Zukunftsticket Berlin : Diskussion um digitales Nahverkehrs-Ticket

Eine Studie sucht nach dem Zukunftsticket für den Nahverkehr in Berlin. Noch überwiegt dabei die Skepsis.

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Nervt viele Menschen: Tickets für den Nahverkehr am Automaten kaufen, drucken, entwerten.
Nervt viele Menschen: Tickets für den Nahverkehr am Automaten kaufen, drucken, entwerten.Foto: picture alliance / dpa

Die Treppen hinuntergehastet, in drei Minuten kommt die U-Bahn. Schnell ein Ticket kaufen. Leider wird das nichts, denn am Fahrkartenautomat kämpft sich eine Gruppe Touristen durch die Bedienoberfläche des Automaten. Während in anderen Großstädten wie London mit Chipkarte immer automatisch der richtige Preis bezahlt wird, ist das Ticketsystem bei Einzelfahrscheinen im Berliner Nahverkehr ein überholungsbedürftiges Papiermonster.

Wie das besser gehen könnte, will das Projekt „Zukunftsticket Berlin“ herausfinden, ein Forschungsverbund aus TU Berlin, Wissenschaft im Dialog und dem Nexus Institut in Partnerschaft mit dem Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB).

Dazu haben die Forscher erhoben, welche Ticketsysteme es in anderen Großstädten gibt und welche davon gut auf Berlin übertragbar wären. Sogenannte Check-In/Be-Out-Verfahren wurden als sinnvollste identifiziert. Ähnliche Überlegungen hatte es vor Jahren auch bei der BVG mit dem elektronischen Ticket gegeben, sie wurden dann aber verworfen.

Heute checkt man bei solchen Systemen bei Fahrtbeginn per Smartphone oder digitaler Zugangskarte ein, das System erkennt aber automatisch, wenn man die Fahrt beendet hat und bucht entsprechend den korrekten Preis ab. Beispiel: Jemand läuft mit dem Handy in die U-Bahn, drückt auf seinem Display auf „Fahrtbeginn“, und wenn das System merkt, dass mehr als drei Stationen zurückgelegt sind, bucht es eine Einzelfahrt ab, bei weniger Stationen eine Kurzstrecke. Andere Systeme erlauben auch, das Handy an ein Lesegerät zu halten.

Viele haben Angst vor komplizierter Bedienung

Robin Kellermann, Leiter des Forschungsprojekts, geht es darum, dass die Digitalisierung vor dem Nahverkehr keinen Halt macht. Dabei sei es wichtig, die Benutzerfreundlichkeit zu erhöhen – bei gleichzeitiger Abwägung von Datenschutzbedenken.

Im nächsten Schritt wurden daher rund 1200 Fahrgäste gefragt, was sie von solchen Ticketsystemen halten.

Die absolute Mehrheit der Befragten hielt ein solches Ticketsystem sowohl für komfortabel als auch für nützlich und zeitsparend. Vor allem, dass man dann „nicht mehr über den Ticketkauf nachdenken muss“ und sein „Ticket nicht mehr verlieren kann“, fand Zuspruch. Gerade den Touristen unter den Befragten war das wichtig.

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Gleichzeitig hielten viele Befragte aber eine solche Technik für „nicht vertrauensvoll genug“. Die Skepsis bezog sich vor allem auf den Datenschutz: Über 64 Prozent äußerten hier Bedenken. Daneben beschäftigt die Fahrgäste vor allem die Gefahr, bei Handytickets mit leerem Akku oder ohne Handy vor dem Kontrolleur zu stehen, mit komplizierter Bedienung konfrontiert zu werden oder einem Systemausfall zum Opfer zu fallen.

Interessant dabei auch, dass die befragten Touristen schon wesentlich mehr Erfahrungen mit Handytickets hatten als die Berliner. Vor allem ältere Befragte hingegen hatten Angst vor komplizierter Bedienung. Viele Ältere gaben an, dass sie solche neuen Systeme nicht nutzen würden. Da Berlin in den nächsten Jahren immer mehr ältere Bewohner haben wird, ist das ein ernst zu nehmendes Problem.

Die BVG will das Handyticket weiterentwickeln

Schon jetzt kann man mit der VBB-App „Bus&Bahn“ oder der BVG-App „FahrInfo Plus“ per Smartphone Tickets kaufen, allerdings keine Wochen-, Monatskarten und sonstigen langfristigen Abos. Auch ein automatischer Checkout ist nicht möglich. Laut der Sprecherin der BVG wurde die App bereits 2,3 Millionen Mal heruntergeladen, Tickets im Wert von 3000 Euro bis 5000 Euro verkauft die BVG inzwischen täglich über die App.

Die BVG sieht das als Erfolg und will das Handyticket weiterentwickeln: „Wir haben angefangen und haben nicht vor, damit wieder aufzuhören“, so die Sprecherin. Denkbar sei auch die Integration weiterer Mobilitätsdienstleistungen, beispielsweise Fahrradverleih, in die App. Schon jetzt können damit Carsharing-Autos von Car2Go und DriveNow gebucht werden.

Die Bahn stellt derweil ihr Handyticketsystem Touch & Go zum 30. November ein. Der Grund: Die Kunden nutzten das System vor allem im Nahverkehr, wo es nun immer mehr lokale Apps wie die der BVG gibt, so eine Sprecherin der Deutschen Bahn. Stattdessen können Berliner ÖPNV-Tickets nun über die App „DB Navigator“ kaufen.

Allein im September hat die Bahn rund 850.000 Handy-Tickets verkauft, eine Steigerung um über 30 Prozent zum Vorjahresmonat, so die Bahn-Sprecherin.

Den Forschern von Zukunftsticket Berlin geht es vor allem darum, die Zugangshürden weiter zu senken. Digitale Tickets könnten da eine entscheidende Rolle spielen, wenn sie mit gutem Datenschutz umgesetzt werden. Die Warterei an Automaten wäre dann vorbei.

Sie haben ebenfalls eine Meinung, was in Zukunft das beste ÖPNV-Ticket für Berlin wäre? Dann können Sie unter www.zukunftsticket.berlin Vorschläge und Kritik beisteuern.

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