5. BERLIN ART WEEK : Mythos und Mut

Fünf Tage lang Ausstellungen, Performances, Talks. Die Stadt setzt mit der konzertierten Aktion der Kunst nicht zuletzt auf Vermarktung.

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Bilder, Bilder, Bilder. Blick in die abc-Ausstellungshalle 2015, hier eine Installation von Marius Bercea bei der Galerie Blain Southern. Foto: Marco Funke
Bilder, Bilder, Bilder. Blick in die abc-Ausstellungshalle 2015, hier eine Installation von Marius Bercea bei der Galerie Blain...Foto: Marco Funke

Hunderttausend Besucher zählte die Berlin Art Week im letzten Jahr. Die Zahl soll getoppt werden, das haben sich die Organisatoren offenbar vorgenommen. So viel Optimismus wurde jedenfalls selten zur Schau getragen wie beim Kick-off der Kunstwoche im Kino International, wo Kulturstaatssekretär Tim Renner und Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer Stimmung machten.

Steigerung ist wichtig für Berlin, nachdem in letzter Zeit immer wieder Kritik laut wurde. Galerien schließen, weil das Geschäft nicht läuft, die Kunstmesse Abc verkleinert sich radikal (auch wenn die Not als Tugend verkauft wird), Künstler verlassen die Stadt, um sich andernorts niederzulassen, wo sie einander nicht auf die Füße treten und ihre Arbeit mehr Beachtung findet.

Bröckelt der Mythos von der strahlenden Kunststadt Berlin? Die Art Week strengt sich an, das Gegenteil zu behaupten. 50 Partner haben sich dafür unter dem von der Kulturprojekte GmbH vor fünf Jahren gezimmerten Dach zusammengetan, einer Tochter der Berliner Kulturverwaltung. Jedes Jahr im Herbst will man es allen zeigen, nachdem 2011 Knall auf Fall der Kunstmesse artforum gekündigt worden war und man erst danach merkte, welche Bündelungskraft diese ungeliebte Verkaufsausstellung in den damals noch allzu weit im Westen gelegenen Messehallen besaß. Ihr Erbe wollte die exklusive, von Galeristen, keiner Messegesellschaft gemachte Abc-Schau nie antreten.

Ein Pfau namens Berlin Art Week

Seitdem sich außerdem das Wowereit’sche Großprojekt Kunsthalle in Wohlgefallen auflöste und die Ausstellung „Made in Berlin“ als herbstliche Ersatzveranstaltung floppte, geht das Geld an vorhandene Institutionen, um sie in einer konzertierten Aktion einmal im Jahr mehr zum Strahlen zu bringen, statt sie gerupft dastehen zu lassen. Wie Film, Tanz, Musik und Theater schlägt auch die bildende Kunst ihre Federn zum Rad – als Pfau namens Berlin Art Week.

So wiederholt sich das Ritual: Jedes Jahr schwören die wichtigsten Macher sich öffentlich darauf ein, auf dass es wieder ein Erfolg werde: mehr Besucher, mehr ... siehe oben. Zur 5. Art Week haben sie die große Filmbühne als Forum gewählt, mit dem Glitzervorhang des Kino International. Davor reihen sich Museumsdirektoren, Kunstvereinsleiter, Kulturmanager mit Tim Renner und Cornelia Yzer auf, um ihr Versprechen auf die tollsten Kunsttage im Jahr abzugeben. Abgesehen vom Gallery-Weekend im Frühjahr, versteht sich.

Ab dem heutigen Dienstag ist der Vorhang aufgezogen. Die Art Week bietet fünf Tage lang volles Programm: Ausstellungen, Filme, Performances, ArtistTalks, drei Messen, sogar eine Oper, Berlins Privatsammler laden ein, die Berlin Biennale gibt noch einmal alles zu ihrem Finale. Auf unseren Sonderseiten stellen wir die wichtigsten Ereignisse vor, geben Orientierung. Doch wer weiß schon, ob in irgendeinem Kreuzberger Hinterhof, einem Friedrichshainer Loft, einer Charlottenburger Altbauwohnung, wo ebenfalls ein künstlerisches Event stattfindet, noch Wichtigeres passiert?

Die Art Week schafft den Rahmen und verdichtet für einen kurzen Zeitraum, was die Kunststadt zu bieten hat. Da ergeben sich Verbindungen kreuz und quer, werden Trends deutlicher sichtbar: die zunehmende Verflüssigung der institutionellen Grenzen (siehe das Interview mit Udo Kittelmann), das neue Interesse der Künstler an Wissenschaft (S. 21), die neue Würdigung von Künstlerfilmen (S. 20) oder die Suche nach der politischen Kunst (S. 21). Über all das lässt sich streiten. Aber erst mal sehen in diesen Tagen, wohin es die Kunst gerade zieht.

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