Zwei Sekunden blind : Wie ein Unfall das Leben eines LKW-Fahrers veränderte

18.01.2012 14:14 Uhrvon
Toter Winkel. Der beträgt 38 Grad bei Lkws. Man kann ihn verkleinern mit einem vierten Dobli-Spiegel, der auf diesem Bild fehlt. Foto: dpa
Toter Winkel. Der beträgt 38 Grad bei Lkws. Man kann ihn verkleinern mit einem vierten Dobli-Spiegel, der auf diesem Bild fehlt. - Foto: dpa

"Ich habe sie nicht gesehen“, sagt er vor Gericht. Er ist angeklagt, mit seinem Lkw eine Frau angefahren und getötet zu haben. Für den Mann zerbricht eine Welt, in der er sich auszukennen glaubte.

Als Erwin Preetz die Frau überfährt, denkt er an die Biomüll-Tonne von Horst Hofer*.

Es geschah bei einem Wendemanöver, dass Preetz zusammenzuckte. Da war doch was? Schon hatte dieses Männlein neben seinem Lkw gestanden, gezetert: Wo er, der Fahrer, denn seine Augen habe? Da habe er nun schon die grell orangefarbene Tonne angeschafft, nicht die unauffällige braune. Und nun sehe sich einer die Sauerei an.

Die Tonne war umgekippt, Fliegen umschwirrten das faulende Obst, als Preetz mit einer Schaufel, die Hofer ihm in die Hand gedrückt hatte, den Kompost aus der Einfahrt beseitigte. Die Tonne war unversehrt geblieben, lediglich touchiert hatte Preetz sie mit seinem Lkw.

Dennoch schrieb sich Horst Hofer die Telefonnummer von Erwin Preetz auf. „Manche Schäden sieht man von außen nicht“, sagte er.

So zumindest erzählt es Erwin Preetz zweieinhalb Jahre später im Saal des Amtsgerichts Berlin.

„Das ist aber nicht unser Thema“, sagt der Richter und richtet sich in seinem Stuhl auf.

Für Erwin Preetz ist es das Thema, das eine große Thema, das ihn umtreibt, immerzu. Weil ihm damals in Hofers Einfahrt nur das eine durch den Kopf gegangen ist: Gott sei Dank hat da kein Mensch gestanden.

Er hört noch das Geräusch: "Wumpf" habe es gemacht

Ziemlich genau ein Jahr nach dem Vorfall mit der Biomülltonne streift Erwin Preetz abermals etwas mit seinem Lkw. „Wumpf“, beschreibt Preetz diesen Moment. „Wumpf“, ein undeutliches, unaufdringliches Geräusch, kaum hörbar, mehr fühlbar eigentlich. Zweimal hat es Wumpf gemacht im Leben von Erwin Preetz. Beim ersten Mal ist eine Biotonne umgefallen. Beim zweiten Mal ist eine Frau gestorben.

3479 Mal haben Lastkraftwagen im Jahr 2010 auf deutschen Straßen Fußgänger oder Radfahrer angefahren. 65 Menschen verloren dabei ihr Leben. 659 wurden schwer und zum Teil unheilbar verletzt. Meistens ist das so passiert: Der Lkw biegt rechts ab. Der Fahrer sieht nicht, dass da ein Fußgänger oder Radfahrer von rechts kommt. Zu hoch sitzt er, zu weit weg von der Straße.

In der hintersten Reihe des Saals ist an diesem Donnerstagmorgen im Gericht ein Mann mit einem schmalen, sehr blassen Gesicht. Fünf Monate zuvor ist er Witwer geworden. Preetz hat ihn dazu gemacht. Seine Frau war einkaufen gegangen am späten Nachmittag seines Geburtstags, für ein kleines Abendessen. Zu Hause schneidet er Käsewürfel, deckt den Tisch. Seine Frau hat ein Fladenbrot, Servietten und zwei Dosen Oliven in der Einkaufstüte, als der Unfall passiert.

Erwin Preetz ist ein kleiner, schmächtiger Mann von 1,62 Metern und 51 Jahren. Er wohnt am Stadtrand, drei Zimmer mit Balkon. Ein schwacher, rechteckiger Abdruck an der Tapete im Flur lässt ahnen, dass das Grün einmal heller gewesen ist. Eine gerahmte Fotografie hing dort. Jemand hat sie abgenommen. Als Erwin Preetz mal eben in den Keller geht, holt seine Frau sie hervor. Das Bild zeigt einen jüngeren Preetz, wie er neben seinem Lastwagen steht, kaum an den Seitenspiegel reicht. Die Maschine ist gut sieben Köpfe größer als Preetz. Ist sie ihm über den Kopf gewachsen? Preetz mag das Foto nicht mehr sehen. Seine Frau verwahrt es im Schrank.

Wie schnell so ein Leben ausgelöscht ist, darüber denke er jetzt ständig nach, sagt Erwin Preetz. Wieder erzählt er von der Tonne.

„Erwin, lass doch die Tonne“, sagt seine Frau.

Eine Sekunde, ein Wumpf, sagt Preetz. So vieles kann daran hängen.

Willkürlich erscheint ihm, dem Kraftfahrer, wen oder was es trifft. Von Schicksal solle er aber besser nicht sprechen, hat ihm sein Anwalt geraten. Das wirke sonst, als wolle er sich aus der Verantwortung ziehen.

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