Kultur : 40 Kilometer laufen Schuhprüfstrecke im KZ: Anne Sudrow über

die Produktion eines Konsum- und Rüstungsguts

Hannes Schwenger

Den Buchtitel „Blut im Schuh“ hat Hans-Christoph Buch für seine Reportagen aus dem Weltbürgerkrieg besetzt. Sonst wäre es der richtige Titel für Anne Sudrows Produktgeschichte eines lebens- und kriegswichtigen Gebrauchsguts im „Dritten Reich“, des Schuhs. Blutig ist der Schuh durch seinen Doppelcharakter als Konsum- und Rüstungsgut und durch die mörderische Praxis der Nationalsozialisten, Häftlinge im KZ Sachsenhausen auf einer „Schuhprüfstrecke“ zur Optimierung der deutschen Schuhproduktion bis aufs Blut zu schinden. Für die Autorin – derzeit wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Zeitgeschichtliche Forschung Potsdam – ist das ein Beleg, dass man die Geschichte des technologischen Fortschritts nicht einfach als lineare Modernisierung verstehen kann, die lediglich „einer innertechnischen Sachzwang-Logik folgt“. Es sei vielmehr das Zusammenspiel wirtschaftlicher, sozialer und politischer Triebkräfte, die den gewundenen Weg des Fortschritts bestimmen.

Sudrow verdeutlicht das, indem sie sich Ideologie und Praxis der nationalsozialistischen Wirtschaftslenkung zwischen Hitlers Vierjahresplänen und dem Übergang zur vollendeten Kriegswirtschaft widmet. Für die Materialentwicklung und Technologie der Schuhkonstruktion in Deutschland war das dort gesetzte Ziel einer deutschen Autarkie auslösend für eine Revolution der Werkstoffe und ihrer Verarbeitung, die bis dahin von einem 80-Prozent-Monopol eines amerikanischen Arbeitsmaschinentrusts beherrscht wurde. Jetzt stellte sich die deutsche Schuhindustrie wegen Verknappung des Lederimports auf die Verarbeitung von Lederersatzstoffen um. Neben neuen Lederarten aus bisher nicht genutzten Tierhäuten und der Verwendung von Holz waren das zunehmend Werkstoffe aus Syntheseprodukten der chemischen Industrie – Synthesekautschuk, Polyvinylchlorid und Polyamid.

Am Ende des Zweiten Weltkriegs bestanden deutsche Straßenschuhe ganz aus Kunststoffen, die auch nicht mehr genäht, sondern geklebt waren; die Gummisohlen aus Buna, Brandsohlen und Absatzmaterial aus Lederfaserstoffen, die unter dem Kürzel Lefa bis heute in Gebrauch sind. Ihre Karriere auf dem Weltmarkt traten die Kunststoffe in der Schuhproduktion nach 1945 an, optimiert durch Weichmacher, Bindemittel und Füllstoffe und ergänzt durch luftdurchlässige Kunststoffe als Oberlederersatz.

Trotz Autarkiestreben und Kriegsvorbereitung verblieben in Deutschland Forschung, Konstruktion und Fertigung der neuartigen Produktionslinie ganz im Zivilsektor, während in Amerika und England das Militär die Federführung für technologische Innovationen übernahm. Anders liefen die Dinge bei der Einführung des „Einheitsschnürschuhs“ für die deutsche Wehrmacht (1943/44), bei der sich die Wehrmacht frühzeitig in die Entwicklung des projektierten Soldatenstiefels mit Gummisohle einschaltete. Schauplatz war die seit 1940 bestehende „Schuhprüfstrecke“ im Konzentrationslager Sachsenhausen. Für Sudrow „besteht kein Zweifel darüber, dass die Unternehmen und die beteiligten Wissenschaftler von Anfang an wussten, dass bei den vorgesehenen Gemeinschaftsprüfungen Häftlingsarbeit unter KZ-Bedingungen eingesetzt wurde“.

Das bedeutete im Klartext, dass die Testpersonen „für die Versuche gesundheitlich zugrunde gerichtet und durch sie oder während ihres Verlaufs reihenweise ermordet“ wurden. Das tägliche Laufpensum der Häftlinge lag über 30, später 40 Kilometer, die – oft genug aus Schikane – in unpassendem und schadhaftem Schuhwerk zurückgelegt werden mussten. Hatten die Häftlinge also Blut im Schuh, hatten nicht nur ihre Peiniger, sondern auch deren Auftragsgeber Blut an den Händen. Das hat nicht verhindert, dass die beteiligten Wissenschaftler und Wirtschaftsfachleute ihre Karrieren in beiden deutschen Staaten fortsetzen konnten. Sudrow nennt Namen, darunter Hochschullehrer, Akademiemitglieder und einen Träger des Großen Verdienstkreuzes der Bundesrepublik.



– Anne Sudrow:
Der Schuh im Nationalsozialismus. Eine Produktgeschichte im deutsch-britisch-amerikanischen Vergleich. Wallstein Verlag, Göttingen 2010. 876 Seiten, 69,90 Euro.

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