25 Jahre Deutsche Einheit : Grenzenlose Beats

Ohne den Mauerfall würden Nhoah Hoena und Frank Kittelmann heute vielleicht beide gar keine Musik mehr machen. Und viele Erfolgsbands hätte es nie gegeben.

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Frank Kettelmann (l.) und Nhoah Hoena (r.).
Frank Kettelmann (l.) und Nhoah Hoena (r.).Foto: Thilo Rückeis

War es das Exit in Mitte, das 90 Grad in Schöneberg oder vielleicht doch der legendäre WMF-Club, der seit seiner Gründung 1991 bereits acht mal die Location gewechselt hat? So genau können sich der Musikproduzent Nhoah Hoena und Frank Kittelmann, der seit Anfang der 90er Jahre als DJ Divinity durch die Clubs tourt, gar nicht mehr an ihre erste Begegnung erinnern. „Ich tippe auf das 90 Grad. Lange Zeit war das der angesagteste Club in Berlin“, sagt der Produzent. „Das war verrückt, denn eigentlich ist das Clubgeschehen nach der Wiedervereinigung in den Osten der Stadt gewandert.“

Das 90 Grad, das erst vier Wochen vor dem Mauerfall von dem Amerikaner Bob Young eröffnet wurde, konnte sich trotzdem bis in die späten neunziger Jahren als beliebter Club im Westen der Stadt behaupten. Gefeiert haben die beiden Musiker nach der Wende an denselben Orten.

Beide wuchsen in der geteilten Stadt auf

„Die Clubtour begann im Drama in der Oranienstraße, dann ging man ins E-Werk. Die Afterhour fand im Tresor statt und sonntags war ich natürlich noch im 90 Grad. Es gab einfach so viele Möglichkeiten“, erzählt Divinity, der nicht nur in Berlin etwa bei den sonntäglichen Partys im GMF zu den Stamm-DJs gehört, sondern auch bundesweit auflegt. „Ich wurde aber überall freundlich empfangen, es gab keine Ossi-Witze.“ Musik kenne eben keine Grenzen. Obwohl sich die beiden schon so lange kennen und DJ Divinity schon viele Remixe für Nhoah gemacht hat, bringen sie erst im kommenden Jahr ihr erstes gemeinsames Album raus.

„Das wird ein Berlin-House-Album à la Divinity“, sagt Nhoah. „Mit ganz viel Liebe“, fügt der DJ hinzu. Beide Musiker wuchsen in der geteilten Stadt auf: Nhoah in Lankwitz und DJ Divinity in Lichtenberg. „In West-Berlin waren damals sehr viele amerikanische Musiker, vor allem aus New York“, sagt Nhoah, Mitbegründer des Künstlermanagements R.O.T im Wedding. „Nach der Schule habe ich als Schlagzeuger bei der amerikanischen Punkikone Jayne County and the Electric Chairs angefangen.“ Der damals 19-Jährige spielte Anfang der 80er Jahre bereits Konzerte im früheren Theater und Kino „Metropol“ am Nollendorfplatz, das seit 1978 auch als Diskothek genutzt wurde.

"Kurz vor der Wende war West-Berlin einfach langweilig"

„Das war der Wahnsinn, ich war plötzlich in der Szene drin und bin danach auch als Drummer mit Romy Haag getourt.“ Schlagzeuger war aber nicht seine Traumkarriere. „Deshalb habe ich parallel Lieder geschrieben“, sagt Nhoah, der zahlreiche Hits der Berliner Elektropop-Band „Mia“ produzierte. „Und alle Künstler, denen ich mal etwas geschrieben habe, bekamen dann plötzlich einen Plattenvertrag.“ Nach diversen musikalischen Projekten mit Bronsky Beat oder Gareth Jones von Depeche Mode, kam dann der Wunsch auf, Berlin zu verlassen.

„Kurz vor der Wende war West-Berlin einfach langweilig. Das kulturelle Geschehen wurde von Westdeutschen bestimmt, die in die Stadt gekommen waren“, sagt Nhoah. „Die haben sich in Kreuzberg niedergelassen und auch viel Gutes gemacht, keine Frage. Aber mir als Berliner war vieles davon fremd.“ Als die Mauer niedergerissen worden sei, habe sich auch für ihn als West-Berliner ein neuer Horizont eröffnet: „Da waren Menschen wie ich, die haben berlinert und waren Freigeister. Auch musikalisch gab es ganz neue Möglichkeiten.“ Die Gründung von Bands wie Rammstein, Rosenstolz oder Tokio Hotel sei im Westen undenkbar gewesen.

Wo die Berliner Mauer heute noch steht
leLange Zeit trennte sie die Menschen: Die Berliner Mauer. Doch in letzter Zeit verband sie die Menschen wieder. Sie wehrten sich gegen den Teildurchbruch an der East Side Gallery.Weitere Bilder anzeigen
1 von 16Foto: dpa
06.03.2013 17:25leLange Zeit trennte sie die Menschen: Die Berliner Mauer. Doch in letzter Zeit verband sie die Menschen wieder. Sie wehrten sich...

„Im Osten gab es keine starren musikalischen Schubladen“, sagt er. „Und ich war schon immer jemand, der gerne Grenzen vermischt hat.“ Ganz so bunt wie Nhoah hat DJ Divinity die musikalische Szene in der DDR und nach der Wende nicht empfunden. „Ich hatte immer das Gefühl, die Musik wurde von staatlichen Stellen gefördert und einige Musiker hatten eine Haltung, die war mir einfach unangenehm“, erinnert er sich. Gerne hätte Frank Kittelmann eine Musikschule besucht, aber er scheiterte schon an der Grundausstattung. „An brauchbare Instrumente war nicht dranzukommen“, sagt er.

Im Musikgeschäft in der Nähe des Alexanderplatzes gab es weder eine Gitarre noch andere gute Instrumente. „Meine Mutter war Verkäuferin bei der Handelskette Konsum‘ und hatte auch nicht die nötigen Beziehungen, um ein Instrument zu beschaffen.“ Sein Blick ging Richtung Westen.

Vom Begrüßungsgeld die ersten Prince-Platten

Der amerikanische Radiosender AFN Berlin, den man mit Geschick und Glück auch in Ost-Berlin hören konnte, war damals sein Lieblingssender. „Ich habe mich immer gefragt, was ist eigentlich an der Musik, die dort gespielt wird, so schlimm, dass dieser Staat, in dem ich lebe, sie nicht spielt?

Das war unverständlich für mich.“ Seine Vorbilder waren vor allem Musiker aus Amerika. Im Westfernsehen verfolgte Kittelmann die Musikvideosendung „Formel Eins“, die ab 1983 in der ARD zu sehen war. „Da habe ich zum ersten Mal Prince gesehen“, sagt DJ Divinity. „Danach habe ich sofort meine Jacke mit Pailletten und Glitzer verschönert.“ Mit der aufgenommenen Musikkassette ging es am Abend in die Disko. „Da haben wir dann unsere Lieblingslieder auf der Tanzfläche performt“, sagt DJ Divinity. „Ich war natürlich immer Prince.“

Von den 100 DM Begrüßungsgeld, das der damals 19-Jährige am 10. November 1989 am Breitscheidplatz bekam, kaufte er sich seine ersten Prince-Platten.

Als Prince im März 1987 zum ersten Mal in der Deutschlandhalle in West-Berlin aufgetreten war, konnte Divinity das Konzert im Gegensatz zu Nhoah noch nicht besuchen. Dafür stieg er mit Freunden auf die Aussichtsplattform des Französischen Doms am Gendarmenmarkt. „Von dort aus konnte man nach West-Berlin schauen und hatte wenigstens ein bisschen das Gefühl dabei zu sein.“

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