Kultur : ... dann die Moral

Kultur und Horror des Thunfischfangs: „Sushi“.

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Schwer und teuer. Thun – der Rohstoff für die Trend-Delikatesse. Foto: Neue Visionen
Schwer und teuer. Thun – der Rohstoff für die Trend-Delikatesse. Foto: Neue Visionen

Am 4. Januar 2011 wurde auf dem Tsukiji-Fischmarkt in Tokio, dem größten der Welt, ein Blauflossenthun für 400 000 Dollar versteigert. Der Thunfisch ist der König der Rohfische, tagtäglich wird er in einer Auktionshalle verkauft. Siebzehn Sekunden braucht ein guter Händler, um seine Qualität zu ermitteln, mit Taschenlampe in den Bauch zu leuchten, Augenfarbe, Durchblutung und Festigkeit zu prüfen. Es folgt ein Börsenspektakel mit hektisch telefonierenden Käufern und durch die Halle schliddernden, tiefgefrorenen Tieren.

Es sind die Sushi-Köche, die Thunfisch brauchen, der Sternekoch in Tokio genauso wie der Imbiss in Texas oder der Restaurantbesitzer in Lodz. Wenn aber jetzt die Chinesen auch noch auf den Sushi-Geschmack kommen (sie fangen gerade damit an), ist bald Schluss mit Thunfisch, vor allem mit dem atlantischen Blauflossenthun.

Sushi, eine Mode-Delikatesse, weltweit im Trend. Dass die Fischbestände deshalb brutal dezimiert sind und die Ökobalance der Meere zu kippen droht, wäre allein schon einen Dokumentarfilm wert. Aber „Sushi – The Global Catch“ ist keineswegs ein plakatives Tierschutz-Pamphlet, auch wenn der Hinweis auf die Restaurant-App seafoodwatch.org mit Informationen über nachhaltige Meeresfrüchte jeden Gourmet zur Verantwortung zieht. Der US-Filmemacher Mark S. Hall zeigt vielmehr beides: die Kultur und die Katastrophe. Die Schönheit und Poesie japanischer SushiKreationen, das uralte Handwerk ihrer Zubereitung und des traditionellen Fischfangs. Und das knallharte Business, die Überfischung der Ozeane.

Der Zuschauer lernt dabei das Staunen. Der genial hydrodynamische Blauflossenthun ist der Porsche des Meeres, so schwer, so teuer und mindestens so schnell. Ein Sushi-Lehrling wird sieben Jahre ausgebildet; drei Jahre allein werden für die richtige Zubereitung von Reis veranschlagt. Seinen globalen Siegeszug verdankt Sushi jenem Chef der Japan Airlines, der sich in den siebziger Jahren überlegte, was man in den Frachtflugzeugen nach Amerika auf dem Rückweg transportieren könnte: atlantischen Fisch! So erfuhren die Amerikaner, was die Japaner mit Rohfisch anstellen. Die Polen lieben Sushi mit süßer Soße, in New York gibt’s Sushi am Stiel und in San Francisco Bio-Sushi im Restaurant.

Regisseur Hall will es genau wissen. Er spricht mit Experten aus aller Welt, Küchenchefs und Meeresbiologen, greisen Fischern, smarten Händlern, GreenpeaceAktivisten und dem australischen Millionär Hagen Stehr, einem Aquakultur-Maniac. Stehr will Thunfische in Gefangenschaft züchten, bisher ist das noch niemandem gelungen. Als er vor laufender Kamera erfährt, dass seine Fischbabys erstmals Nahrung aufgenommen haben, bricht er vor Glück in Tränen aus. Das Glück dieses Films: dass man Menschen so genau bei der Arbeit zusehen kann. Das war schon immer ein besonders schönes Vermögen des Kinos.

Hackesche Höfe, Lichtblick, Zukunft, Moviemento (alle OmU)

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