"45 Years" : Was ich nicht von dir wusste

Lügen und Geheimnisse: Charlotte Rampling beeindruckt in „45 Years“. Einem ruhig und präzise erzähltem Film über die späte Krise einer Ehe.

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Eine Liebe in der Krise.Tom Courtenay
Eine Liebe in der Krise.Tom Courtenaypromo

Berge, azurblauer Himmel, ein See. Eine junge Frau vor einem Baum. Jetzt Nahaufnahme. Rotbraune, halblange Haare, sie ist sehr attraktiv. Dann die letzten Bilder. Die Frau, im Profil, fasst sich an den Bauch. Sie ist schwanger. Kate Mercer, gespielt von Charlotte Rampling, ist auf den Dachboden gestiegen, wohin sich ihr Ehemann in den letzten Tagen immer wieder zurückgezogen hat. Sie hat Dias gefunden, die ein halbes Jahrhundert alt sind. Jetzt sitzt sie neben dem Projektor und schnieft, als müsste sie gleich weinen. Die Leinwand ist nur von hinten zu sehen, umso besser aber Kates Gesicht. Es versteinert.

Denn die Bilder auf der Leinwand trennen sie von Geoff, ihrem Mann. Weil sie eine Geschichte erzählen, von der sie nichts geahnt hat. Kate und Geoff haben keine Kinder bekommen, sind aber trotzdem glücklich geworden. Dachte sie jedenfalls. Bis jetzt. „Ich war nicht gut genug für dich“, wirft sie ihm vor, die einzige Szene, in der es etwas lauter wird.

Die späte Krise einer Ehe

„45 Years“, der britische Wettbewerbsbeitrag von Andrew Haigh, erzählt sehr präzise und ruhig von der späten Krise einer Ehe. Geoff und Kate wollen am Wochenende ihren 45. Hochzeitstag mit einem Fest feiern. Beim 40. Hochzeitstag mussten alle Ehrungen ausfallen, weil Geoff gerade eine Bypass-Operation hinter sich hatte. Der Film setzt am Montag ein, einem nebelverhangenen Tag, den Kate mit einem Spaziergang beginnt. „45 Years“ spielt unweit der „Broads“, einer von Kanälen durchzogenen ostenglischen Landschaft bei Norwich. Die Nebel werden sich 90 Minuten lang nicht verziehen, die Natur bleibt trüb und undurchschaubar, eine Metapher für den unklaren Beziehungsstatus der beiden Protagonisten. Verbindet sie Liebe, noch immer? Oder haben sie sich einfach nur aneinander gewöhnt, so wie man sich an ausgelatschte Schuhe gewöhnt?

Die Wettbewerbsfilme 2015
EISENSTEIN IN GUANAJUATO: Peter Greenaway, legendärer Bildertüftler und im deutschen Kino seit 20 Jahren nicht mehr präsent, widmet sich einem ebenso legendären Kollegen: 1931 dreht Sergei Eisenstein den aus Geldnot Fragment bleibenden Film „Que viva México“ – und erlebt in den Subtropen einen politisch ergiebigen Klimaschock. Greenaway erzählt die Story auch mit den filmischen Mitteln seines Helden. NL/Mexiko, 105 Min., R: Peter Greenaway, D: Elmer Bäck, Luis AlbertiWeitere Bilder anzeigen
1 von 23Foto: promo
27.01.2015 18:16EISENSTEIN IN GUANAJUATO: Peter Greenaway, legendärer Bildertüftler und im deutschen Kino seit 20 Jahren nicht mehr präsent,...

Als Kate nach Hause kommt, läuft gerade „Smoke Gets in Your Eyes“ von den Platters, und sie singt leise mit. Das ist der Song, mit dem bei ihrer Hochzeit der Tanz eröffnet wurde. Geoff hat einen Brief aus der Schweiz bekommen, auf Deutsch, was er nur schwer versteht. „Ich glaube“, sagt er, „sie haben sie gefunden.“ „Sie“, das ist Katja, seine deutsche Freundin, mit der er 1962 wochenlang in den Schweizer Bergen unterwegs war. Katja stürzte durch eine Felsspalte in einen Gletscher. Jetzt ist der Schnee geschmolzen, und Katja wurde entdeckt. Fünfzig Jahre lag sie im Eis, „wie in einer Tiefkühltruhe“. Sagt Geoff. „Wie eine dänische Moorleiche.“ Sagt Kate.

Der Gefühlsfrost taut auf

Klimawandel. Der Gefühlsfrost taut auf, die Ehe gerät in Bewegung. Regisseur Andrew Haigh, der mit der schwulen Liebesgeschichte „Weekend“ bekannt wurde und bei „45 Years“ auch das Drehbuch geschrieben hat, arbeitet meisterhaft mit Subtilitäten und Andeutungen. Aber dass „45 Years“ ein beeindruckender und bewegender Film geworden ist, liegt vor allem an den Hauptdarstellern. Charlotte Rampling (69) spielt immer wieder die kühle, beherrschte und beherrschende Frau. Und Thomas Courtenay (77) – Geoff – war schon in „Doktor Schiwago“ dabei und hat eine lange Theaterkarriere hinter sich.

Großartig, wie Rampling und Courtenay die allmähliche Verwandlung ihrer Figuren darstellen. Geoff erscheint anfangs hilfsbedürftig, man könnte ihn auch für dement halten. Er zieht seinen Bademantel kaum aus, spricht stotternd und leicht verwaschen. Als er die Toilettenspülung zu reparieren versucht, quetscht er sich die Finger ein. Kate, deren Haare noch immer dunkel sind, tritt gouvernantenhaft auf, in Stiefeln und mit Stakkatodiktion, mit Geoff spricht sie mitunter wie mit einem Kind: „Wir wollten doch das Rauchen aufgeben.“

Alles ist anders als vor 45 Jahren

Doch Geoff blüht im Laufe des Filmes auf, emanzipiert sich, raucht bald auch im Auto, schmiedet heimlich Reisepläne in die Schweiz, während Kate zaudert, zagt und immer elender aussieht. „Kann ich auf etwas eifersüchtig sein, was vor meiner Zeit stattgefunden hat?“, fragt sie sich . Ein Thema, das Julian Barnes in seinem Roman „Als sie mich noch nicht kannte“ ausbuchstabiert hat. Kate kann. Sie erfährt, dass Geoff und Katja sich in der Schweiz als Eheleute ausgaben, um gemeinsam übernachten zu dürfen. Und dass Geoff Katja nach der Reise heiraten wollte.

Der Festsaal, in dem die Jubiläumsfeier stattfinden soll, hat eine lange Tradition. Dort fand 1805 der Ball nach der Seeschlacht von Trafalgar statt. „Ist Nelson nicht dabei gestorben?“, will Kate wissen. Am Ende wird in dem Saal „Smoke Get in Your Eyes“ gespielt, das Hochzeitslied von Kate und Geoff. Aber alles ist ganz anders als vor 45 Jahren. Oder noch vor einer Woche. Christian Schröder

7.2., 10 + 22.15 Uhr (Haus der Berliner Festspiele), Friedrichstadtpalast, 15 Uhr

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