"Hemel" - Sex und Exzess : Die Männersammlerin

Die Mutter schon lange tot, der Vater ein Don Juan: Wie wird man da erwachsen? Hemel liebt wild und gefährlich. "Hemel" - das starke Kino-Debüt der Niederländerin Sacha Polak.

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Hemel (Hannah Hoekstra) mit einem One-Night-Stand.
Hemel (Hannah Hoekstra) mit einem One-Night-Stand.Foto: W-Film

Das nackte Mädchen liegt mit ausgebreiteten Armen auf dem Bett. Hebt den Kopf, schaut sanft-neugierig an sich herunter, betrachtet das Ergebnis: Der One-Night-Stand, mit dem sie gerade Sex hatte, bestand darauf, ihre Scham zu rasieren. Und Hemel, die alles ausprobiert, hat es zugelassen.

Mit den Worten „Da hätten wir dann endlich deinen Venushügel“ endet die erste Szene von Sacha Polaks Frauenporträt. Schon in diesen ersten Minuten wird Hemels kämpferische Sensibilität offenbar: Der großartig geschriebene Dialog mit ihrem Aufriss ist entlarvend. „Soll ich dein geiles Mädchen sein?“, fragt sie ihren Liebhaber scherzhaft beim Küssen. „Du rasierst dich nicht“, sagt er nach kurzem Überlegen, „ich bin kein Buschmann.“ „Aha, du bist eigentlich pädophil“, antwortet Hemel. Etwas später sucht sie Rasierzeug im Bad und entdeckt dabei eine Packung Tampons hinten im Schrank. Und fragt: „Weiß deine Freundin, dass du ihre Sachen versteckst, wenn du mal wieder unrasierte Mädchen abschleppst?“ Das sitzt.

Die Geschichte um die exzessive, sexfreudige junge Frau ist streng durchkomponiert: Akkurat reiht Polak Episode an Episode, Kapitel an Kapitel, alle haben eigene Überschriften, jedes fügt der Protagonistin einen Aspekt hinzu, jedes lebt von Hannah Hoekstras fast schmerzhaft genauem Einsatz ihres ausgezehrten, zerbrechlich wirkenden Leibes. Und durch das Talent der Regisseurin, ihre Figuren nicht als kaputte Menschen auszustellen, sondern in einem psychologischen Netz aufzufangen.

Hemel lebt in einer zu starken Bindung an ihren Vater Gijs (Hans Dagelet), einem weißhaarigen, coolen Jazzhund, mit dem sie seit dem Tod der Mutter in einer verzweifelten Symbiose lebt. Man fasst sich an, man streitet, schmust, hat kaum körperliche Distanz – schon beim ersten Gebalge der beiden ruft sie aus Spaß „Gnade“, genau wie kurz vorher beim Balgen mit ihrem Liebhaber. Die Nacktheit des Vaters beim Duschen – sie mag noch eher normal gewesen sein, als Hemel ein kleines Mädchen war – wirkt nun zum Fürchten: Immer scheint das Geplänkel in etwas anderes zu kippen, immer wieder verhalten sich die beiden ambivalent. Ist das hier nur eine bedingungslose, besonders freigeistige Liebe zwischen Vater und Tochter, oder überschreiten sie Grenzen? Und: Brauchen vielleicht beide eine Verlust- und Traumatherapie?

Zum Eklat kommt es erst, als der Vater, dessen Liebesleben – wie das seiner schönen, dürren Tochter – Hallodri-Qualitäten aufweist, eine ernsthafte Beziehung zu Sophie (Rifka Lodeizen) eingehen will. Hemel ist eifersüchtig, als Tochter und einzig beständige Frau im Leben ihres Vaters, und beginnt, verbissen und unfair zu kämpfen. Sie beleidigt Sophie und fängt sogar ein Verhältnis mit einem Freund von Gijs an: Elektrakomplex.

Polaks „Hemel“ hat, abgesehen vom Sex-sells-Aspekt des selbstbewusst promiskuitiven Mädchens, nichts von Charlotte Roches und David Wnendts „Feuchtgebieten“. Wo Roches Helen noch hübsch strahlt, sieht man Hemel die Qualen an. Wo „Feuchtgebiete“ mit Vergnügen durch Ekel und Trash watet, ist Hemel tatsächlich am Boden. Und wenn bei Wnendt absurde Szenen mit allerlei Längen wechseln, inszeniert Sacha Polak unbeirrt in einem eigenen, absolut passenden Rhythmus. Bis Hemel beim Aufreißen an einen Sadisten gerät und ihre Gewalterfahrung hernach siedend heiß als Partycrasher einsetzt.

Auch diese grässlichen Szenen komponiert Polak ohne moralischen Zeigefinger. Man mag ihr eine tendenziöse Figurenkomposition vorwerfen. Aber Hoekstra macht jede groteske Handlung plausibel. Hemel kann keiner helfen. Der Hoffnungsschimmer, der in Form einer möglichen Mutterfigur aufkeimt, ist winzig. Wenn Hemel ihn doch nur wahrnehmen würde.

Brotfabrik, Eiszeit, Filmrauschpalast (alle OmU)

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