100 Jahre Heinz Berggruen : Witz und Weltläufigkeit

So wie er muss Berlin einst gewesen sein: dem Kunstsammler und Publizisten Heinz Berggruen zum 100. Geburtstag.

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Berlins 114. Ehrenbürger. Heinz Berggruen im Jahre 2004 vor seinem Porträt bei der Feierstunde im Abgeordnetenhaus.
Berlins 114. Ehrenbürger. Heinz Berggruen im Jahre 2004 vor seinem Porträt bei der Feierstunde im Abgeordnetenhaus.Foto: Thilo Rückeis

Wer so lange gelebt hat, der ist auch an seinem 100. Geburtstag noch in der Erinnerung lebendig. 93 Jahre alt war Heinz Berggruen, als er vor sieben Jahren starb, und die Zeit hat dem Bild des Mannes kaum etwas anhaben können, der ein Jahrzehnt lang eine unvergessliche, liebenswürdige Rolle im kulturellen Leben Berlins spielte – eine kleine, bewegliche Gestalt mit grauem Haar und aufmerksamen Zügen, auf denen sich oft ein verschmitztes Lächeln zeigte, beliebter Gast bei vielen Anlässen, Stammgast der Paris Bar. Und doch zugleich eine herausgehobene, fast legendäre Persönlichkeit, Ehrenbürger, Professor ehrenhalber, Träger des Nationalpreises. Denn mit seiner Sammlung der klassischen Moderne hatte er Berlin zu einem Glanzpunkt verholfen.

Der 6. September 1996, an dem sie mit einem Festakt in der Orangerie des Schlosses Charlottenburg eröffnet wurde, gehört zu den herausragenden Daten dieses Jahrzehnts nach dem Mauerfall, kaum weniger gewichtig als die großen Spatenstiche oder Eröffnungen, mit denen damals das neue Berlin und die Hauptstadt ins Leben drängten. Die Kollektion fügte in die Museumslandschaft der Stadt ein Kleinod ein – Picassos, Klees, Matisses, wie man sie in dieser Auswahl selten sieht, schon gar nicht in Berlin, das mit den Dritten Reich den Anschluss an die internationale Moderne verloren hat. Berggruen hat dem Wort des seinerzeitigen Bundespräsidenten Herzog akklamiert, „Berlin soll leuchten“ (eine Anspielung auf ein Thomas-Mann-Zitat). Seither leuchtet es – jedenfalls an der Schlossstraße in Charlottenburg, mit dem einfühlsam restaurierten Stüler-Bau, mit der dort beheimateten Sammlung Berggruen.

Aber der schöne Frühherbsttag war mehr als eine Museums-Eröffnung: es war der Beginn einer Affäre der Stadt mit dem Kunstsammler und Händler. Und wie sollte es das nicht sein, da doch dieses „Fest mit vielen feuchten Augen“ – wie die „Zeit“ schrieb – alle Momente des Mythischen aufwies? Ein Jude und Berliner, den das Dritte Reich in die Emigration gezwungen hatte, der zum berühmten Sammler und Händler geworden war, und der nun in seine Vaterstadt zurückkehrte! Die notorische deutsche Sehnsucht nach Versöhnung mit der Geschichte, nach Auflösung der Knoten von Scham und Schuld schien in diesem Mann und diesem Museum eine Einlösung zu finden.

Zu viel Sentimentalität? Ist etwas davon zurückzunehmen? Man mag einräumen, vor allem im Abstand, dass die Begeisterung, mit der Berggruen und sein Bilderschatz in Berlin begrüßt wurden, einen aus den verschlungenen Tiefen der deutschen Vergangenheitsbewältigung stammenden Schatten warf, bei dem einem nicht ganz wohl sein kann – die Attacke, die Autorin Vivian Stein vor zwei Jahren mit einer Biografie gegen Berggruen ritt, vergrößerte ihn grotesk. Mag sein, dass Berlin dem Ereignis etwas zu viel Gefühlüberschwang aufpackte. Und dabei übersehen hat, dass Berggruen immer ein guter Geschäftsmann war, der den eigenen Vorteil nie aus den Augen verloren hat.

Mit der Sammlung Berggruen hat sich auch der Geschäftssinn des Kunsthändlers niedergeschlagen

Doch wird den bewegten Empfindungen, die das Exempel dieses Lebens in einer von der Geschichte gebeutelten Stadt wie Berlin auslöst, etwas durch den Umstand genommen, dass sie einen Kunsthändler betreffen, der mit allen Wassern des Metiers gewaschen war? Und wenn sich in der Errichtung der Sammlung Berggruen nicht zuletzt der Geschäftssinn des Kunsthändlers niedergeschlagen hat – entwertet es das Hochgefühl der Berliner, das sich der Genugtuung verdankt, mit ihr ein Stück Berlin zurückgewonnen zu haben, ja, dank der Umstände der Operation ein bisschen Frieden mit sich selbst geschlossen zu haben?

Es gehörte ja zu Berggruens Charme, dass man in ihm einem Berlin begegnete, wie es einmal gewesen sein muss – und dass er damit das Bedürfnis nach Anschluss an die großen Zeiten befriedigte, der ein heimlicher Zug der Wiederherstellung Berlins ist. Er brachte etwas mit von dem Geist der berühmten zwanziger Jahre, ihrer Aufgeschlossenheit, ihrer Weltläufigkeit, ihrem Witz. Zudem bewegte er sich in der Stadt, als sei er nie weggewesen, und hatte den Westen, in dem er aufgewachsen war, bis in die Straßennamen hinein bewahrt. Und die Feuilletons, die er gerne schrieb, standen – obwohl nicht eben brillant – in der Tradition des Berliner Feuilletons der Aubertin und Kiaulehns.

Wie kühl er immer die Chance kalkuliert haben mag, dass er in Berlin das bestmögliche Haus für seine Sammlung bekommen könne: Die Affäre zwischen Berlin und Berggruen war beidseitig. Sie hat ihm nicht den Verstand geraubt, aber er hing wirklich an dieser Stadt, auch wenn seine Anhänglichkeit vor allem der Stadt einer unbeschwerten Jugend galt. Das reichte aus für das Berlin von heute, obgleich er keinen Hehl daraus machte, dass er die Stadt überwiegend provinziell und kulturlos fand. Er starb in Paris, wo er ein halbes Jahrhundert gelebt hatte, glücklich, wie er sagte. Aber beerdigt wurde er, auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin, in Berlin.

Nun, in der Erinnerungsperspektive seiner Hundertjährigkeit bleibt die Existenz der Sammlung. Es charakterisiert sie, dass sie als Geschenk empfunden wurde, obwohl sie, die erst eine Leihgabe war, ordentlich gekauft und angemessen bezahlt wurde. Aber sie kam auf die Stadt ja auch überraschend zu – alles in allem genommen, die Anstrengungen der Akteure dieser Operation nicht zu vergessen, vom damaligen Generaldirektor der Staatlichen Museen, Wolf-Dieter Dube, bis zum ersten Kulturstaatsminister Michael Naumann, und etwas sehr Persönliches hat sie auch. Denn sie nimmt gefangen, nicht zuletzt durch die Stimmigkeit dieses „kleinen hochkarätigen Universums“, wie der Kunstkritiker Eduard Beaucamp sie nannte, durch ihre Intimität, die mit dem Gebäude zusammenklingt, als Zeugnis und Vermächtnis eines eminenten, leidenschaftlichen Kunstverstandes.

„Ein Berliner kommt heim“ ist der Titel des schmalen Bändchens, in dem Heinz Berggruen seine Reden versammelte, zumeist Dank für Ehrungen und Grußworte. So einfach lag es mit der Geschichte nicht, die ihn mit Berlin und Berlin mit ihm verbindet, so einfach war er selbst nicht. Aber eine anrührende Unterströmung in diesem Leben verläuft eben doch von der Konstanzer Straße, wo er vor 100 Jahren geboren wurde, bis zur Schlossstraße 1, zu der Sammlung, die er als sein Lebenswerk empfunden hat.

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