Kultur : 42 Quadratmeter Glück

Licht und Luft für alle: Das Frankfurter Architekturmuseum würdigt den Stadtplaner Ernst May

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Architekt
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Die baumlose Steppe dehnt sich bis zum Horizont. Die flachen, langgestreckten Häuser für die Arbeiter, die die neue Stadt Magnitogorsk hinter dem Ural bevölkern sollen, hat Ernst May ersonnen, für eins der größten Vorhaben des Fünfjahresplans der Sowjetunion 1928. Als Chefingenieur des Städte- und Siedlungsbaus der UdSSR ist er zuständig für die Anlage der neuen Industriestädte, die vom Reißbrett weg entstehen sollen.

1930 geht May mit 17 Mitarbeitern in die Sowjetunion. Das Reißbrett ist ihm vertraut: Zuvor hat er fünf Jahre lang als Städtebaudezernent und Inhaber weiterer Ämter mit bislang ungekannter Machtfülle die Bautätigkeit seiner Heimatstadt Frankfurt am Main gelenkt. „Das neue Frankfurt“, so der Titel der von seiner Behörde herausgegebenen Zeitschrift, sollte menschenwürdiges Wohnen für all jene schaffen, die in übervölkerten, hygienisch oft katastrophalen Quartieren hausen mussten. 12 000 Wohnungen entstehen in der Ägide May, in den Siedlungen wird für ein Zehntel der Frankfurter Bevölkerung die Forderung nach Licht, Luft und Sonne erfüllt, für viele auch die Sehnsucht nach einem Stück Garten – eine der großen sozialpolitischen Maßnahmen der Weimarer Zeit.

Mays Frankfurter Herkulesarbeit kam nicht aus dem Nichts, sie endete auch nicht mit der Weltwirtschaftskrise, die den deutschen Städten das abrupte Ende ihrer kommunalpolitischen Vorhaben bescherte. So war es überfällig, dass das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt das Lebenswerk von Ernst May (1886–1970) zu dessen 125. Geburtstag würdigt; das Haus hütet den Nachlass des Architekten. Mit einer Fülle von Plänen, Fotografien, Modellen, Dokumenten und zeitgenössischen Filmstreifen ersteht vor den Augen des Besuchers ein Lebenswerk, das schon seines Umfangs wegen Bewunderung abnötigt.

Wobei sich die Ausstellungsmacher mit Mays Spätwerk schwer tun. 1953 kehrt er aus Afrika in die Bundesrepublik zurück und verwirklicht in der Wirtschaftswunderzeit seine größten Städtebauprojekte, in Bremen-Neue Vahr oder Hamburg- Neu-Altona. Die Kritik daran verkennt jedoch die Entstehungsbedingungen – den enormen Wohnungsbedarf nach dem Zweiten Weltkrieg – und Mays Enthusiasmus für die Massenproduktion.

Genau das wird am „neuen Frankfurt“ hingegen gelobt, und so nehmen diese fünf Jahre im 58-jährigen Berufsleben Mays die Hälfte des Ausstellungsparcours’ ein. Mays Siedlungen bemaßen sich möglichst nach 1000 und mehr Wohneinheiten, sie wurden auf Brachen oder auf die grüne Wiese am Stadtrand gestellt, sogar eine Fabrik für Fertigbauteile wurde errichtet. Eingebettet war Mays Tätigkeit in eine umfassende sozialpolitische Ausrichtung der Frankfurter Kommunalpolitik unter Oberbürgermeister Ludwig Landmann, Mitglied der Deutschen Demokratischen Partei. Seine Politik zielte auf die Verbesserung der Lebensverhältnisse, finanziert durch eine Hauszinssteuer.

So wurde die Großmarkthalle nach Plänen von Martin Elsaesser errichtet, um Obst und Gemüse für die Städter anzuliefern, es entstanden städtische Versorgungsunternehmen, deren Gestaltung in den Händen Adolf Meyers lag, des früheren Büropartners von Walter Gropius. Ferdinand Kramer entwarf den Brennstoff sparenden „Kramer-Ofen“, mit dem die Kleinwohnungen wirtschaftlich beheizt werden konnten, und Grete Lihotzky aus Wien konstruierte die „Frankfurter Küche“, eine Einbauküche zum ökonomischen Einsatz der hausfraulichen Arbeitskraft. 15 000 davon wurden, geringfügig variiert, in Frankfurt verbaut.

Ein Jammer, das so wenig davon erhalten ist. Erst einer Vereinsinitiative gelang es, wenigstens eins von Mays Reihenhäuschen in der Siedlung Römerstadt in den Originalzustand zurückzuversetzen, Lihotzky-Küche mit Spülbecken, Hängeschrank und Aluminiumschütten inklusive. Die Zimmer sind klein, nur mehr 42 Quadratmeter maß eine Wohnung in der Siedlung Westhausen. Doch die heutige Kritik daran verkennt, welch ein Geschenk es bedeutet haben muss, wenn eine Familie, die zuvor zu fünft in einem Zimmer eingepfercht war, dergestalt von der schlimmsten Not befreit wurde.

1930, als die Weltwirtschaftskrise mit voller Härte durchschlug, kam das sowjetische Angebot. Noch 1929 hatte Frankfurt den zweiten „Congrès International d’Architecture Moderne“ (CIAM) beherbergt, bei dem sich Europas Architekturavantgarde Gedanken über die „Wohnung für das Existenzminimum“ machte. In der Sowjetunion tat sich der „Brigade May“ ein weit größeres Arbeitsfeld auf. „Vielleicht die größte Aufgabe, die je einem Architekten gestellt wurde“, schwärmte May. Doch sah er sich im Zuge der Stalinisierung in die Ecke der „Formalisten“ gedrängt, erst wurde er als „ausländischer Spezialist“ beneidet, dann beargwöhnt, schließlich kaltgestellt. Entscheidungen wurden verzögert, Planungen abgebrochen. Der Brief an Stalin vom September 1931, in dem May anbot, dem Generalsekretär der KPdSU die Prinzipien der Stadtplanung und deren Defizite in der Sowjetunion zu erklären, blieb unbeantwortet.

Der stalinistische Schwenk der Baupolitik Anfang 1932 führte zur Degradierung Ernst Mays, dem der Mangel an neugebautem Wohnraum zum Vorwurf gemacht wurde. In einer Zeit, da Planziffern übererfüllt werden mussten, war das geradezu ein Verbrechen. Frustriert beendete May sein Arbeitsverhältnis, erhielt noch ein respektables Zeugnis und ging, da ihm Hitler-Deutschland verschlossen war, 1933 als Farmer nach Ostafrika.

Afrika sah einen anderen May, der den britischen Kolonialherren hübsche Villen baute und den Einheimischen praktische Behausungen, die jedoch nicht auf Gegenliebe stießen: Man wollte wohnen wie die Europäer. Mays Hauptwerk dort ist ein Hotel im kenianischen Mombasa im zeittypischen Schwung der fünfziger Jahre. Zwei Jahrzehnte verbrachte er in Afrika, ehe ihn alte Kollegen in die restaurativ gefärbte Bundesrepublik zurückholten.

„Verpasste Chance“, hatte May bereits 1950 während eines Deutschlandbesuchs über den Wiederaufbau gewettert. Bei der gewerkschaftseigenen Neuen Heimat in Hamburg, dem größten Wohnungskonzern Europas, knüpfte er nahtlos an den Großplanungsgestus der Frankfurter (und zuvor Breslau-schlesischen) Jahre an, gab den Posten aber zugunsten freiberuflicher Tätigkeit bald wieder auf.  Er gewann 1957 den DDR-seitig ausgeschriebenen, gesamtdeutschen (!) Wettbewerb für eine Trabantensiedlung in Ost-Berlin, doch die Planung verschwand in der Schublade. May starb, hochgeehrt und Mitglied unter anderem der Berliner Akademie der Künste, im September 1970, mitten in der Arbeit. Noch Tage vor seinem Tod besuchte er eine Baustelle.

Ein Bilderbuchleben. Und ein für die soziale Verpflichtung der Architektur beispielhaftes Œuvre. Man muss nur das kleine Häuschen in der Römerstadt besuchen, nachdem man an dem fein geschwungenen, gerundeten Hauptblock der Siedlung vorbeigegangen ist, der den Reihenhauszeilen ein Zentrum gibt und ein Gefühl von Größe, um sich dessen bewusst zu werden. Dass die Straßen heute mit Mittelklasseautos vollgeparkt sind, hätte May sich nicht in seinen kühnsten Träumen vorstellen können.

Deutsches Architekturmuseum, Frankfurt/M., Schaumainkai 43, bis 6. November. Katalog bei Prestel, 39 €, geb. 49,95 €. Rahmenprogramm unter www.dam-online.de. Ernst-May-Haus: Im Burgfeld 136, Infos unter www.ernst-may-museum.de

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