30 Jahre CCC : "Wir müssen uns den rotzigen Ton bewahren"

30 Jahre Chaos Computer Club - aus dem Nerd-Verein ist längst ein gefragtes Expertengremium geworden. Ein Interview mit CCC-Sprecherin Constanze Kurz über Subversion, Nachwuchsfragen und Hacker-Klischees.

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Die Berlinerin Constanze Kurz, geboren 1974, ist Sprecherin des Chaos Computer Clubs. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Die Berlinerin Constanze Kurz, geboren 1974, ist Sprecherin des Chaos Computer Clubs.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Der CCC wird in diesen Tagen 30 Jahre alt. Immer häufiger bekommt er in der Presse das Prädikat „altehrwürdig“ verpasst. Wie fühlt sich das an?

 Natürlich hat der CCC jetzt eine gewisse Tradition. 30 Jahre sind eine lange Zeit, und ich glaube, am Anfang hat niemand erwartet, dass dieser doch recht chaotische Verein einmal mehrere Dekaden alt wird. Doch, ich finde, altehrwürdig passt schon. Der Club kommt schließlich aus einer Zeit, in der Computer noch kaum eine Rolle gespielt haben. Und heute ist er eine Art Institution.

 Inzwischen spielt der Club eine große Rolle in öffentlichen Debatten, Mitglieder sitzen in der Internet-Enquetekommission des Bundestags, parlieren mit Ministern. Gehören Sie jetzt zum Establishment?

 Klar gibt es auch im Club Debatten darüber, ob wir langsam arriviert werden, ob wir uns zu stark mit dem sogenannten Establishment einlassen. Ich gehöre zu denen, die das nicht so sehen. Es gehört zu unseren Aufgaben, mit den Leuten zu reden, das steht so in unserer Satzung. Wir müssen unser Wissen teilen. Und das heißt eben auch, mit politischen Entscheidern zu reden. Das heißt ja auch noch nicht, dass wir uns vereinnahmen lassen.  Thomas de Maizière hat einmal gesagt, als er noch Innenminister war: Die Leute vom CCC würden sich ja schon gut auskennen, aber wir hätten so einen rotzigen Ton. Den müssen wir uns bewahren. Weichgespültes Konsensgequatsche gibt es überall.

 Ein Beispiel dafür, dass der CCC noch subversiv ist?

 In den letzten Jahren gehörte sicher die Veröffentlichung von Schäubles Fingerabdruck dazu und der Wahlcomputer-Hack. Oder die Lücken, die wir im elektronischen Personalausweis gefunden haben. Es geht dabei gar nicht immer darum, dass es technisch besonders anspruchsvoll ist, sondern vor allem, die Öffentlichkeit zu informieren und dieses Bullshit-Bingo zu beenden, bei dem jeder erzählt, wie toll und sicher alles ist.

 Der CCC wurde in den Räumen der taz gegründet – wie links ist er heute noch?

 Die Mitgliedschaft ist total heterogen, wir decken ein breites Spektrum ab. Wir sehen uns ohnehin keiner Partei nahe, sondern wollen mit allen reden können. Es stimmt, wir wollen über die Gesellschaft, wie sie jetzt ist, hinaus denken. Viele rufen dann gleich: Siehste, links. Ich finde, man darf denken, ohne sich gleich irgendwo einsortieren zu müssen.

 Wie steht es um den Nachwuchs?

 Wir sehen an den Teilnehmern an unseren jährlichen Kongressen und an den Mitgliederzahlen, das wir ständig wachsen – wir sind jetzt fast 3000. Da wächst eine Generation heran, die tagtäglich mit Computern zu tun haben und nicht nur Benutzer sein wollen, sondern Bock haben, die Technik zu erforschen. Im Moment gibt es auch eine Art „Hackerspace-Movement“. Überall auf der Welt werden Orte gegründet, an denen sich die Hacker physisch treffen. Das finde ich total faszinierend.

 Ihr Sprecher-Kollege, Frank Rieger, hat bei der Eröffnung des Chaos Communication Camps gesagt, die Szene sei zu einer "Kultur" herangewachsen. Was macht denn diese Kultur aus?

 Zuerst bestimmt der Lernwille. Im kindlichen, spielerischen Sinne. Sich nicht aufhalten zu lassen, davon, was die Hersteller schreiben, sondern genau das zu machen, was man nicht mit der Technik machen soll. Und der Wille, alles Wissen zu teilen. Wir sind eine Meritokratie. Am angesehensten sind die Hacker, die gute Projekte angestoßen und hingekriegt haben. Werde ich gerade ein bisschen pathetisch?

 Ein bisschen, aber es ist ja Geburtstag. Haben Sie eigentlich Wau, den berühmten Gründer des Chaos Computer Clubs, noch gekannt?

 Ich war gerade eingetreten, da ist er gestorben. Nein, als Person nicht so recht, ich war ja noch klein (lacht). Aber er hat vieles geprägt, was den Club heute noch ausmacht.

 Gibt es jemanden, der die Übervater-Rolle übernommen hat?

Die eine zentrale Figur gibt es nicht mehr. Der Club ist heterogener heute. Wir sind auch anders organisiert, wir arbeiten anders zusammen, nutzen die neuen Medien. Und wir haben uns auch ein wenig professionalisiert.

 Hat der CCC etwas bewirkt? Sind die Leute inzwischen technisch informierter?

 Es gibt immer noch viele Politiker, die das Netz vor allem als Gefahrenraum sehen. Wenn ich das schon lese, „Tatort Internet“. Diese ältere Politikergeneration scheint mir immer ein bisschen überängstlich. Aber die Leute sind inzwischen viel informierter, ja. Nehmen wir die Debatte um die Anonymität im Internet: Ich habe viele sehr intelligente Foreneinträge, Blogs und Artikel gelesen, in denen steht, warum wir Anonymität brauchen. Bei der breiten Masse zieht der Angstreflex nicht mehr.

 Wann kam Club Mate zum CCC? Dieses bittere Koffeingesöff scheint ja zu jedem Hackertreffen dazu zu gehören…

 Ich weiß nicht mehr. Vor sieben, acht Jahren?

 Es schmeckt furchtbar.

 Ja, stimmt. Es ist furchtbar süß, es ist furchtbar viel Koffein drin. Es ist eigentlich widerwärtig. Man muss drei trinken, gleich nacheinander. Dann kann man nicht mehr aufhören. Viele Regionalkreise haben „Mate-naten“, wo das Zeug rauskommt. Es gibt Karten im Netz, wo man sehen kann, wo die nächste „Ladestation“ ist. Neulich gab es sogar die „Matekalypse“, da hatte die Firma einen Lieferengpass.

 Fünf andere verbreitete Hacker-Klischees, außer, dass sie nichts als Club Mate trinken?

 Das Hacken schnell geht. Im Film dauert es immer zwei Minuten, dann sind sie drin. Das ist natürlich totaler Blödsinn. Im Film haben sie auch immer dunkle Klamotten und sind kriminell. Neben ihnen stehen Cola und Pizzakartons. Und sie haben Pickel. Und sie riechen nicht gut.

 Stimmt es, dass Hacker nur nachts arbeiten?

 Ja, das ist auch ein weit verbreitetes Klischee. Stimmt aber auch ein bisschen. Hacker sind vielleicht wirklich eher Eulen. Hacken ist ja eine Freizeitbeschäftigung. Tagsüber widmet man sich seinem Job. Abends widmet man sich dem, was Spaß macht. Und wenn der Hack erfolgreich war, geht man feiern.

 Was ist mit: Hacker haben keine Freunde?

 Mmmh, das hat sich schon etwas gewandelt. Aber die Leute glauben, dass die Freunde von Hackern dann auch alle Geeks sind.

 Schadet es dem CCC, dass jetzt wieder die „bösen“ Hacker so viel Beachtung finden? Es ist, zumindest gefühlt, das Jahr der Hacker.

 Nicht nur gefühlt! In Deutschland wird der CCC überwiegend positiv gesehen, nicht als kriminelle Vereinigung, sondern als Expertengruppe. Jetzt wird viel über Anonymous und LulzSec berichtet. Doch Hacktivismus, also Hacken aus politischen Gründen, gab es eigentlich schon immer. Man sollte streng unterscheiden zwischen kriminellen Aktionen und virtuellen Sitzblockaden, wie vor Mastercard.

 Sie meinen den Fall, bei dem Anonymous die Server von Mastercard lahmgelegt hat, nachdem das Unternehmen die Konten von Wikileaks gesperrt hatte. Sie sehen solche Attacken als ein politisches Mittel?

 Wir haben uns immer abgegrenzt von Aktionen, die anderen schaden. Andererseits akzeptieren wir ja auch im realen Raum Aktionen wie Sitzblockaden. Das finde ich vergleichbar. Und es ist ja auch klar, dass Leute, deren Lebensraum das Netz ist, sich nicht zu einer physischen Demo zusammenfinden, sondern die Mittel nutzen, die sie aus dem Netz kennen. Aber es gibt natürlich Grenzen, wir selbst haben uns immer an die Hacker-Ethik gehalten, da passen einige der Aktionen natürlich nicht rein.

 Gibt es Kontakte zu Anonymous oder anderen Netzwerken?

 Klar gibt es Kontakte. Aber Anonymous ist sehr dezentral organisiert, es lebt von der Empörung, die immer wieder dazu führt, dass sich kleine und nicht sehr stabile Gruppen zusammen finden.

 Was sind denn die politischen Themen, die in der nächsten Zeit am meisten für Empörung der Hacker sorgen werden?

 Ein Thema ist sicher die Netzneutralität, die Frage, wer hat Macht über die Infrastruktur. Wir werden aber sicher auch noch viel über die Vorratsdatenspeicherung reden. Wir sind grundsätzlich dagegen, Datenhalden anzulegen. Die riesigen Datenskandale, die wir in den letzten Jahren gesehen haben, zeigen, dass man die nie richtig sichern kann. Dieser Streit ist ziemlich fundamental, der muss geführt werden. Und wir müssen ihn gewinnen. Die Gesellschaft wäre eine andere, wenn wir ihn verlieren.

Das Interview führte Anna Sauerbrey.

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