3. Lange Nacht der Opern und Theater : Das große Versprechen

Die Reise durch die Stadt in den Theaterbussen ist ein Abenteuer – reich an Entdeckungen und Neuigkeiten. Und eine logistische Herausforderung.

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Das Geheimnis der Vorhangs. Die Berliner Künstlerin Susanne Husemann spielt in ihren Gemälden mit Theatermotiven. Nichts drückt die Erwartung stärker aus als dieser Stoff, aus dem die Träume und Alpträume sind.
Das Geheimnis der Vorhangs. Die Berliner Künstlerin Susanne Husemann spielt in ihren Gemälden mit Theatermotiven. Nichts drückt...Foto: Husemann

Liegt da eine Leiche auf den Brettern, vom geschlossenen Vorhang halb verdeckt? Was sagt die geheimnisvolle Schrift, die auf dem Kopf steht? Und schaut da nicht jemand durch ein winziges Loch in den Zuschauerraum?

Ein Bild der Berliner Künstlerin Susanne Husemann lockt auf unserer Sonderbeilage in die Lange Nacht der Berliner Bühnen, wie schon in den beiden Jahren zuvor. Sie malt diese Vorhänge als lebendige Wesen von eigener Anmut und Würde, als Stillleben nach dem Sturm – oder davor. Die Vorhänge gehören zu einem Stück, das jeder für sich selbst weiterspinnen kann. Ein Verbrechen – oder ein Versprechen. Es haftet dem Bild auch etwas Sehnsüchtiges an.

Der Vorhang, der Stoff, aus dem die Träume sind, wird in den Theatern nicht mehr so häufig benutzt, wie es einmal der Fall war. Oft blickt man, ehe die Aufführung beginnt, in ein tiefes Loch, auf eine leere Fläche. Der Vorhang als zugleich trennendes und verbindendes Element scheint etwas aus der Mode gekommen zu sein. Nicht aber seine Symbolkraft.

Darin liegt der Zauber der Langen Nächte. Niemand weiß, was ihn erwartet. Sechzig Bühnen beteiligen sich in diesem Jahr. Der Reichtum der Berliner Theater und Opern ist unvergleichlich, die Reise durch diese Landschaft verspricht eine Schatzsuche.

Wie erfahrene Besucher wissen, geht diese Entdeckungsreise nicht ohne Überraschungen und Hindernisse vonstatten. Denn man ist auf diesen Expeditionen in die Nacht, in der man zum Tourist wird in der eigenen Stadt, nicht allein. Nicht alles lässt sich planen. Auch das macht den großen Reiz aus.

Ich erinnere mich an das letzte Jahr, an den gewaltigen Auftrieb, an die große Begeisterung. Aber auch an Warteschlangen und die Ansage: wegen Überfüllung geschlossen. Es hat sich herumgesprochen: Die Lange Nacht ist ein Erfolg, ein einmaliges Erlebnis, und es schadet nicht, etwas Geduld aufzubringen. 20 000 Besucher wurden im letzten Jahr gezählt. Die Veranstalter bieten auf dem Rosa-Luxemburg-Platz, wo in diesem Jahr das Zentrum der Theatererkundung liegt, ein Open-Air-Programm. Drei der sieben Shuttle-Routen beginnen hier, vor der Volksbühne, zwei weitere an der Deutschen Oper und je eine am Gleisdreieck und am Hermannplatz.

Schön ist es, mit den Theaterbussen durch Berlin zu fahren, auf speziellen Linien, die es nur in dieser Nacht gibt. Sie verbinden die Spielorte miteinander, zwischen denen kleine oder größere Theaterwelten liegen. Jeder Passagier hat etwas zu erzählen, man tauscht sich aus, bereitet sich auf die nächste Station vor. Ich erinnere mich auch, wie wir einmal im Bus geblieben und nicht ausgestiegen sind, es war ein spontaner Entschluss, wer weiß, was wir verpasst haben. Am Ballhaus Naunynstraße sind wir dann zu früh angekommen, mussten warten – auf dem Hof verkaufte der Schauspieler Birol Ünel fantastisch gutes Baklava. Das Ballhaus Naunynstraße ist nun schon lange kein Geheimtipp mehr. Binnen kurzer Zeit ist es vom Rand ins Zentrum der Berliner Theaterlandschaft gerückt: „Verrücktes Blut“, eine Produktion von Nurkan Erpulat und Jens Hillje, wurde zum Theatertreffen eingeladen, die Truppe macht Gastspiele in aller Welt. Migrantisches Theater: Der rasante Erfolg einer neuen Theatersprache zeigt, wie durchlässig die Verhältnisse in Berlin sind. Wie stark auch der soziale Druck – und die Nachfrage nach frischen Ausdrucksformen. In der Langen Nacht spürt man diesen Wind.

Rüdiger Schaper
Rüdiger SchaperFoto: Kai-Uwe Heinrich tsp

Dabei ist es am angenehmsten, sich treiben zu lassen. Aber das ist eine Geschmacksfrage. Ich war in den ersten beiden Jahren beeindruckt von Theatersuchern, die ihre Nacht angingen wie eine Bergbesteigung, nichts dem Zufall überließen, bestens ausgerüstet waren, nie ermüdeten und vermutlich alle ihre Ziele erreichten. Auch das ist eine Kunst.

Musiktheater und Tanz, Schauspiel und Performance, Theater für Kinder und Jugendliche, Comedy und Boulevard: Der Publizist Siegfried Kracauer hat 1931 in einem Feuilleton das Wort vom „Berliner Nebeneinander“ geprägt. Er meinte damit auch das soziale Gefälle in der Hauptstadt, das ihm überall ins Auge sprang. Jüngst gab es wieder eine kulturpolitische Diskussion über die Ungerechtigkeit bei der Subventionierung (oder Nicht-Subventionierung) großer und kleiner Bühnen. In der Langen Nacht scheinen diese Differenzen zu verschwinden.

Doch vor allem bietet sich hier sämtlichen beteiligten Ensembles und Etablissements die Möglichkeit, für sich zu werben und frische Aufmerksamkeit zu gewinnen. Die Lange Nacht ist kein Wettbewerb der Berliner Bühnen, aber sie hat sportlichen Charakter. Und ihre kulturpolitische Botschaft ist deutlich: Das eine kann ohne das andere nicht bestehen, das Große nicht ohne das Kleine, das Alte nicht ohne das Neue, und umgekehrt. Ein Staatsballett ohne ein Dock 11 (ein Ort für den freien Tanz in der Kastanienallee) ergibt keinen Sinn, jedenfalls nicht in einer Stadt wie Berlin.

Besonders hingewiesen sei auch auf das English Theatre in Kreuzberg, das einzige seiner Art, und auf das Hebbel am Ufer, wo sich die Idee des Stadttheaters, des Stadtteiltheaters, das zugleich ein Staatstheater ist, übers Jahr manifestiert.

Eigentlich ist eine Lange Nacht gar nicht lang genug, um den Berliner Theaterdschungel zu erkunden. Es handelt sich vielmehr um eine Theatermesse, verteilt über die ganze Stadt, die einlädt zum Wiederkommen. Ein bisschen geht es zu wie beim Speed Dating: Man hat nur ein paar Minuten, um herauszufinden, ob das Herz schneller zu schlagen beginnt, ob die Chemie verträglich ist. Draußen wartet schon die nächste Gruppe.

So eine Lange Nacht verströmt ein haupt- und großstädtisches Gefühl. Kunst und Kulturpolitik, Topographie und Ästhetik, Inszenierung und Zufall liegen neben- und übereinander. Berlin hat viele Oberflächen, und an einigen Stellen dringt man dann auch in die Tiefe ein.

Noch einmal ein Blick auf den Vorhang. Er scheint sich in den letzten Minuten bewegt zu haben. Auch in dem Bündel an der Rampe regt sich Leben. Die Nacht beginnt.

Rüdiger Schaper ist Theaterkritiker und leitet das Kulturressort des Tagesspiegels

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