50 Jahre Peter Szondi-Institut der FU : Ein einzigartiges Soziotop

Das legendäre Peter Szondi-Institut der Freien Universität feiert seinen 50. Geburtstag. Ein Jubiläumsband gibt Auskunft über die einzigartige Atmosphäre einer Einrichtung, die ihre Bindungskraft über Generationen bewahrte.

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Lektürezirkel im Aufbruch. Gert Mattenklott, Wolfgang Fietkau und Peter Szondi im Jahr 1967 (von links).
Lektürezirkel im Aufbruch. Gert Mattenklott, Wolfgang Fietkau und Peter Szondi im Jahr 1967 (von links).Foto: Heinz Blumensath

Vor Peter Szondi war die deutsche Nachkriegsgermanistik eine weitgehend theoriescheue Disziplin. „Nach Szondi“, wie die von Irene Albers edierte Sammelschrift heißt (daraus hier zwei Texte von Hanns Zischler und David Wagner), übte sie sich manchmal im Gegenteil. Der Band spürt der Wirkungsmacht des ungarischen Juden nach, der als Kind aus dem KZ Bergen-Belsen freigekauft worden war. Wer aber an dem von Szondi 1965 an der Freien Universität Berlin gegründeten Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft (AVL) studierte, der wusste, dass philologische Erkenntnis nur im Miteinander von philosophischem Zugriff und Sinn für die materiale Gestalt von Texten möglich ist – nicht mit aufgepfropften Methoden.

In nur sechs Jahren begründete er eine Tradition des Lesens, die sich bis heute als ein „Ethos des Lesens“ versteht, zu dem Elemente der Kritischen Theorie gehören, ebenso das Close Reading des New Criticism und das Aufspüren dekonstruktivistischer Sinnabgründe: Szondi lud den 1967 mit seiner „Grammatologie“ bekannt gewordenen Jacques Derrida mehrfach an den zur Otto-von-Simson-Straße umbenannten Kiebitzweg ein, an dem die AVL residierte. Im Oktober 1971 ertränkte sich Szondi im Halensee. Nach führungslosen Jahren übernahm 1977 Eberhard Lämmert (der im Mai 2015 starb) die Leitung des Instituts. 2005 zog es vom Hüttenweg 9 an die Habelschwerdter Allee, wo es unter dem Namen des Gründers seither in der Rostlaube beheimatet ist.

Mit Gert Mattenklott, der bei Szondi promovierte, starb 2009 die letzte große Figur aus der Frühzeit, die Dahlem die Treue gehalten hatte. Hans-Thies Lehmann beschreibt in „Nach Szondi“ (Kadmos Verlag, 544 S., 29,80 €) farbig die Mischung aus „Aura und Distanz“, die ihm einen festen Kreis verschaffte, nicht aber eine verzückte Gemeinde, wie sie zur gleichen Zeit der charismatische Hermeneutiker Jacob Taubes um sich scharte.

Szondi, so Lehmann, sei in seinen Vorlesungen von einer „sprichwörtlichen Glaswand“ umgeben gewesen: „Was Szondi lehrte, lässt sich in der Formel konzentrieren, das Wort und den Text wie ein konkretes lebendiges Individuum zu betrachten.“ Der Band gibt Auskunft über die einzigartige Atmosphäre eines Soziotops, das seine Bindungskraft über Generationen hinweg bewahrte.

Die von Irene Albers mit Studierenden entwickelten Ausstellung „Ethos des Lesens“ wird am 16.12. um 16.15 Uhr in der philologische Bibliothek, Habelschwerdter Allee 45 eröffnet (bis 17. März). Vortrag von Hans-Thies Lehmann um 19 Uhr. Eintritt frei, Anmeldung: avl@zedat.fu-berlin.de.


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