Zum Schulbeginn : "Manche Bundesländer orientieren sich an uns"

Bildungssenatorin Sandra Scheeres verteidigt verschiedene Berliner Sonderwege in der Schulpolitik. Sie will an der frühen Einschulung mit fünfeinhalb Jahren festhalten und an dem Abitur nach zwölf Jahren an Gymnasien.

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Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) hält Berlins Schulen gut gerüstet für den Schulanfang.
Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) hält Berlins Schulen gut gerüstet für den Schulanfang.Foto: Georg Moritz

Heute beginnt das neue Schuljahr. Der Regierende Bürgermeister hat mal gesagt, dass er seine Kinder, nicht in einem sozialen Brennpunkt wie Kreuzberg zur Schule schicken würde. Und Sie?

Brennpunktschulen werden stark mit Förderstunden unterstützt und machen gute Arbeit. Durch zusätzliche Stunden für Integration und Sprachförderung haben sie eine weitaus bessere Ausstattung als andere Schulen. Wenn ich in Kreuzberg  und nicht in Pankow leben würde, würde ich meine Kinder auch in Kreuzberg zur Schule schicken, denn ich finde, dass der Bezug zum Kiez, in dem man lebt, wichtig ist.

 Die Schulen in den Brennpunkten haben es schwer. Vor allem dann, wenn viele Kinder schlecht Deutsch sprechen. Dennoch wurden diesen Schulen zum neuen Schuljahr fast 50 Lehrerstellen weggenommen. Warum?

Insgesamt habe ich die Grundschulen gestärkt. Auch ist die Sprach- und Integrationsförderung unabhängig von den Teilungsstunden. Schulen mit hoher Migrantenquote haben sehr viele Förderstunden zur Verfügung. Das ist auch wichtig und muss so bleiben. Richtig ist aber, dass Grundschulen –unabhängig von ihrem Standort –, die kleine Klassen einrichten, weniger Teilungsstunden erhalten. Denn diese Teilungsstunden sind ja gerade dafür da, mit weniger Schülern Unterrichtsinhalte durchzugehen. Wenn die Klassen allerdings schon klein sind, ist es durchaus gerechtfertigt, hier auszugleichen. Übrigens stehen die Klassen auch nach dem Ausgleich immer noch besser da, als unsere Klassen mit der Standardgröße von 24 Schülerinnen und Schülern.

 Die Schulen sind trotzdem empört. Sie sagen, dass sie jede Stunde brauchen, um ihre zum Teil sehr schwierigen Kinder erfolgreich unterstützen zu können – zum Beispiel die erst Fünfjährigen, die besonders viel Unterstützung brauchen.

Die Kinder sind nicht fünf, sondern mindestens fünfeinhalb Jahre zum Zeitpunkt der Einschulung. Sie sind durchaus in der Lage, sich in der Schule gut zurechtzufinden. Die Kinder werden in der Bildungseinrichtung Kita gut vorbereitet und im letzten Kitajahr vor der Schule an den Schulalltag herangeführt. Für diejenigen, die noch nicht so weit sind, gibt es seit zwei Jahren wieder die Möglichkeit, von der Schulpflicht zurückgestellt zu werden. Die Eltern haben also die Wahl und dieses Wahlrecht ist mir wichtig.

 Muss es Ihnen nicht zu denken geben, dass es kein anderes Bundesland gibt, das die Kinder so früh einschult wie Berlin?

Müssen wir alles so machen wie andere Bundesländer? In anderen Bundesländern zahlen Eltern hohe Beiträge für die Kita. Die Bertelsmann Stiftung hat Berlin gerade bescheinigt, wie weit wir im Bundesvergleich mit dem Ausbau unserer Ganztagsangebote für Kinder und Jugendliche sind. Wir haben eine flexible Lösung durch die Rückstellungen. Es gibt Bundesländer, die sich an uns orientieren oder unsere Möglichkeiten gerne hätten.

 Manche Eltern sind aber unbelehrbar und bestehen auch dann auf der Einschulung, wenn ihr Kind offenkundig nicht reif genug ist. Ausbaden müsse das die Lehrer und die Kinder.

Ich stehe auf Seiten der Eltern, die in den meisten Fällen sehr gut einschätzen können, ob ihr Kind schon reif für die Schule ist. Ich halte das für Einzelfälle, in denen Eltern gegen das Wohl ihres Kindes zur Einschulung drängen. Im Übrigen sollten Kitas und Schulen enger zusammenarbeiten, um den Übergang für die sehr jungen Schüler zu erleichtern. Aber da läuft ja schon vieles.

 Berlin hat die Früheinschulung nie wissenschaftlich auswerten lassen. War das nicht ein Versäumnis?

Auf meiner Schultour zum Beispiel wurde das Thema „Früheinschulung“ von den Schulleitern, Lehrern und Eltern kein einziges Mal angesprochen. Da standen andere Themen im Vordergrund. Ich gehe davon aus, dass die Schulen damit gut zurechtkommen. Wenn dies nicht so sein sollte, wäre ich daran interessiert, dies auch vor Ort zu erfahren.

 Noch zu einer anderen Reformbaustelle: Mit Bayern hat jetzt ein weiteres Bundesland beschlossen, an den Gymnasien das Abitur alternativ nach 13 Jahren anzubieten. Ist das auch für Berlin eine Option?

Dafür gibt es überhaupt keinen Grund. Berlin hat eine sehr gute Regelung, indem Schüler das Abitur an Sekundarschulen in 13 und an Gymnasien in 12 Jahren ablegen können. Wer mehr Zeit braucht, bekommt sie auf der Sekundarschule. 

Die Junglehrer warten noch immer auf Vorschläge, wie man die finanzielle Kluft zwischen verbeamteten und angestellten Kollegen überbrücken könnte. Wie weit sind die Überlegungen?

Beim Einstieg verdienen Angestellte Lehrer mit 4300 Brutto mehr als junge Beamte, diese Steigerung haben wir in der letzten Legislaturperiode beschlossen. Ich bin sehr froh, dass trotz vieler Ankündigungen abzuwandern, die Lehrkräfte in Berlin geblieben sind. Auch haben die zahlreichen gut qualifizierten Bewerbungen gezeigt, dass Berlin attraktiv ist. Für unsere Schulen brauchen wir die besten Lehrer und ich möchte jede Fachkraft halten. Deshalb bin ich mit den unterschiedlichen Akteuren im Gespräch, wie wir die Attraktivität des Berufs weiter steigern können. Dabei bekomme ich übrigens auch sehr unterschiedliche Interessen zurückgespiegelt. Wir werden deshalb auch zu diesem Themenkomplex ein Gesamtkonzept entwickeln. Allerdings muss man sehen, dass es auch in anderen Berufen oder Unternehmen Gehaltsunterschiede gibt.

 

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