16. Poesiefestival in Berlin : Internationaler Versschmuggel

Quer durch den lyrischen Garten: Das 16. Poesiefestival startet in Berlin und wagt mit einem kleinen China-Schwerpunkt einen Blick in die Traditionen des poetischen Sprechens.

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Wörter und Lichter an. Andächtig lauschende Literaturkundige, die wissen, welcher Dichter was zu sagen hat.
Wörter und Lichter an. Andächtig lauschende Literaturkundige, die wissen, welcher Dichter was zu sagen hat.Foto: Gezett/Poesiefestival

Noch vor fünfzig Jahren wäre die Wahrscheinlichkeit, dass in Laos, in Guyana oder im Kongo ein nobelpreiswürdiger Dichter von der Welt ganz unbemerkt vor sich hinschreibt, um ein Vielfaches höher gewesen. Selbst heutzutage sollte niemand seinen Kopf darauf verwetten, dass literarische Größe sich gerecht und ungehindert um den Globus verbreitet. Zu eingefahren sind die medialen Ernährungsketten, zu sehr auf die westlichen Literaturen fixiert die Aufmerksamkeit des Literaturbetriebs. Aber dass Kundige nicht wissen könnten, wer etwas zu sagen hat, wenn sie es nur wollten, ist fast unmöglich.

Der chinesische Lyriker Zang Di zum Beispiel, im April 1964 als Zang Li in Peking geboren, ist hierzulande bisher allenfalls Sinologen ein Begriff. In den USA aber ist er von der nach Los Angeles ausgewanderten Dichterin und Übersetzerin Ming Di längst in dem Band „New Cathay – Contemporary Chinese Poetry“ (Tupelo Press) anthologisiert. Und in seiner Heimat, wo er an der Peking University chinesische Literatur unterrichtet und einflussreiche Zeitschriften herausgibt, hat er sich nicht nur als Lyriker, sondern auch als vehementer Kritiker des international derzeit bekanntesten chinesischen Poeten, des nach dem Tiananmen-Massakers in die USA exilierten Bei Dao, einen Namen gemacht.

Daos Polemik gegen eine Generation von Dichtern, die sich widerstandslos mit der Autorität des Staates arrangiert hat, ist Zang Di so suspekt wie die aus der Außenschau erhobene Klage, dass die Qualität der zeitgenössischen Poesie stark nachgelassen habe.

Sinn und Zweck von Poesie

Nun kommt er zur freitäglichen „Weltklang“-Nacht schon zur Eröffnung des 16. Poesiefestivals nach Berlin, wo er in diesem Jahr Teil eines kleinen China-Schwerpunkts ist, der in drei Veranstaltungen (am 24./25. Juni) sowohl die Traditionen als auch die subversiven Gehalte poetischen Sprechens untersucht.

Von der sogenannten Nebeldichtung, als deren prominentester Vertreter Bei Dao gilt, einer Form von Lyrik, die sich schon durch ihren Hermetismus einer offenen Auseinandersetzung mit politischen Wirklichkeiten entzieht, ist Zang Di weit entfernt. Aus seinen Gedichten spricht eine raffinierte Alltäglichkeit, die die nüchternsten Details auf der Stelle zu transzendieren weiß oder zum Ausgangspunkt eines Nachdenkens über Sinn und Zweck von Poesie im Allgemeinen macht.

Vertraut mit östlichen wie westlichen Schreib- und Denkweisen, die zwischen der Philosophie Ludwig Wittgensteins und der Dichtung von Wallace Stevens aufgespannt sind, lassen Zang Dis Texte doch alle eindeutigen lokalen Zuordnungen und Kontextualisierungen hinter sich. Damit ist er für viele Autoren seiner Generation zum Vorbild geworden.

Zwischen Miniaturen und kenianischem Jugendjargon

Ansonsten geht es auch bei diesem Poesiefestival wieder einmal quer durch den lyrischen Gemüsegarten. Allein die beiden Deutschen, die bei „Weltklang“ auftreten, könnten gegensätzlicher nicht sein: Der fast 82-jährige Reiner Kunze bringt einige seiner Miniaturen mit, der gerade einmal halb so alte Popmusiker Jochen Distelmeyer Songtexte und seine Gitarre. Die ungewöhnlichste Sprache des Abends aber wird ein kenianischer Jugendjargon sein, der unter anderem Fetzen von von Swahili, Englisch und Kikuyu vereint: Die 1979 geborene Femcee L-ness alias Lydia Owano Akwabi rappt auf Sheng. Tags darauf, am Samstag, trifft sich eine fünfköpfige Black Power zu einem „Eilbrief an Europa“, der in Form eines Kettengedichts weiße Selbstverständlichkeiten attackiert. Am Sonntag schließlich gibt es ein Gespräch und eine Theaterinstallation zur Poetik der Religionen in der monotheistischen Trias von „Tora Bibel Koran“.

Der „Versschmuggel“ widmet sich diesmal einem Übersetzungsworkshop zwischen deutschen und niederländischen beziehungsweise flämischen Dichtern. Und in mittlerweile schöner Tradition beschließt am Samstag, den 27.6., der von Buchhandlungen und Antiquariaten bestückte „Lyrikmarkt“ mit zahlreichen Lesungen das Poesiefestival.

Poesiefestival, vom 19. bis 27. Juni, Akademie der Künste am Hanseatenweg, Infos unter www.poesiefestival.org, Weltklang, Freitag, 19.6., 19 Uhr

Hier können Sie drei Gedichte von Zang Di lesen.

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