Kultur : : Triumph der Komödie

Hellmuth Karasek

Zwei große Filme hat Hollywood über Hitler und gegen den Führer gedreht, beide mitten im Krieg, als der Diktator sich anschickte, als Herr Europas Herr der Welt zu werden, und Amerikas Filmschaffende und Emigranten fürchten mussten, Amerika könnte sich mit Hitler arrangieren und auf die Neue Welt zurückziehen, der neuen Barbarei mit ihrer atavistischen Bestialität und ihrer hoch industrialisierten Kriegs- und Herrschaftsmaschinerie Europa bis nach Asien hinein zu überlassen.

Das waren die Ängste, die Ernst Lubitsch und Charlie Chaplin heimsuchten, als sie ihre Filme schufen, und der Widerstand und das Unverständnis, das die Filmindustrie ihren Projekten entgegenbrachte, gab ihren Befürchtungen Recht.

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Im Falle Chaplins und seines "Großen Diktators" (1940) herrschte während der Arbeiten zu dem Film in Amerika noch die Hoffnung, die USA könnten sich aus dem Krieg heraushalten (für uns europäische Nachkommen nachträglich eine gruselige Vorstellung). Sie empfanden Chaplin als Spielverderber, der ihnen ihre Geschäfte mit den Nazis versauen würde. Und sie hielten den Film für nicht geschäftsträchtig: Politik im Kino? Nein Danke! Glücklicherweise war Chaplin als Mitbegründer und wichtigster Partner von "United Artists" unabhängig.

Überdauert Kunst die Barbarei?

Der als geschäftstüchtig bis zum Geiz verschriene Chaplin machte dennoch den "Großen Diktator" mit seinen teuren Massenszenen und der eineinhalb Jahre währenden Drehzeit zu seiner Herzensangelegenheit: Er wollte Hitler, der ihm, unter anderem, das Bärtchen gestohlen hatte und mit dem ihn, im gleichen Jahr und fast zur gleichen Zeit unter ähnlich bedrückenden Verhältnissen geboren, eine gefährliche Verwandtschaft verband, mit seinen Mitteln besiegen, einen Triumph der menschheitsumspannenden (Film-)Kunst über den größenwahnsinnigen Schauspieler als Menschenfresser erringen. Dass sich der Film auch als Geschäft (sogar Chaplins größter finanzieller Erfolg) lohnte, wollte und konnte damals noch niemand ahnen, am wenigsten Chaplin selbst.

Lubitsch drehte "To Be or Not to Be" ("Sein oder Nichtsein") 1942. Er war Produzent bei der "Paramount", Meister geschliffener und doppelbödiger Salonkomödien, und hatte mit "Ninotschka", als 1939 in Europa die Lichter ausgingen, seine erste Komödie gegen eine ideologische Diktatur gedreht. Jetzt, da Hitler Polen niedergewalzt hatte, ließ er den Potentaten im Kino mit den Mitteln des Theaters besiegen.

Sowohl Chaplins wie Lubitschs Filme sind (oder wollen sein): Triumphe der Kunst über die Politik, der Komödie über die Barbarei - und das zu einer Zeit, da Hitler scheinbar gesiegt hatte. Beide sind Komödien, beide haben Hitler überdauert, obwohl sowohl Chaplin als auch Lubitsch später erklärt haben, sie hätten ihre Filme niemals gedreht, wenn sie das wahre schreckliche Ausmaß der Hitlerischen Menschenvernichtung, wenn sie seine Genozid-Pläne und deren Verwirklichung gekannt hätten.

Sind die beiden Filme, der "Große Diktator" wie "Sein und Nichtsein", also letztlich an der schlimmen Folgerichtigkeit der Hitler-Historie gescheitert, in Verharmlosungen stecken geblieben? Filmfreunde, und nicht nur sie, führen für diese beiden wunderbaren Komödien, die gleichermaßen zum Gipfel der Filmkunst gehören, als Argument an: dass sie schließlich Hitler überdauert, also besiegt hätten. Und das ist wahr und nicht wahr zugleich.

Sicher kann man heute Hitler, sein theatralisches, masseninszenatorisches System nirgends besser studieren als im "Großen Diktator", den man zu Recht als einen der wichtigsten Dokumentarfilme über das "Dritte Reich" bezeichnet hat. Und dass Ernst Lubitsch, wie ähnlich schon in "Ninotschka" den letztendlichen Sieg des Humanen, des Frivolen, des Lässlich-Menschlichen, des Belächelnswerten über die stumpf-humorlose Barbarei zeigt, ist nicht zu leugnen.

Dennoch: Wer sagt, dass die Kunst länger währt als eine Barbarei, die ihre 1000 Jahre in zwölf mörderischen verpulverte, vergisst: Chaplins und Lubitschs Filme haben den Menschen Trost und Gelächter geschenkt und tun das noch heute, wo Hitler längst anderen Bedrohungen Platz gemacht hat. Während der ersten Luftangriffe Hitlers auf London hatte Chaplins Film seine britische Premiere, und er spendierte den Zuschauern Zuversicht und die Kraft des Gelächters. Den Krieg aber haben mörderische Schlachten entschieden. Wer über die Ewigkeit der Kunst sinniert, ihren Triumph über die Gewalt, sollte im Gedächtnis behalten, dass auch die Folgen von Hitlers Taten bis heute dauern, die Transformierung der Welt, die Narben der Kriege, die Schicksale der Völker. So sehr ich Chaplins "Großen Diktator" liebe (und Lubitschs "To Bo or Not to Be" auch), ihnen zu attestieren, sie hätten über Hitler obsiegt, halte ich für eine schöne, fromme Illusion. Das heißt nicht, dass man nicht bei jedem Wiedersehen mit dem "Großen Diktator" über die die Zeiten überdauernde Gültigkeit der Slapstick-Analyse des großmannssüchtigen, gleichzeitig manisch depressiven Hitler-Regimes in Verzückung gerät. Chaplin war, so viel ist klar, ein "Bruder" Hitlers, um einen Thomas-Mann-Titel zu variieren, und der geniale Künstler mit seiner altruistischen Eitelkeit hat den (in der Politik) gestrandeten Künstler Hitler mit seiner größenwahnsinnigen manischen Depression durchschaut wie kein Zweiter.

Der einsame Pas de deux mit der Weltkugel zu Wagner-Musik, die Bahnhofsankunft Mussolinis (von Chaplin mit einem kongenialen Rivalen, mit Jack Oakie, besetzt), der Wettaufstieg auf den Friseurstühlen - das alles sind Szenen, die Filmgeschichte und Zeitgeschichte geschrieben haben.

Da sieht man über die idyllisch-verkitschten Ghetto-Szenen hinweg. Entscheidend ist nicht, dass Chaplin es noch nicht besser, also furchtbarer wissen konnte. Entscheidend ist, dass Slapstick nicht funktionieren kann, wenn der Gegner, egal, was geschieht, brutal und stumpf mit Pistole und Auslöschung reagiert.

Double-Speech: "Frieden" heißt "Krieg"

Chaplin, der große Meister des Stummfilms (sein stummer Schwarz-Weiß-Film "Modern Times" von 1936 ist immer noch einer der Schlüsselfilme von Moderne und Postmoderne), hat den "Großen Diktator" als Tonfilm gedreht, und man mag zugeben, dass die süßlichen Dialoge im Ghetto dem Süßholzraspeln der stummen Seifenopern schmerzlich nahe kommen.

Andererseits: Der Stummfilm-Tramp hat für die propagandistische Rhetorik Hitlers ein furchterregendes, konsonantenrollendes Idiom erfunden und verwirklicht, das alle anderen Sprachanalysen der Diktatur Hitlers durch die öffentliche Rede als sexuelle Überwältigung der Massen in den Schatten stellt. Komisch, parodistisch, genial, zukunftsweisend: einfach "Schtonk"!

Nicht so glücklich sieht es mit der Schlussrede aus, die der falsche Hitler (der jüdische Friseur) in Wien hält - eine Rede, die vor Humanität, Freiheitspathos, Friedensglauben nur so bebt - eine der schönsten Gut-Mensch-Reden aller Zeiten, vor guter Absicht triefend.

Allerdings konnte Chaplin 1940 noch nicht ahnen, dass - im Unterschied zum Menschenhass bellenden Hitler - künftige Diktaturen besonders sanft und korrekt in "Double-Speech" (von Orwell in seinem Roman "1984" analysiert) säuseln sollten. Dass "Frieden" "Krieg" heißt, und "Hass" "Liebe" - das konnte Chaplin noch nicht wissen. Lubitsch in "To Be or Not to Be" war da weiter. Er lässt einen jüdischen Schauspieler gegen Hitler Shylocks berühmten Monolog sprechen. Und der ist wirklich durch nichts zu widerlegen.

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