500 Jahre Ghetto in Venedig : Die Serenissima und die Juden

Vor 500 Jahren wurde das Ghetto in Venedig eingerichtet. Es hat die Geschichte der Stadt mitgeprägt. Eine Ausstellung im Dogenpalast erzählt jetzt seine Geschichte.

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"Predigt des heiligen Stephan" des Venezianers Vittore Carpaccio (1514)
"Predigt des heiligen Stephan" des Venezianers Vittore Carpaccio (1514)Musée du Louvre, Paris/RMN-Grand Palais

Immer wieder erstaunt der Vogelschauplan von Venedig, den Jacopo de’ Barbari im Jahr 1500 fertigstellte und den der aus Nürnberg stammende Kaufmann Anton Kolb verlegte. Man staunt, weil es seinerzeit keine technischen Hilfsmittel gab, um die Stadt von oben sehen und zeichnen zu können. Jahrhundertelang bildete der von zwölf Holzstöcken gedruckte Plan die Referenz für die Geografie Venedigs. Eines allerdings fehlt: das Ghetto. Es wurde erst 1516 eingerichtet, per Dekret vom 29. März. Alle Juden mussten fortan in einem abgegrenzten Bereich wohnen; und da sich dort früher die Eisen- und Kupfergießerei der Stadt befunden hatte – getò im lokalen Dialekt –, wurde das Areal ebenso genannt.

Die Gießerei war ins Arsenal, die Waffenschmiede der streitbaren Republik verlegt worden, das Gelände seither Gegenstand von Immobilienspekulation. Juden waren als Geldverleiher, als Kreditgeber tätig, allerdings in Mestre auf dem Festland. In der Stadt selbst praktizierten jüdische Ärzte seit Jahrhunderten. Die wechselvollen Kriege der Epoche um 1500 brachten der Republik schwere Verluste bei, die Juden vom Festland suchten Zuflucht in der Lagunenstadt, kirchlicher Widerwillen äußerte sich in meinungsbildenden Predigten – im Ergebnis einer verschlungenen Geschichte kam der Große Rat zum Beschluss, die Juden räumlich zu konzentrieren und im Übrigen mit strikten Aufenthaltsregeln zu belegen.

Die Geschichte des Ghettos von seiner Einrichtung bis heute versuchen die Städtischen Museen Venedigs in der groß angelegten Ausstellung „Venedig, die Juden und Europa 1516–2016“ im Dogenpalast nachzuzeichnen; dort also, wo einst der historische Beschluss gefasst wurde. Es erstaunt, dass die Dokumentation des Ghettos und seiner Bewohner manche Lücken aufweist. Besitzt nicht Venedig seit Urzeiten ein grandioses Staatsarchiv? Nun, auch die Lückenhaftigkeit der Dokumente unterstreicht, dass man mit den Juden nicht so gern zu tun haben wollte, sie andererseits unentbehrlich waren, insbesondere für den Kapitalverkehr der frühkapitalistischen Handelsmetropole. Immer wieder finden sich Maßnahmen, um jüdische Händler und Verleiher in die Stadt zu locken, zunehmend im 17. Jahrhundert, als die Blüte der Republik längst zu welken begonnen hatte.

Ein quirliger, kosmopolitischer Ort auf der Wasserfläche

Geschichtsschreibung bedeutet Differenzierung, und so ist auch die Geschichte des Ghettos nicht einfach die der Diskriminierung, für die der Begriff heute steht. Die venezianische Republik suchte die verschiedenen Nationalitäten, die sich an diesem quirligen, kosmopolitischen Ort inmitten der Wasserfläche der Lagune aufhielten, um und nach 1500 verstärkt zu reglementieren. „Inklusion und Isolation“, so wird diese Politik in der Ausstellung umschrieben, oder „Separation und Kontrolle“. Die Zeit um 1500 ist eine des technischen Fortschritts: Venedig wird zu einem Zentrum des neuartigen Buchdrucks und damit einer nie gekannten Verbreitung von Wissen und naturgemäß auch Meinungen. Tatsächlich war es der nicht anders als epochal zu nennende Humanist und Verleger Aldo Manuzio, der erstmals hebräische Texte druckte, sogar eine dreisprachige Bibelausgabe plante. Der christliche Unternehmer Daniel Bomberg, aus Antwerpen zugezogen, schuf zwischen 1515 und 1549 die wohl schönsten Bücher in hebräischer Sprache und Schrift von der Hand kundiger jüdischer Setzer, die nun – wie die „Rabbinische Bibel“ von 1518 mit reicher Ornamentik – in den Vitrinen als kostbare Leihgaben zu bewundern sind. Das zunächst aus ökonomischen Gründen verordnete, zudem infolge des Bevölkerungsdrucks quasi gebotene Ghetto war selbst ein Mikrokosmos verschiedener Nationalitäten, der aschkenasischen, sephardischen und levantinischen Juden.

Die nach 1600 stark anwachsende Bevölkerung zwang zu einer enormen Verdichtung der Bebauung, wobei die besondere Situation der auf weichem Grund erbauten Stadt zu beständigen Verfügungen und Mahnungen bezüglich der Bauweise der mehrfach aufgestockten und im Inneren vielfältig aufgeteilten Gebäude führte. Belegungspläne solcher Mietskasernen zeigen eine maximale Ausnutzung der Flächen, so dass der Wohnraum pro Kopf der nicht-wohlhabenden Ghettobewohner zeitweilig um die zwei Quadratmeter betrug. Nur Christen durften Immobilien besitzen, und häufig finden sich Eigentümergemeinschaften aus Mitgliedern der städtischen Aristokratie.

Berühmt wurde das Ghetto durch William Shakespeare

Berühmt wurde das Ghetto durch einen Dichter, der weder je Venedig besucht hat noch überhaupt Juden kannte: William Shakespeare. Sein „Kaufmann von Venedig“ prägte in der Figur des Shylock das Bild des jüdischen Händlers, aber auch das der – vergifteten – Interaktion von Christen und Juden. Ausschnitte verschiedener Produktionen, darunter selbstverständlich mit Laurence Olivier, sind in der Ausstellung zu sehen, und Zeilen wie „(He) scorned my nation“ – Nation! – hallen durch die Räume.

Der Eroberer Napoleon ließ die Tore – durch die auch Christen das Ghetto betreten und in Geschäftsverkehr mit Juden treten durften – 1797 abreißen. Bis zu den Rassegesetzen, die Mussolini nach Nazi-Vorbild erließ, standen jüdische Familien in hohem Ansehen. Margherita Sarfatti, aus wohlhabendem Elternhaus – nunmehr am Canal Grande! –, wurde Mussolinis Geliebte und seine erste Biografin; ihr schlicht „Dux“ betiteltes Buch von 1926 erschien sofort in deutscher Übersetzung. Auch das ist Teil der Geschichte.

Lange vor dem Ghetto findet sich in Venedig der Name Giudecca für die zunächst kaum bebaute Insel jenseits der dichten Stadt. Der Name ist bis heute geblieben; vergessen allerdings, dass dort ursprünglich Juden lebten – allerdings in selbstgewählter, nicht verordneter Absonderung – und dass in vielen Besitzungen Venedigs im östlichen Mittelmeerraum ein solcher Wohnbezirk „iudaica“ genannt wurde. Dass die Geschichte Venedigs nicht geschrieben werden kann ohne das spannungsreiche Verhältnis der Serenissima zu ihrer jüdischen Gemeinschaft, führt die Ausstellung im Dogenpalast eindrucksvoll vor Augen.

Venedig, Palazzo Ducale, bis 13. November. Katalog italienisch oder englisch, 70 €. Infos unter palazzoducale.visitmuve.it

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