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20 Jahre nach der Teilung : Ehemalige Tschechoslowakei: Scheiden als Chance

04.01.2013 15:03 UhrVon Michal Hvorecký
Abschied von einer Illusion. Vor dem Parlamentsgebäude in Bratislava feiern Slowaken 1992 den Unabhängigkeitsbeschluss.Bild vergrößern
Abschied von einer Illusion. Vor dem Parlamentsgebäude in Bratislava feiern Slowaken 1992 den Unabhängigkeitsbeschluss. - Foto: AFP

Seit 20 Jahren gehen Tschechen und Slowaken getrennte Wege. Unser slowakischer Autor Michal Hyorecký war seinerzeit strikt gegen die Teilung. Doch was niemand erwartet hat: Sie ist der Slowakei gut bekommen.

Ich wurde 1976 in Bratislava in der CSSR geboren und gehöre damit zur Generation der sogenannten „Husák-Kinder“. Wir waren die tschechoslowakische Variante der amerikanischen Baby-Boomer, und Husák war der letzte Präsident der sozialistischen Tschechoslowakei. Als sich der Staat am 1. Januar 1993 teilte, war ich strikt dagegen. Mein Bruder, meine Eltern und die Freunde ebenso.

Doch die Meinung eines 16-jährigen Halbwüchsigen interessierte die Mächtigen nicht. Dabei war meine Minderjährigkeit nicht das Problem: Es gab kein Referendum über die Teilung der Republik. Wahrscheinlich, weil von vornherein feststand, dass eine Mehrheit dagegen gewesen wäre.

Die Trennung meiner Heimat in zwei Staaten halte ich bis heute für einen geschmacklosen Betrug an den Bürgern und für einen groben Verstoß gegen die Verfassung.

Aus heutiger Sicht bin ich jedoch froh, dass es so gekommen ist. Die Tschechoslowakei war schon vor 20 Jahren nicht mehr zu retten. Sie war eine verlorene gestrige Welt, ohne Mitte, ohne gemeinsame Idee. Das Bemühen, sie um jeden Preis erhalten zu wollen, wäre der Rettung einer Illusion gleichgekommen. Der ganze Prozess war zudem für mich eine gute Vorbereitung auf die Praktiken, die der Mafia-Kapitalismus dann mit sich brachte und der die Tschechische und Slowakische Republik bis heute weit stärker verbindet als einst die Föderation.

An die Trennung der Tschechoslowakei denke ich oft, wenn ich mit meinen Büchern zu Lesungen durch Ostdeutschland reise. Den östlichen Teil des frisch vereinigten Deutschlands haben Mitte der 1990er Jahre viele Slowaken beneidet. Während wir nur wertlose slowakische Kronen in den Händen hielten, füllten sich die ehemaligen DDRler die Taschen mit harter Mark. Damals kam es mir vor, dass die großzügigen Finanzspritzen des reicheren westdeutschen Bruders den Weg zu Wohlstand und einer funktionierenden Zivilgesellschaft ermöglichten. Jedoch passierte das genaue Gegenteil.

Ich fahre durch die östlichen Bundesländer über moderne Straßen, sehe sanierte Gebäude und Plätze, aber nur selten Menschen, und wenn, dann vor allem ältere. Die endlosen Subventionen haben eine schöne Oberfläche geschaffen, unter der fast nichts zu finden ist oder unter der sich finstere Geheimnisse verbergen – horrende Arbeitslosigkeit und Massenexodus in den Westen, Verbitterung, aber auch Wut, Gewalt, Rassismus oder sogar Terrorismus von Rechtsextremen. Die Mieten in Schwerin zum Beispiel sind wegen des massenhaften Wegzugs heute nur halb so hoch wie in den vergleichbaren slowakischen Städten Banská Bystrica (Neusohl) oder Košice (Kaschau).

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