Berlin : Zwei alte Bekannte

In Neukölln kämpfen Eberhard Diepgen und Ditmar Staffelt um das Bundestagsmandat

Ulrich Zawatka-Gerlach

Die Karl-Marx-Straße in Neukölln ist kein ruhiges Pflaster. Erst recht nicht am Sonnabend, wenn alle einkaufen gehen. Trotzdem hört man den dröhnenden Bass des Ditmar Staffelt schon am U-Bahnhof. Hundert Meter weiter steht der Info-Stand und davor ein gestikulierender SPD-Kandidat, der einem Ehepaar den Rentenbescheid erklärt.

„Nee“, ruft er. „Das ist brutto, aber auch netto. Bei der Rente zahlen Sie keine Steuern, nun regen Sie sich bloß nicht unnötig auf!“ Der Ton passt in die Gegend, Staffelt ist hier aufgewachsen, und das mürrische Paar zieht weiter. Ein älterer Herr beschwert sich über den Senat, aber der SPD-Mann wehrt ab. Aus den „Berliner Geschichten“ halte er sich raus, und dann freut sich Staffelt, als ihm eine Dame im besten Alter verrät, dass sie ihn netter findet als den Klaus Uwe Benneter. Sie wisse aber noch nicht, ob sie SPD oder Union wählen solle.

Eine Qual, diese Wahl. Denn der Neuköllner CDU-Kandidat ist irgendwie auch ein sozialer Demokrat. „Liberal-konservativ – mit einem starken sozialen Impetus“, sagt Eberhard Diepgen von sich selbst. Er steht am liebsten vor den Gropius-Passagen am Wahlkampfstand, denn das ist ein Heimspiel. Bei der Abgeordnetenhauswahl 1999, als Diepgen noch Regierender Bürgermeister war, sammelte er in diesem Wahlbezirk 64,9 Prozent der Stimmen ein. Lange hat er dort gelebt und für einen Sitz im Landesparlament stets erfolgreich um Stimmen geworben. Aber jetzt, da es um ein Bundestagsmandat geht, zieht es auch Diepgen in den Multikulti-Kiez rund um die Karl-Marx-Straße.

Zwei gegensätzliche Temperamente prallen dort, im Herzen Neuköllns, aufeinander. Der Betablocker Diepgen gegen das Aufputschmittel Staffelt, der den Wahlkreis 2002 gewann. Diepgen, immer Herr seiner selbst, die Hände in den Taschen vergraben. Mit dem Habitus eines Uno-Generalsekretärs spricht er mit dem türkischen Gemüsehändler über „eine Fülle von Problemen“ bei den Gewerbemieten, die man „im Gesamtzusammenhang sehen“ müsse. Gern schaut er bei seinen Tingeltouren im Wahlkreis in die Hinterhöfe. „Ich will nur mal gucken, ob die eine Schließanlage haben und ob die Bausubstanz in Ordnung ist.“

Kürzlich trafen sich beide Kandidaten zufällig an der Weichselstraße. Diepgen wünschte verschmitzt „guten Erfolg“, und Staffelt warf ein fröhliches „Ach, hallo“ zurück. Beide Herren kennen sich gut aus gemeinsamer Arbeit für Berlin. Diepgen saß seit 1971, Staffelt seit 1979 im Abgeordnetenhaus. Beide waren Fraktions- und Landeschefs ihrer Parteien. Beide zogen sich im Zorn aus der Landespolitik zurück. Staffelt 1994 nach dem missglückten Versuch, das Regierungsbündnis mit der CDU zu sprengen. Diepgen 2001 im Zuge des Bankenskandals. Die Neuköllner Grünen-Kandidatin Sibyll Klotz bestreitet mit dieser Bekanntschaft, die keine Männerfreundschaft ist, ihren Wahlkampf. Sie nennt Diepgen und Staffelt „Strategen der großen Koalition“, deren Geflecht von Politik und Wirtschaftsinteressen zu Filz und Korruption geführt habe.

Für Diepgen ist Klotz ohenhin ein lebendes Beispiel dafür, dass in Berlin Schwarz-Grün nicht machbar ist. Und Staffelt ist böse. „Wie die vom Plakat runterguckt. So streng.“ Er sei nicht von Rot-Schwarz, sondern von Rot-Grün geprägt. Schon rein menschlich. Der smarte Lockenkopf ist mit der Spitzenkandidatin der schleswig-holsteinischen Grünen, Grietje Bettin, verheiratet. Früher hieß seine Lebensgefährtin Renate Künast, mit der er – freundschaftlich verbunden – in der Bundesregierung sitzt. Die Ministerin: zuständig für den Verbraucherschutz. Der Parlamentarische Wirtschafts-Staatssekretär: zuständig für die Luft- und Raumfahrt.

Staffelt findet Rot-Grün also gut, auch wenn er dem rechten „Britzer Kreis“ der SPD angehört. Allerdings könnte nur eine große Koalition im Bund, mit einem sozialdemokratischen Wirtschaftsminister, Staffelts Job als Staatssekretär retten.

So hoch fliegen die Pläne des CDU-Konkurrenten nicht, der als Rechtsanwalt sein berufliches Auskommen hat und mit dem Wahlkampfslogan wirbt: „Mensch, Diepgen!“. Er hofft auf einen Sitz im Haushaltsausschuss des Bundestages. „Vor dieser Kärrnerarbeit würde ich mich nicht drücken“, sagte er kürzlich. „Ich will dem künftigen Bundesfinanzminister permanent auf die Nerven fallen.“ Niemand zweifelt daran, dass Diepgen dazu in der Lage ist, und gewisse Äußerungen deuten darauf hin, dass er in der neuen CDU/CSU-Bundestagsfraktion notfalls die Rolle eines aufmüpfigen Einzelkämpfers spielen will. Ein Hans-Christian Ströbele der Union?

Bevor er das wird, muss Diepgen in Neukölln gewinnen. Als er sich ohne Wissen des CDU-Landeschefs Ingo Schmitt die Kandidatur im Wahlkreis eroberte, rollten einige CDU-Kreisvorsitzende mit den Augen und sagten: Auf die Landesliste kommt Diepgen nicht! Vielen Parteifreunden wäre es lieber gewesen, wenn in Neuköln der Ex-Verteidigungsminister Rupert Scholz angetreten wäre. Staffelt wiederum hat, mit Tränen der Ohnmacht in den Augen, nur Platz 6 auf der SPD-Liste erkämpft. Das reicht vielleicht, sollte der Wahlkreis verloren gehen. Noch sagen beide: „Neukölln ist holbar!“

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