu errichten, seit Jahren der Realisierung harrt. Hinzu kommen „mittelständische ausländische Finanzinvestoren“, wie Niemeyer sagt – also solche, die nicht in die Kategorie der viel zitierten Heuschrecken fallen.

Dabei gibt es unterschiedliche Interessen. Ein Beispiel: Manche Investoren liebäugeln mit dem Gedanken, die Spreelage zum Bau von Wohnungen zu nutzen. Der Senat hingegen hat das Gebiet zwischen Wilhelminenhofstraße und Spree zur Industriereservefläche erklärt. „Unsere Aufgabe“, erklärt deshalb Niemeyer, „ist es, über die heterogene Nutzungs- und Eigentümerstruktur eine gesamtkonzeptionelle Klammer zu legen.“

Dazu gehört auch die Verbesserung der Infrastruktur. Sinnvoll wäre nach Ansicht Niemeyers insbesondere der Bau der Wilhelminenhofbrücke, die eine Verbindung zwischen der Wilhelminenhofstraße und Adlershof schaffen würde. Ideen gibt es außerdem für einen durchgehenden Uferweg und für eine Öffnung der abweisend wirkenden Backsteinfront entlang der Wilhelminenhofstraße. Mit Fragen der Infrastruktur beschäftigt sich das Regionalmanagement noch an einem zweiten Standort: dem ehemaligen DDR-Funkhaus in der Nalepastraße. Dort, sagt Regionalmanager Niemeyer, sei die Verbesserung der Anbindung an den öffentlichen Verkehr die wichtigste Aufgabe.

Und wie sieht es mit dem Image von Schöneweide aus, das nicht das beste ist? „Es ist eine Aufgabe von uns, das Image zu verbessern und eine Marke zu schaffen“, antwortet Dirk Maier, der beim Regionalmanagement für Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. Orientieren soll sich diese Marke an der unter dem Stichwort Elektropolis aufgegriffenen Geschichte des Standorts.

„Das Image ist sekundär“, sagt hingegen Leo Penta. Der Direktor des Deutschen Instituts für Community Organizing der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin ist ein Experte für Schöneweide, weil er im Jahr 2000 die Bürgerplattform Schöneweide (heute Bürgerplattform Berlin-Südost) gründete. Sie trieb die Ansiedlung der HTW voran und gehört zu den Kofinanzierern des Regionalmanagements. Für Penta ist es „ein geeignetes Instrument, um die wirtschaftliche Entwicklung von Schöneweide professionell voranzutreiben“. Ziel müsse es dabei sein, „die Hauptplayer zu einvernehmlichen Lösungen zu bewegen“ und Arbeitsplätze auf dem ersten Arbeitsmarkt zu schaffen. Und dafür, sagt Penta, „ist dieses Jahr entscheidend“.

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